Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 23 (9.6.1874)
- Date
- 1874-06-09
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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178 -- Wilhelm Weißstem beschenkt, und ist der Platz desselben im Bibliotheksaale ein gewiß würdiger. Ueber die Finanzen der Hochschule ist zu bemerken, daß sie 106 beitragende Mitglieder zählt, 54 in Berlin, 52 außerhalb, die zusammen 1300 Thlr. jährlich beitragen. Den Namen Fundatoren führen diejenigen, welche einen Beitrag von 1000 Thlr. geben. Besonders verdienen aufgezählt zu werden Stadtrath Meyer (s. A.), welcher 10,000 Thlr. spendete; ferner die Herren Di־. Albert Salomon Ginsberg, Oppenheimer (Leipzig), Anspacher, B. H. Goldschmidt, Theodor Stern und Sulzbach, die drei letzten aus Frankfurt a. M , und endlich durch Dr. Philippson von den zum Andenken an G. Rießer gesammelten Geldern (Rießerstiftung) — je 1000 Thlr. Ebenso wurde in höchst rühmlicher Weise eines ungenannt sein Wollenden erwähnt, welcher mit jedem Jahresbeginn 1200 Thlr. Herrn Prof. Lazarus für die Hochschule zuwendet. Bei der Eröffnung besaß die Hochschule 22,000 Thlr., 1873 betrugen die Einnahmen 6403 Thlr., die Ausgaben 3988 Thlr. Am 11. April 1874 betrug das Capital 29,654 Thlr. So weit berichtete Herr Prof. Lazarus über das Aeußere der Hochschule. Dann ging der geehrte Redner auf das Innere, also auf das eigentliche Wesen derselben ein, und zwar bezeichnete er in erster Reihe als das Wesen die Lehrer. ״Lehrer sind die Hochschule", in ihnen lebt der geistige Besitz, damit er sich künftigen Generationen mittheile, die ihn mehren sollen. Und wahrlich, es war keine leichte Sache, solche Kräfte, wie sie an dieser Anstalt wirken, zu stnden. In einer schönen Sage des Midrasch heißt es, daß der liebe Herrgott bei der Schöpfung der Welt auch die Geschlechter und ihre Führer, die Lehrer und ihre Schüler bestimmt hätte, auch die Hochschule darf sich mit ihren Leitern freuen, und es ist daher höchste Pflicht, dafür zu wirken, daß nicht nur die jetzigen Lehrer gut gestellt werden, sondern daß man noch neue Kräfte hinzuziehen könne. Redner bemerkte, daß es der Hochschule auch nicht an Vorwürfen fehlt, ihre religiöse Richtung sei nicht recht ausgeprägt, es gäbe innerhalb des Lehrercollegiums scharfe Gegensätze, aber dies, meinte er, sei kein Vorwurf, da es sich hier vor Allem darum handle, Wissenschaft zu verbreiten und zu fördern. Auf welchem Wege man dieses schöne Ziel erreiche, sei ja hier weniger in Betracht zu ziehen, sobald nur der Wahrheit nachgestrebt würde. Uebrigens hat es an Gegensätzen im Judenthum nie gefehlt und gerade durch Gegensätze werden die Widersprüche mehr und mehr geklärt, alle Meinungen sollen vertreten sein; können sie auch nicht alle auf Wahrheit Anspruch machen, so sind sie doch die Resultate geistiger Arbeit, und als solche werden sie beitragen, die Wahrheit zu gründen. Schon unsere alten Rabbinen, die sonst sehr dialektisch waren, haben den großen Ausspruch gethan, den manche unserer jetzigen fanatischen Heißsporne mit geringerem Wiffen gar sehr beherzigen mögen אלו ואלו דברי ״ אלהים חייםDie Ansichten Dieser, wie die Ansichten Jener sind Worte des lebendigen Gottes", und deshalb fteuen wir uns am Gegensatz und sind froh, daß verschiedene Geister auf verschiedenem Wege dem einen gleichen Ziele zustreben — sobald dies nur mit der ehrlichen Ueberzeugung übereinstimmt. Nächst den Lehrern bilden natürlich die Schüler das Wesen der Hochschule und nur dadurch wird der Gelehrte zugleich Lehrer, daß er Schüler hat. Was nun diesen Punkt betrifft, so sind wir gerade hier am meisten verpflichtet, das Wort der Haggada nämlich דיינו anzuwenden; wäre alles Dieses in viel geringerem Maße, wir wären Zufrieden gewesen, על אחת כמה וכמה um wie viel mehr jetzt; denn wir hatten während der vier Semester und ebenso jetzt im fünften zahlreiche und fleißige Schüler. An Fleiß hat es übrigens nie in den jüdischen Lehranstalten gefehlt. Die Zahl der Hörer war im 1. Semester 12, 2. Semester 18, 3. Semester 20, 4. Semester 20. Leider hat auch schon die Hochschule die Weihe des Schmerzes empfangen; ein sehr begabter, fleißiger junger Mann, Sohn eines außerordentlich wohlhabenden Mannes in New-Jork, Namens Rosenfeld, der sich der Theologie widmete, ist leider im 3. Semester am Typhus gestorben. Es werden 2 Matrikeln geführt: Matrikel A blos für Theologen, die bereits Abiturienten sind, Matrikel B auch für andere Facultäten. Seit einiger Zeit besteht auch — von der Hochschule unabhängig — eine Präparandenschule, die zwei tüchtige Gymnasiallehrer besitzt: Hrn. Dr. Holzmann und Hrn. Blaschke, ersterer muß von jetzt ab leider seinen Unterricht reduciren, weil er an der königlichen Sophien-Realschule angestellt wurde. Die Schule hat den Zweck, den vielen, oft mit großer talmudischer Gelehrsamkeit, aber nicht mit der erforderlichen Gymnasialbildung ausgerüsteten, meist aus fernen Ländern kommenden Jüngern, die nicht als Hörer ausgenommen werden können, wenigstens die gute Gelegenheit zu bieten, sich in Gymnasialfächern gehörig zu vervollkommnen. Es ist dies entschieden die größte Wohlthat, die die Hochschule erweist, besonders, da nicht nur dieser Unterricht — wie über- Haupt die Vorlesungen — unentgeltlich ist, sondern diese Jünger meist in die Categorie Derjenigen gehören, von denen es heißt .הוהרו בבני עניים שמהם תצא תורד (Nehmet Euch der Kinder der Armen an; denn von ihnen geht Lehre und Erkenntniß aus) und also auch materiell unterstützt werden müffen, zumal sie nicht so weit sind, sich selbst durch Unterrichtertheilen zu ernähren. Es kann mithin denen, die sich für Wissenschaft interessiren, nicht warm genug anempfohlen werden, eine solche Anstalt auf jede mögliche Weise zu unterstützen und zu fördern. Sind es ja überhaupt in unserer Zeit nicht gerade die Söhne der Reichen, die den schwierigen, viele und abschreckende