Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 22 (2.6.1874)
- Date
- 1874-06-02
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 5 4\ Wohnorts unter der Verpflichtung zur Theilnahme an den Lasten dieser Gemeinde mit Rechtsnothwendigkeit angehört, ungehindert beizubehalten oder, und eventuell in welcher Weise, zu modificiren sei. Die Minister sind darin einverstanden, daß die Beseitigung dieses vielfach als Gewissenszwang bezeichneten, durch die Gesetzgebung herbeigeführten Uebelstandes als eine Aufgabe der Gesetzgebung anzusehen sei, und daß diese Aufgabe nicht anders, als durch Zulassung des Austritts aus den Synagogen-Gemeinden zu lösen sein wird. Der Minister des Innern hat auch einen diesfälligen Gesetz-Entwurf bereits ausarbeiten lassen. Abg. Miquel: Ich muß sagen, daß ich Anfangs geneigt war, mich auf Seite derer zu schlagen, welche den Austritt aus den bis dahin zwangsmäßigen jüdischen Gemeinden unter Verbleiben im Judenthum bekämpfen. Später habe ich mich jedoch überzeugt, daß dieser Weg nicht haltbar ist. Die Besürchtung, daß das Recht des freien Austritts alles auf den Kopf stellen würde in den bisherigen jüdischen Gemeinden, theile ich nicht. So viel ich die Sache habe beobachten können, hat im Laufe der Jahrhunderte gerade in den jüdischen Gemeinden ein so starker Geist der Gemeinschaft sich entwickelt, daß ich unmöglich glauben kann, daß alles nur auf Zwang beruht. Ich bin vielmehr überzeugt, die Erfahrung wird zeigen, daß der freie Wille und das natürliche Jnterresse hier weit wirksamer sind, als der gesetzliche Zwang. Nach einem Schlußwort des Abg. Lehfeldt wird der Antrag der Commission fast einstimmig, auch von den meisten Mitgliedern des Centrums, genehmigt. Aus Norääeutfckkanö. ZweiUrtheile über den jüdischen Gottesdienst in einer Residenzstadt, von einem christlichen Knaben und einem christlichen Theologen gefällt, verdienen hier erwähnt zu werden, zumal sie ftei von allem Vorurtheil und faetisch das reine Ergebniß eigener, ftischer Anschauung und Erfahrung sind. — ״In eurer Synagoge, da geht's aber gut zu; ich habe gesehen, wie die Leute sich herumdrehten, ihre Plätze verließen, um mit einander zu sprechen. Da könnte ich nicht beten", so äußert sich ein christlicher Tertianer über jüdischen Gottesdienst dem Sohne des jüdischen Gemeindevorstehers gegenüber, der mit ihm auf derselben Bank sitzt. — ״Hast Du einmal, wenn Du in einer Kirche warst, den Eindruck des —Lächerlichen erhalten?" wurde ich persönlich von einem mir befreundeten christlichen Theologen gefragt. ״Nein!" erwiderte ich darauf, ״wenn auch sonst die langathmigen Kirchenlieber und das Salbungsvolle und Geistlose der Predigt meinem Geschmacke nicht zusagten." ״Nun, ich muß Dir offen gestehen", versetzte er weiter, ״daß ich diesen Eindruck von meinem Besuche in der Synagoge mit nach Hause genommen habe." So urtheilt ein christlicher Theologe, für dessen Vorurtheilslosigkeit und Wahrheitsliebe der Umstand hier nicht verschwiegen | werden soll, daß er aus Liebe zu diesen heute so seltenen i Tugenden die Theologie mit der Pädagogik vertauschte, trotzj dem die Natur ihn mit einem eminenten Rednertalente be-! dachte. Ich habe diese beiden Urtheile wörtlich und ohne allen Commentar wiedergegeben; sie sprechen auch gar zu deutlich und . eindringlich, als daß sie einem Mißverständniß ausgesetzt sein könnten. Ich habe sie verstanden: unter der Wucht ihres Eindruckes glaubte ich erliegen zu müssen. ׳ Aus Aom, 6. April, schreibt man der ״K. Z.": ״Das | diesjährige Osterfest ging ohne allen kirchlichen Sang und j Klang, ohne Segen urbi et orbi, ohne Beleuchtung der! Peterskuppel, ja selbst ohne die nothwendige Taufe von Juden ^m Lateran vor sich. Es hat sich für diese weltbekannte Judenj taufe im Lateran am zweiten Osterfeste kein erwachsener Zwangs-! täufling finden wollen; so begnügte man sich denn mit einem 1 Säugling, dessen hebräische Abkunft zwar auch zweifelhaft war, an dem dann aber der Cardinal Patrizi mit seinen: hohen Assistenten die formenreiche Ceremonie vollzog. Man scheint für den armen Täufling schlecht Fürsorge getroffen zu haben; nicht einmal ein Pathe, der das Kind über die Taufe halten sollte, war vorhanden. Einem unserer Bekannten, der dabei stand, trug man's an; der schlug es aber wegen Unkenntniß der Sprache und der Gebräuche aus. Endlich fand sich eine mitleidige Seele." — Wir gestehen, daß uns stets ein halbes Gruseln und — ein Bischen Stolz befällt, wenn wir von den ״Mucken", wie man hier sagen würde — von den Hirnverbrannten Streichen sothaner Seelenfänger spricht. Uns fällt, wenn man von den ungeheuren Summen spricht, welche diese Herren für eine Judenseele ausgeben, stets die Anekdote von jenem polnisch-sächsischen König August ein, der einem polnischen Großen, der ihm die empörende Anzeige machte, daß man einen Preis von 20,000 Gulden auf seinen Kopf gesetzt habe, antwortete: ״Es fteut mich, daß mein Kopf bei Euch noch so hoch im Werthe ist; denn ich versichere Euch, für den Eurigen gäbe ich keinen rothen Heller!" Kunäsckau. 52. In Venezuela (oder wie der Staat nebst Neu- Granada jetzt heißt: in den Vereinigten Staaten von Columbia) haben sich zwei katholische Geistliche verheirathet; der Präsident hatte den Civilbehörden aufgegeben, den Heirathen keinerlei Hinderniß entgegenzusetzen. (In Deutschland, speeiell in Oesterreich, könnte dies bis jetzt nicht geschehen.) ר