Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 23 (9.6.1874)
- Date
- 1874-06-09
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eorresponäenz. Dresden. In diesen Tagen hat sich hier eine Scheidung vollzogen, die des Interessanten so viel bietet, daß ich derselben hier erwähnen muß. Zur Beruhigung nervöser Leserinnen will ich gleich die erläuternde Bemerkung hinzufügen, daß es sich hier nicht um gebrochene Herzen, um getäuschtes Lebensglück, nicht einmal um eine Scheidung von Tisch und Bett, sondern um eine solche von ״den vier Ellen" handelt. Einst war dies die furchtbarste Strafe, die gegen einen Ketzer in Anwendung gebracht wurde, und die selbst die heiligsten Bande der Natur erbarmungslos zu zerreißen in: Stande war, heute klingt sie unserem Ohr wie ein Märchen, wie eine der niederen, derberen Komik dienende Posse. Die Firma der hiesigen, an Köpfen nicht hervorragenden Orthodoxie nämlich wurde durch einen ihrer Mitinhaber entehrt, und um diese Schandthat in Israel zu rächen, griff man zu dem Mittel der ״Vier-Ellen-Scheidung", die über ihn in oonturnLoinui verhängt wurde. Das oorpns delicti bildet ein kleiner Weltbürger, der in den Bund des Judenthums Aufnähme fand, ohne daß an ihm vorher der Act der Beschneidüng vollzogen worden wäre, und dieses Attentat ist von einem Vollblutorthodoxen gegen die altehrwurdige Firma verübt worden. Ueberzeugt von der Unerreichbarkeit höherer Ziele, richtete dieser für die jüdische Religion warm empfindende Mann, an die Eltern des Kindes die Frage, ob sie dasselbe, wenn auch unbeschnitten, in der jüdischen Religion erziehen wollten, und nachdem diese Frage bejaht, vollzog er die Namenertheilung und Bundesaufnahme in einer so herzlichen Weise, daß alle Anwesenden tief ergriffen davon waren. — Diese Überschreitung der Geschästssphäre konnte die Firma ihrem bisherigen Mitinhaber nicht verzeihen, die ihm nun innerhalb der ״vier Ellen" Zeit und Muse gönnt, über seine That gehörig nachzudenken. Vom Kbcin, im Mai. Das von Philippson gegründete Institut zur Förderung der jüdischen Literatur hat zu existiren aufgehört. Es bie.tet den Rest seines Vorraths an Büchern zum Verkauf an und zahlt die für das neue Abonnement gezahlten Gelder zurück. Wieder eine Gründung vom Krach erreicht! Dieses Mal eine Gründung der besseren Art. Wir bedauern diesen Ausgang der Sache, obwohl er vorauszusehen war, denn man hatte alljährlich mit einem Deficit zu kämpfen. Ließ das Institut auch Vieles zu wünschen übrig, es ließ sich doch eher das bestehende verbeffern, als ein anderes neu gründen. Es ist traurig, daß für die jüdische Wiffenschaft so wenig Sinn vorhanden ist, für welche früher sowohl aus Wissenschaftlichkeit wie aus Pietät so enorme Opfer gebracht wurden. Wir hörten noch in diesen Tagen den Ausruf: Wozu auch das Institut, es hat dem großen Publikum doch keine Lesebücher verschafft? Für den Anbau der jüdischen Literatur und deren Fortentwickelung, wofür das Institut doch eigentlich begründet wurde, für die Förderung der jüdischen Wissenschaft, für die Honorirung jüdischer Schriftsteller und die Ermöglichung der so sehr erschwerten Drucklegung ihrer Werke hat man weder Interesse noch Geld. Man fragt: wie viel Bücher zur guten Unterhaltung liefert das Institut für das gezahlte Geld? Einen Theil der Schuld trägt freilich auch die Verwaltung, in welcher der Einfluß Philippson's wohl maßgebend war. Weder die Männer der Wissenschaft, noch das große Publikum fanden ihre Befriedigung, und so zogen sich nach und nach Schriftsteller und Leser zurück. Man war den Autoren gegenüber durchaus nicht entgegenkommend, subventionirte höchstens die Drucklegung wissenschaftlicher Werke, aber honorirte nicht die Verfasser. Man poussirte dagegen um des großen Publikums willen die Unterhaltungslectüre und acceptirte hier in Ermangelung besserer Werke auch schlechte. Es war sehr anstößig und abstoßend, daß die Werke Philippson's wiederholt gedruckt und anderen Werken vorgezogen wurden. Die Rechnungslage war keine specificirte, und so ließ sich nicht ersehen, welche Honorare gezahlt worden sind und an wen, wie auch, ob die angeblichen Deficits nicht durch Schriftsteller- und Verwaltungs-Honorare anderseitig wieder ausgeglichen worden sind. Man gab vor, je nachdem es paßte, den Inhalt der Schriften nicht prüfen und dafür keinerlei Verantwortlichkeit übernehmen zu können, aber wies Grätz zurück, weil er den elften Band seiner Geschichte nicht zur Prüfung vorlegen wollte. Im letzten Jahrgange dagegen nahm man die Uebersetzung von Levy's Exegese bei den französischen Israeliten auf oder vor, einem Schriftchen von sehr untergeordnetem Werthe, in dessen Beurtheilung (Zavecke's Literarisches Centralblatt 1873 Nr. 51) das Institut angeklagt wird, durch Bevorzugung so schlechten und mangelhaften ftemden Fabrikats, welches dazu Vieles entwendet und Vieles gefälscht hat, besseres heimisches Gut zu verdrängen. Man sieht, hier wie dort ist gefehlt worden. Möge man aus der Vergangenheit lemen und die Zukunft beffern. Die jüdische Literatur bedarf der äußeren Unterstützung zur Pflege und Förderung. JJfjejj, 24. Mai. Lasker ist in der Frage über den fteien Austritt aus dem Gemeindeverbande aus confessionellen Gründen, ohne damit aus dem Judenthum zu treten, unwandelbarer Ansicht geblieben. Wir wollen nicht sagen, daß er durch die Rührigkeit der orthodoxen Partei, welche diese Zwangslosigkeit vertritt, influirt sei,*) aber an persönlichen *) Aber Lasker nennt vr. Hirsch einen ״uneigennützig" stre-> benden Mann. Wie kann ein vorurtheilsfrei denkender Mann dm Rabbinen einer Separatgemeinde so in öffentlicher Versammlung bezeichnen. Er bezeichnet die Anschauung des Lehrercollegiums der Hochschule, daß das Judenthum nicht zur Confessionsbildung cckge-