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Jüdische Volkszeitung · 1874-05-26 · 21 (26.5.1874) · p. Seite 164

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
21 (26.5.1874)
Date
1874-05-26
Page
Seite 164 (sequence 4)
Language
German
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164 Wünschen, sondern um die eigenen Wünsche mit dem Willen Gottes in Uebereinstimmung zu bringen. Das ist — jüdisches Gebet, weil es ein denkendes ist und den Aberglauben ertödtet. Und darum hat das Gebet in Gemeinschaft erhöhte Bedeutung, weil es der Ausdruck gemeinsamer Erhebung und Herzensläuterung ist und das Bewußtsein der Zusammenge- Hörigkeit steigert. Was sagt dagegen die Orthodoxie? — So lange Ihr es nicht wagt, diese Ansicht offen und ehrlich zu vertreten, wird die Charlatanerie mit dem Heiligsten ihr Wesen treiben. Wenn die frommen Rabbis Schiurim annehmen; wenn sie in die Häuser der Trauernden gehen, um da für die ״abgeschiedene Seele" zu beten, ist es etwas Besseres, als das, was der Rabbi von Grätz thut? — Das sind unsere Waffen gegen den Aberglauben, die Waffen der Wahrheit. Bekämpft sie! Um aber unseren Lesern ein Bild des Rabbi von Grätz und seinen Wunderkuren zu machen, geben wir ihnen einen Artikel der ״Posener Zeitung" vom 11. April, den ein Gegner des Rabbi an einen Vertheidiger desselben richtet. Er lautet: ״Nicht vereinzelte von Aerzten aufgegebene Kranke, wie Sie vermeinen, sondern Tausende meist gesunder Menschen pilgern nach Grätz. Gott hilft jedoch so vielen Nahrungs- und Kinderlosen und Kranken, die nicht bei dem Grätzer Rabbi waren, warum soll er nicht auch Einigen von den Vielen helfen, die bei ihm waren? Es wäre ja dies gewissermaßen in umgekehrter Weise ein Wunder! Jedes derartige günstige Resultat wird indessen seiner Wunderkraft zugeschrieben. Die Dinge liegen nicht so harmlos, wie Sie sie darstellen, da die Leute sich, um einen Tropfen ״von seinem Kidusch- und Habdalah-Becher" zu erhaschen, förmlich balgen und die Gräten, die er von den ״zur Vesperzeit des Sabbaths genossenen Fischen" weglegt, nochmals benagen und alles dieses nur, weil sie das von ihm Berührte als heilig und als Wunderschutzmittel halten. Die Geister, die er nach ihrer Angabe jetzt bannen möchte, ries er selbst und ruft er noch. Zeuge hierfür sei der Herr Rabbi selbst. In dem Werkchen seines Sohnes ״Nachlat Zewi" erzählt uns der Rabbi in einem von ihm verfaßten Anhänge ״Chapnat Paneach" auf Seite 27b und auf Seite 283. zwei seiner Wunderkuren, mit dem Hinzufügen, daß er über solche ein Buch schreiben könnte. Die erste Kur betrifft einen elfjährigen Knaben, der weder gehen noch sprechen konnte, der wie ein Hund bellte und wie ein Kalb brüllte. Vergeblich waren Psalmengebete und Beschwörungen mehrere Tage hindurch, bis diese, eines Tages mit großer Inbrunst vollbracht, die Wirkung hatten, daß der Knabe eine Stimme hören ließ und nach dem Fenster zeigte. Dieses wird auf des Rabbi Geheiß geöffnet und der Knabe spricht: Eine von den vier ״Machschephot" (Zauberinnen!), die r mit Namen nennt, sei entwichen. Der früher angeschwollene Bauch des Knaben wird untersucht und es ergiebt sich, daß er um dünner geworden. Fortgesetzte Gebete entfernen ״binnen 4 Minuten" die andern drei ״Machschephot" und der von neuem untersuchte Bauch ist zusammengeschrumpft. Der Knabe vermochte nun sofort zu gehen und zu sprechen. Sonst hatten ihn ״die Machschephot" oft so geplagt, daß sie bisweilen in seinem Halse sich festsetzten und ihn zu ersticken drohten, bisweilen im Rücken, der dann wie ein ״Faß" wurde. Der Knabe mußte jedoch nach einiger Zeit zurückgebracht werden, weil eine der Zauberinnen ihm gesagt hatte, daß sie aus Scheu vor dem Rabbi sich in einen Fuß zurückgezogen habe, was auch der angeschwollene Fuß darthat. Hier bedurfte es aber nur eines einfachen Gebetes zur Vertreibung. Der zweite Fall betrifft einen 14jährigen Knaben, der weder gehen noch sprechen konnte, der freiwillig seit 8 Wochen nicht aß und trank, und ein Wunder war es, daß er noch lebte. Wurde ״sein Haar rücklings" mit einem ״hebräischen" Werke berührt, so knirschte er mit den Zähnen und riß sich von einem recht starken Manne, der ihn hielt, los und sprang ״bis zur Decke"; geschah die Berührung mit einem nicht hebräischen Werke, so that ihm dies wohl und er lachte. Gebete und Beschwörungen stellten den Knaben her. Dabei ruft der Rabbi aus, o wenn doch Zweifler und Neuerer zugegen gewesen wären, die behaupten, daß es Uebernatürliches nicht gebe! Erwähnen will ich noch, daß dabei die übermäßige Bescheidenheit und Demuth des Meisters recht rührend ist. Ich enthalte mich sonst eines jeden Commentars. Ausführliches lesen Sie gütigst Selbst nach. Dieses Werkchen wird — wer weiß in wie vielen Exemplaren — in Uneigennützigkeit verkauft, und dieses Werkchen gerade posaunt ja so gewaltig den Rabbi als Wunderdoctor und Wundermann aus! Nennen sie das ein Abmahnen von den Wallfahrten? Von diesem Handel schweigen Sie gänzlich, Sie sprechen nur von dem Verkauf der Amulete. Was ist ein Amulet? Eine kabbalistische Spielerei. Was wünscht der Anfertiger, das man von ihm voraussetze? Daß es ein Universalschutzmittel gegen alle möglichen Krankheiten und Uebel sei. Und dieses Treiben beschönigen sie damit, daß der Erlös zu Löblichem verwendet wird? Seit wann ist es gestattet, auf solche Weise Geld abzunehmen, um damit ein gutes Werk zu fördern? Seit wann heiligt der Zweck die Mittel? Dr. W." Mannheim, im Mai. Vor jetzt einem Jahre enthielten diese Blätter Mittheilungen über Tod und Begräbniß des allgemein hochgeschätzten Lehrers an der hiesigen (öffentlichen kommunalen) Volksschule, des seligen M. Weil. Heute darf ich wohl nicht unterlassen, Ihnen als Zeugniß des Gedenkens, der anerkennenden Pietät seiner hiesigen Schüler mitzutheilen, daß diese ihm am Jahrestage seines Heimgangs einen Herrlichen Grabstein mit der Inschrift ומצדיקי הרבים בכוכבים

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