Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 23 (9.6.1874)
- Date
- 1874-06-09
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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179 Lebenskämpfe und wenig gute Aussichten bietenden Rabbinerberuf wählen, und schon ein altes Sprüchwort sagt אין קמח ״ אין תורהSchwer ist es, der Wissenschaft zu leben, wenn Existenzsorgen quälen." Aber auch dieser Umstand kann für die Hochschule ermuthigend sein, denn es ist zu allen Zeiten und bei allen Völkern und bei Israel wahrlich nicht am wenigsten der Fall gewesen, daß diejenigen, die auf dem wilden Meere des Lebens gegen die Wogen der Bedrängniß zu kämpfen hatten, sich meist als die besten Kämpen auf geistigem Gebiete erwiesen haben und am ersten in das Eiland wirklicher Wissenschast eingedrungen sind. Es existirt auch ein Stipendienfond, von welchem diejenigen, die ganz mittellos sind, nach Möglichkeit unterstützt werden. Ebenso verdient besondere Beachtung die Bibliothek der Hochschule. Sie ist allerdings sehr reichhaltig und, was die Hauptsache, sehr gewählt, weil von gelehrter Hand gesammelt. So wurde die berühmteBibliothek des sel. Professors M. A. Levy in Breslau von der hochherzigen Frau Professorin Lazarus, die überhaupt außerordentlich viel für die Hochschule thut, vor 11/2 Jahren angekauft; ferner wurde die Bibliothek beschenkt von den Herren Dr. Geiger, M. Deutsch, B. Holländer (Leobschütz), Frau Ginsberg, em. Lehrer Cuno, Sanitätsrath Dr. Neumann (aus dem Nachlasse des Hrn. M. S. Baswitz), E. A. Salomon (von Letzterem öfter, und durch seine Vermittelung auch von Hrn. v. Bleichröder), Director Deutsch (Wien), Frau Bertha Oppenheimer (Leipzig), Frau Stadträthin Meyer. Bisher war Hr. Dr. Cassel Bibliothekar unentgeltlich; jetzt ist ein Bibliothekar angestellt. Besondere Verdienste um die Bibliothek erwarb sich Hr. stud. Immanuel Löw, Sohn des Rabbiner Dr. Löw in Szegedin, der mit mütterlicher Sorgfalt dieselbe stets ordnete. Der Bericht ist zwar nicht formell ausführlich, dies wird aber in dem zu erscheinenden Programm nachgeholt werden, welchem auch eine Abhandlung des Hrn. Dr. Geiger unter dem Titel ״Einleitung in die Wissenschaft des Judenthums" wird beigedruckt werden. Dies der hauptsächliche Inhalt des Vortrags des Herrn Prof. Lazarus. Wenn man bedenkt, wie klein die Sache begonnen, wie viele Hindernisse sich der Errichtung dieser vielleicht einst einen Markstein in der Geschichte des Judenthums bildenden Anstalt entgegenstellten, wie besonders seitens der Orthodoxie gegen dieses Institut und dessen Lehrer losgezogen wurde, so muß man geradezu staunen, daß, Gott sei Dank, doch so Großes im kurzen Zeiträume von nur zwei Jahren und noch dazu in unserer Zeit des Jndifferentismus geleistet wurde. Wir müssen allerdings hinzufügen, daß die Hochschule höchstwahrscheinlich keineswegs so schnell zu dieser für die Zukunft erst recht hoffnungsvollen Blüthe gelangt wäre, wenn nicht solche als Vertreter der jüdischen Wiffenschaft allgemein bekannte und berühmte Männer einen unwiderstehlichen Anziehungspunkt bildeten für junge Männer, vie der Fahne der Wiffenschaft mit Begeisterung folgen wollen, und wenn zweitens nicht der Herr Prof. Lazarus trotz seiner außerordentlich in Anspruch genommenen Thätigkeit sowohl als Professor der Universität, wie auch als Präsident so vieler jüdischer und nichtjüdischer gemeinnütziger und wohlthätiger Institute und Vereine mit einem die höchste Bewunderung verdienenden Eifer für diese Anstalt nach Außen hin wirken würde, unterstützt von seiner edlen, hochherzigen Gemahlin, welcher die Hochschule nicht blos die so werthvolle Bibliothek, sondern noch sehr viele andere Wohlthaten zu danken hat. Nachdem wir zum Berichte des Hrn. Prof. Lazarus Einiges über die Hochschule im Allgemeinen hinzufügten, wollen wir dem Leser noch über den Schluß der Rede etwas mittheilen. Der Herr Professor drückte seine Zufriedenheit mit dem Stande der Hochschule aus und meinte, sie stehe jetzt so, daß sie von selbst wachsen werde und er habe Ursache, Früchte zu erwarten. Sind auch die Früchte dieser Wiffenschaft nicht so praktischer Art, wie etwa die der Medicin rc., so schade dies sicherlich nichts; war ja gerade bei den Juden, denen man oft den Vorwurf machte, daß sie zu sehr auf praktische Nützlichkeit sehen, der Eifer für Wissen nie erkaltet. Im Gegentheil! Wissenschaft war bei den Juden stets erst das eigentliche Leben; so möge es auch jetzt sein, und Aufgabe der Wissenschaft des Judenthums ist es, da, wo die alten Triebkräfte verdorrt sind, neue zu pflanzen. Auf die Hochschule möge anwendbar sein das Wort des Sacharias 14, ״ :8׳Und an diesem Tage werden lebendige Wasser ausgehen von Jerusalem, ein Theil geht nach dem Osten, der andere nach dem Westen." Hiermit sei das geistige Jerusalem die Stätte der jüdischen Wissenschaft gemeint, wie schon die alten Weisen bemerken ״ אהב ה' שערי ציון אלו שערים המצוינים בחלבהGott liebt die Thore Zions", d. h. die Stätten der Lehre. ״Ein Theil geht nach dem Osten", welches uns die, bloße Tradition, und ״ein Theil nach dem Westen", welches uns die Cultur, Wissenschaft, geistige methodische Arbeit repräsentirt. Der Vorzug dieser Arbeit wird für uns sein, daß sowohl die Kälte des Jndifferentismus wie die Gluth des Fanatismus sich verlieren werde בקיץ ובחרן* יהיה, daß beide Hochachtung für die Quelle des Wissens fühlen und die daraus Schöpfenden haben werden, und sobald wahres Wissen aus innerster Ueberzeugung geschöpft werden wird, so wird die Wissenschaft auch den Mittelpunkt für das Leben des Judenthums ausmachen. Dies die Hoffnung und allen geistig Thätigen wünschen wir Segen. Dr. Sch.... r.