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Jüdische Volkszeitung · 1874-06-16 · 24 (16.6.1874) · p. Seite 186

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
24 (16.6.1874)
Date
1874-06-16
Page
Seite 186 (sequence 2)
Language
German
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186 Talmudgelehrten, sondem vorzugsweise aus dem Volke der Juden besteht. Allein trotz der anzuerkennenden Opferbereit- Willigkeit für größere Verständlichkeit kann sie doch nicht dem Vorwurfe ״gemißbrauchter Gänsefüßchen" entgehen, ja einen ganzen Pferdefuß sehen wir den schwarzen Geistern nachhinken, die in der Beweisführung für das Begraben gewißbraucht wurden. Die oberflächlichste Prüfung der biblischen Stelle ergibt selbst für das blödeste Auge gerade das Gegentheil dessen, was die ״Jsr. Wochenschr." daraus deduciren will, und es muß bei der Bekanntschaft derselben mit ״Bibel- und Talmudsätzen u. s. w." höchst auffällig erscheinen, wie sie hier das Bibelwort so verdrehen, und dem eigenen Urtheile, mit Umgehung aller noch so gewichtiger Commentatoren, eine solche Gewichtigkeit und Unfehlbarkeit beilegen konnte! Führen wir zur näheren Prüfung die angezeigte Stelle in ihrer Vollständigkeit nach der Mendelssohn'schen Uebersetzung hier an: ״Es soll sein (86. des Verbrechers) Leichnam nicht über Nacht am Holze bleiben, sondern du mußt ihn desselben Tages begraben, denn ein Gehängter ist eine Geringschätzung Gottes, und du mußt das Erdreich, das der Ewige, dein Gott, dir zum Besitze gibt, nicht verunreinigen." Hier werden zwei Gründe angegeben, weshalb der Verbrecher begraben werden | soll, von denen der eine ein Pietäts-, der andere ein Humanitätsgrund ist, aber beide haben nach ihrem natürlichen, einfachen, für jedes Kind verständlichen Wortsinne nichts, rein gar nichts mit dem Verbrecher zu thun. Aus Pietät gegen — Gott sollte dieser begraben werden, indem nur solche Verbrecher, die zuvor den Steinigungstod erlitten hatten, gehängt wurden, die sich einer Gotteslästerung, oder des Abfalls von Gott, des Götzendienstes schuldig machten ,(המגדף והע״ז בסקילה וכל הנסקלין נתלין) deren Anblick zu pietätloser Wiederholung des Geschehenen, wenn auch nur in Worten, Veranlassung geben konnten. ״Der ist gehängt worden, weil er Gott lästerte", konnten vie Leute zu einander sagen. — Der Gehängte sollte aber auch aus Humanität gegen die Lebenden begraben werden, weil dessen unbeerdigter Leichnam ״das Land verunreinigte", d. h., in unsere Sprache übertragen, die Luft verpestete. So ״verunreinigt" jeder andere, selbst des Tugendhaftesten Leichnam in directer wie indirecter Berührung (מטמא במגע ובאוהל) und mußte aus gleich humanem Grunde beerdigt werden, neben der hier wohl zu beachtenden Furcht, die der Hebräer bei dem Gedanken empfand, im Tode unbeerdigt liegen zu bleiben und eine Beute der Raubvögel und herrenloser Hunde zu werden. (2. S. 21, 10. 1. C. 14, 11. 2. C. 9, 35. Jerem. 7, 33.) In diesem Sinne faßt auch der geistvollste und vorurtheilsloseste jüdische Bibelforscher und Kritiker des Mittelalters, Jbn Esra, diese Stelle auf, indem er erklärt, ״daß das Gesetz: ״Du sollst ihn nicht übernachten lassen", keine Pietät gegen den Verbrecher involvirt." )(כי משפט לא הלי איננו לכבוד המת.)! Mag sich auch immerhin die allgemeine Sitte der Beerdigung an diese Vorschrift angelehnt und ihre Begründung darin gesucht und gefunden haben, das kann jedoch eine vom ״natürlichen Wortsinne" geleitete Untersuchung nicht daraus folgern, daß es unter allen Umständen ״ein Religionsgesetz ist, die Todten zu beerdigen." — Aber auch für einen Augenblick zugegeben, es sei ein Religionsgesetz vorhanden, nach welchem allgemein die Todten beerdigt werden sollen, fo fragt es sich immerhin: gestattet die Religion in speciellen, von Umständen und Verhältnissen gebotenen Fällen die Leichen- Verbrennung? und diese so gefaßte Frage wollen wir hier auf Grund der Bibel zu beantworten suchen. (Schluß folgt.) Corresponäenz. Angekßeim, 1. Juni. Wir kommen heute nochmals auf die ״Hungersnoth in Palästina" zurück. Man soll nicht sagen, wir hätten uns gleich unseren Collegen in der jüdischen Journalistik gescheut, eine Sache mit tapferer Hand und «nit ehrlichen Waffen offen und entschieden zu bekämpfen, welche wir mit allen Anderen, die mit Sammtpfötchen kommen, ja sogar mit Manchen, die selbst sammeln und geben, für verwerflich, für eine Schmach des Judenthums halten, und von welcher wir behaupten, — wenn wir auch weder Prophet noch eines Propheten Sohn sind —f daß sie so lange getrieben wird, bis — die betreibenden Leute sich selbst damit eine Falle graben. Wenn wir heute schweigen, so können wir mit aller Sicherheit innerhalb dreier Jahre eine abermalige Hungersnoth prophezeien. Bauen wir also dem vor. — ״Ihr habt kein Herz für Jerusalem und Zion, für die Stätte, von der die Thora ausging", wird man uns zürnend entgegenrufen, wenn man überhaupt Gründe gegen Gründe bringt und es nicht für besser hält, von den Gegnern dieser Sammlungen ganz zu schweigen, oder auch mit der giftigen Wuth egoistischer Fanatiker wieder eine Salve Unflath gegen uns loszulassen, wie schon öfters in solchen Fällen geschehen. — Phrasen. Wir wollen nicht auf die Geschichte zurückgehen, die es denn doch fraglich macht, ob jenes Wort, daß die Thora, d. h. unsere Lehre, unser religiöses Leben seinen Ausgangspunkt in Zion zu suchen hat, wirklich begründet ist; wir halten es nicht für nöthig, zu versichern, daß dennoch auch unsere Herzen, unsere Empfindungen, wie die aller fühlenden Israeliten an den heiligen Stätten hängen, die die zweifellosen Mittelpunkte der jüdischen Nationalität waren. Aber — was haben denn jene heiligen Stätten mit der faulen Rotte zu schaffen, die sie jetzt belagern und bevölkern? j Sind es wahrhaft heilige und würdige Menschen, die jenen

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