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Jüdische Volkszeitung · 1874-06-02 · 22 (2.6.1874) · p. Seite 175

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
22 (2.6.1874)
Date
1874-06-02
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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175 Feuikketon. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) Jetzt stand Jankiew als Baron Frank wie ein Fürst unter seinen Untergebenen. Er hatte ja stets nur gestrebt zu glänzen und zu scheinen, zu herrschen und zu genießen; das wollte er und konnte er nun! ״Elisabeth" hatte ihm die Mittel dazu gegeben. Sein Herz war nicht rein genug, eine edlere Neigung fcstzuhalten und wenn er daher auch leidenschastlich gestrebt hatte, sie wiederzufinden, — der Genuß und die gesättigten Herrschergelüste trösteten ihn sür ihren Verlust. Einige Minuten ließ er die Thoren Salonichis im Staube sich winden; dann rief er mit seiner tiefen, unangenehm knarrenden Stimme: ״Erhebet Euch! Ihr sollt nicht jetzt vor mir liegen im Staube! Noch ist die Zeit nicht gekommen, die die Verheißung erfüllt. Aber sie wird kommen und dann werden uns auch Könige und Fürsten unterthänig sein . . . ״Höret nun, was ich Euch zu verkünden habe, damit es durch Euch unsere Freunde, die hier nicht sämmtlich anwesend sind, erfahren. ״Heute Nacht ist mir unser Herr Sabbathai, der große und mächtige Führer erschienen und hat mir befohlen, daß ich zu Euch spreche, wie folgt: ״Bist Du träge geworden und willst nicht mehr verbreiten meinen Namen unter den Kindern des Volkes Juda und den Nachkommen Israels? Liegst Du hier in dem großen und stolzen Palaste, den ich Dir verliehen, in müssiger Ruhe, während in den Ländern im Norden und Osten, dort, von wo Du gekommen bist, die Schafe in die Irre gehen und ohne Hirt bleiben? Laß die Gläubigen hier, die Dir bereits angehören, unter dem Schutze der Aeltesten und Lehrer, die ich ihnen gegeben habe. Du aber ziehe aus und verbreite meinen Namen in anderen Städten und Ländern. Und wenn Du nicht freiwillig gehen und Dich fügen wirst, — so werde ich Dich mit eisernen Ketten dahin schleppen." — Ich gehe; ich folge dem Rufe — morgen." Ein Gemurmel des Erstaunens und Schreckens durchlief die Versammlung. Sie konnten es nicht fassen, daß ihr Führer von ihnen scheiden sollte, ehe er seine Rolle durchgesührt habe. ״Ach, verlasse uns nicht, ehe die Erlösung vollbracht ist", riefen einige Stimmen. ״Und soll ich ungehorsam sein den Befehlen, die mir von dem heiligen Geiste kommen, in dessen Auftrag ich zu dem Werke berufen und dessen Seele über mich gekommen?" ״Bleibe nur noch einige Tage unter uns! Heile die Kranken am Körper und Geist, die auf Dich harren." ״Sie mögen morgen früh kommen und ich werde sie heilen." ״Eine fremde Frau ist aus weiter Ferne gekommen, wohin Dein Ruf gedrungen. Sie hat ein lahmes Kind..." ״Ich werde meine Hände ihm auflegen — und es wird seiner Glieder Kraft und Bewegung wieder haben, wenn der Glaube bei seiner Mutter ist . - ' ״Ein Mann ist aus Polen eingetroffen, seine Tochter ist vom bösen Geiste besessen . . ." ״Ich werde ihn austreib en." ״Eine alte Frau vom russischen Stamme, die Dein Ruf erreichte, ist aus ihrer fernen Heimath hierhergekommen, um Deinen Rath wegen eines Kleinods zu erbitten, den ihre Herrin verloren hat . . ." Frank erhob seinen Kopf; sein Auge glänzte in eigenthümlicher Bewegung. Er erbebte. Eine Russin, welche für ihre Herrin nach einem Kleinod suchte? Sollte es eine Botin von ״Elisabeth" sein? Doch er faßte sich alsbald wieder. Beherrschung seiner Selbst, ja Verstellung war ihm doch gleichsam zur Lebensaufgabe geworden. Und er sprach: ״Sie mag kommen; ich werde suchen helfen." — ״Eine alte blinde Frau aus fernen Landen bittet um Deinen Segen für ihr einziges, verlorenes Kind . . ." Er hätte auftchreien mögen bei diesen einfachen Worten. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen. Er gedachte seiner Mutter, die er verlassen, die einsam, längst erblindet im fernen Lande um ihn trauerte. Ja, er wußte und fühlte, daß sie ihn wie ein verlorenes Kind beklagte. Diese Erinnerung wich nie aus seinem Gedächtnisse, so oft er sich auch anstrengte, sich zu betäuben; im genußreichen Leben sie zu vergessen. Und gerade in diesem Augenblicke, der ihn so lebhaft an Elisabeth, die stolze Dame, der er auf dem Schiffe so nahe getreten war und die ihm dann doch so ferne geblieben, erinnerte, — gerade jetzt traf ihn der Gedanke an seine einsam trauernde Mutter um so heftiger. Hatte ihm ja jene hohe und doch so unglücklich scheinende Frau gesagt, daß er ein Glück von sich geschleudert, das immerdar das einzige bleibt, das nie täuscht, — das Mutterherz! ״Morgen, immer Morgen!" brachte er gepreßt hervor. Er entließ segnend seine Getreuen. Als Alle weg waren, drehte sich unter der Thüre eine der zahlreich anwesenden Frauen um, die zuletzt sich zum Weggehen gewendet hatte und erhob ihren Schleier, der sie bis jetzt verhüllt. ״Ruschka!" rief er entsetzt und eilte zur Thüre, die er schnell verschloß. ״Ruschka! Sie hier?" .... (Fortsetzung folgt.)

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