Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 22 (2.6.1874)
- Date
- 1874-06-02
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579118--673-9579122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 ' 1 41 principiell gegen die Ausgrabung der Leichen und die Fortbenutzung der Gräber zu nachfolgenden Bestattungen zu erklären. Es läßt Ausgrabung der Leiche nur ausnahmsweise mit Cassirung des Grabes zu und ordnet ausdrücklich für jede Leiche frische, sogenannte ״jungfräuliche", zur Bestattung noch nicht benutzte, mit Leichengift also noch nicht geschwängerte Erde (קרקע בתולה) an. Bei Raummangel ist es daher Vorschrist und Gebrauch, die Gräber mit solcher Erde neu zu überschütten. Jndeß ist die Anlage der Begräbnißplätze in angemessener Entfernung von den bewohnten Plätzen auch schon eine alte Religionsvorschrift des Judenthums, und zwar ebenfalls aus Sanitätsgründen. 12. Mai. _ Dr. R. Die 8inai-Frage. Bekanntlich ist die Wüste Sinai von einer ganzen Gebirgsgruppe durchzogen, und viele Bergspitzen streiten sich um die Ehre, der Gottesberg zu sein. Sinai und Horeb sind aus der Bibel bekannt; Dschebel Musa, Serbal, Katharinenberg, Um-Schomer, Es-Sened werden aus späterer Zeit genannt. In neuester Zeit hat Dr. Beke einen anderen Berg in Vorschlag gebracht und hält sich von der Richtigkeit des Gefundenen so sehr überzeugt, daß er darüber von Kairo aus telegraphisch berichtete. Seine Hauptargumente sind der Name des Berges, welcher bei den Arabern Berg des Lichts genannt wird und die Opferreste, welche man auf der Spitze gefunden hat. Diese vermeintlichen Opferreste können aber ebenso gut Ueberbleibsel von Mahlzeiten sein, welche man auf der Spitze des Berges vielleicht der lichtvollen Aussicht wegen gehalten hat, und eben diese Aussicht kann ihm auch den Namen ״Berg des Lichts" verschafft haben. Selbst wenn es Opferreste wären, so müssen diese nicht nothwendig auf Moses zurückweisen, von dem nicht einmal berichtet ist, daß er auf der Spitze des Sinai geopfert hat, sondern am Fuße des Berges. Wir sind also trotz dieses Lichtberges doch wieder im Dunkeln über den eigentlichen Sinai und werden es auch bleiben, da uns keine jüdischen Traditionen die Fährte zeigen und arabische oder christliche hier nicht genügen. Auffällig ist freilich, daß das jüdische Alterthum die Tradition nicht bewahrt hat, zumal die alexandrinischen Juden dem Berge so nahe waren. In Elias' Zeiten war er noch bekannt. Dennoch wollen wir weiteren Forschungen keinen Einhalt thun, um welche namentlich Engländer sich Verdienste erworben haben. Sie verbreiten, wenn nicht nach der einen, doch nach der anderen Seite vielleicht neues Licht. _ Dr. R. Corresponäenz. Berlin, 8. Mai. Am 6. dieses hielt der Verein der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums eine General- Versammlung ab. Merkwürdig — und zu allerlei Gedanken Anregung bietend ist der Umstand, daß diese Versammlung nicht blos von Herren, sondern auch von — Damen vielfach besucht war; Damen Berlins, welche sich für die ״jüdische Wissenschaft" interessiren. Und zwar keine ״verhüllten Frauen" ä 1a Hildesheimer, welchen die Gemoro und die Bocherim und das ״echte, unverfälschte, traditionelle Judenthum" Scheu einflößt, sondern echte, gebildete Damen, welche sich auch vor Schiller und Goethe in Ehrfurcht beugen. Die Verhältnisse der Hochschule sind Ihnen und den Lesern dieser Blätter bekannt. Hr. Prof. Dr. Lazarus berichtete, daß das Vermögen derselben jetzt sich auf Thlr. 29,654. belaufe und daß die Hochschule außerdem noch eine Präparanden- und Stipendienstiftung besitze. Die Hörer der Hochschule sind von 12 im ersten Quartal auf 20 gestiegen, rekrutiren sich jedoch zumeist aus fernen Ländern. Auch Amerika sendete einen Hörer (Sohn Dr. S. Adlers, früheren Rabbiners von Alzey, jetzt in New- Aork.) Die Hochschule hat jetzt ein herrliches Local int Gebäude des Brüdervereines und entwickelt sich in erfreulichster j Weise. ן Berlin, 20. Mai. Heute kamen im Abgeordnetenhause | bie Petitionen zur Berathung, in welchen der Vorstand der! israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., E. Schwarzschild und Genossen, die israelitische Religionsgesellschaft j zu Wiesbaden, der Cultusverein zu Schrimm, der Vorsteher! der Synagogengemeinde zu Wunstorf bei Hannover und der j Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde zu Bierstadt bei Wiesbaden beantragen, daß ihnen das Recht des Austritts aus der Religionsgesellschaft aus consessionellen Bedenken zuerkannt werde. Sie heben hervor, daß es den Juden nach dem Gesetze von 1847 zwar gestattet ist, aus dem Judenthum; zu treten, daß sie aber nicht aus ihrer Religionsgemeinde; treten dürfen, wenn sie nicht die gesammte Religionsgemein- ■ fd^aft sämmtlicher Juden zugleich aufgeben wollen, ein Umstand, ' der zu den verschiedensten Uebelständen Anlaß gebe. Die! Commission beantragt, diese Petitionen der Staatsregierung! mit der Aufforderung zu überweisen, dem Landtage baldigst! eine Vorlage zu machen, durch welche auch den Juden in! allen Theilen der Monarchie der Austritt aus einer Religions-! gemeinde aus consessionellen Bedenken ohne gleichzeitigen Aus-! tritt aus dem Judenthum ermöglicht wird und die in einzelnen j Landestheilen etwa entgegenstehenden gesetzlichen Bestimmungen , aufgehoben werden. Abg. Lasker: Seit vorigem Jahre bei Gelegenheit des Gesetzes über den Austritt aus den Kirchen hat ein sehr großer Theil der Synagogengemeinden in Preußen den Wunsch ausgesprochen, daß dem Anträge der Petenten nicht stattgegeben werden möge. In einem Votum, welches unter dem Namen des Lehrer-Collegiums der Hochschule für die Wissen-