Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 21 (26.5.1874)
- Date
- 1874-05-26
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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163 r־־ s I ״Zins" das ganz falsche Wort ״Wucher" zu gebrauchen, und dadurch dem Judenthum bis zur heutigen Stunde die verläumderische Nachrede zugezogen hat, daß ihnen das Gesetz sogar erlaube, wenn auch nicht an Glaubens- und Landesgenossen, so doch an ״Fremden" förmlichen Wucher zu treiben! Es ist Zeit, diese Nachrede ein für allemal zurück zu nehmen, und statt mit christlichem Hochmuth auf das Judenthum herabzusehen, vielmehr endlich zuzugestehen, daß es in dieser gefetzlichen Bestimmung einen Beweis von Humanität gegeben hat,! der wahrhaft einzig dasteht in der Geschichte der socialen Ver-! hältnisse und Verpflichtungen, und die höchstens noch durch j jene andere, ebenfalls altjüdische, übertroffen wird, nach welcher; jedes Darlehen nach einer gewissen Anzahl von Jahren als! von selbst getilgt betrachtet werden sollte." I So weit Scholl in dem uns vorliegenden ersten Theil; seines Aufsatzes. Wir werden, wenn Zeit und Raum es er-: lauben, auch auf den anderen eingehen, sobald er uns vor-; liegt. Denn solche Artikel haben nicht allein den hohen Werth nach Außen, daß sie festgewurzelten Vorurtheilen entgegentreten — wodurch sie unsere wärmste Anerkennung verdienen; — in unserer Zeit sind sie auch nach Innen von nicht unterschätzender Bedeutung, weil mancher Jude durch solche Anerkennung der ״Humanität im Judenthum" wieder warm wird für die erhabenen Schätze unserer heiligen Religion. Das Selbstgefühl wird rege und erfüllt vielleicht das Herz manches Juden, den die Worte eines jüdischen Gelehrten kalt gelassen hätten. Corresponäenz. Ingekkeim. Seit vielen Wochen beschäftigt sich die jüdische Journalistik mit einem Wundermanne, der in Gr ätz als Rabbi fungirt. Es ist ein alter Mann, Rabbi Guttmann, der sich noch vor wenigen Monaten der allgemeinen Achtung erfreute, seit dieser Zeit aber das lucrative Geschäft eines Wunderrabbi's zu seiner und seiner Gemeinde materiellem Heil ergriffen hat. Wir hatten aus Posen eine diesbezügliche Mittheilung unberücksichtigt gelaffen, weil wir aus unserer eigenen Jugendzeit den Verlauf dieser Geschichten genau kennen und aus Erfahrung wissen, daß durch Widerspruch der Aberglaube nur gereizt wird. ״Laßt ihn gehen", dachten wir, ״und nach wenig Wochen wird sich die Geschichte im Sand verlaufen und die jetzigen Anhänger werden selbst über ihre Leichtgläubigkeit lachen. Reizt Ihr aber den Widerspruch, so wird der Aberglaube bestärkt." Wir erinnern an Michelstadt, wo der selige Rabbi Sekel Löb Wormser als Baalschem lebte und — wirkte, obwohl er selbst leugnete, daß er mehr vermöchte, als andere Menschen. Unser Geburtsort, ganz nahe bei Michelstadt und Durchgangsstation, lehrte uns das Sinken und Steigen des Aberglaubens beobachten. Er sank, wenn er Vertheidiger, er hob sich, wenn er Gegner fand. Wenn man von unserer Seite dagegen auftritt, so sagen die Gegner: ״Seht Ihr, wie diese Ungläubigen das Heilige und den Heiligen bekämpfen? Sie wollen uns unsere ״Emuna", unseren Glauben nehmen." Wir wollten auch sehen, wie sich die Orthodoxie zu der Sache verhält. Wird sie, offen und entschieden, unvernünftige und glaubenschändende, die leichtgläubige Menge bethörende Ausgeburten der Werkheiligkeit mit Wahrheitsliebe bekämpfen? Ihr ist der Kampf! Ihre Sache ist in Gefahr! Die Freunde unserer Richtung sind geschützt gegen solchen Unsinn, gegen solche Bethörungen. Aber die Orthodoxie sollte die Gefahr erkennen und würdigen, die in solchem Aberwitz liegt, der sie und ihre Uebertreibungen schließlich doch lächerlich macht und jetzt schon alle Besserdenkenden zum Kampfe reizt. Wir haben also gewartet, — bis jetzt vergeblich. Nur die ״wissenschaftliche" Orthodoxie ist, wir müssen das zu ihrem Lobe bekennen, offen und entschieden gegen den Unfug aufgetreten, was von ihrem Standpunkte zu erwarten war. Ihre Orthodoxie ist ja nur eine geschichtliche Reminiscenz — Phrase. Die Waffen der Wahrheit stnd der stabilen Orthodoxie jedoch stumpf geworden, wenn sich in ihrem eigenen Lager Mißstände ergeben. Nun wird der Kampf auch in nichtjüdischen — politischen — Blättern geführt. Das steigert die Bedenklichkeit, der Wahn wird gereizt. Parteien für und wider bilden sich. Es ist höchste Zeit, daß Etwas geschähe. Der Grützer Wunderrabbi Guttmann erklärt, daß er Nichts vermöge, als ״Beten". Es kommen Tausende — Lahme, Blinde, Kinderlose, Kranke, Unglückliche aller Art, wir hören: Juden und Christen — und der Rabbi betet. Und die Leute zahlen dies Gebet — nicht dem Rabbi, sondern seinen Angehörigen und gehen fort in dem Glauben, daß ihnen geholfen werde. Es ist eine wahre Wallfahrt nach Grätz — und die Wirthe rc. befinden sich gut dabei. Da ist denn die Orthodoxie und Halborthodoxie in einem Dilemma. Sie kann doch nichts gegen das Beten sagen. Da sehen wir, worin die Gefahr liegt, wohin die Halbheit führt. Was lehrt unsere Zeit, was lehrt die Denkweise der Gegenwart über das Gebet? Wir scheuen uns nicht, es auszusprechen: Die wahre Religion erwartet keine Wirkung des Gebets nach Außen. Sie glaubt nicht, daß wir durch unser Gebet Gott beeinflussen, seinem heiligen Willen entgegenwirken können. Sie glaubt nicht, daß wir die Gesetze der Natur umstoßen können durch unser Gebet. Die entgegenstehenoe Glaubensvorstellung ftüherer Zeit muß schwinden. Das Gebet hat seine Bedeutung nur für den inneren Menschen, den es erhebt, dem es die Wege der Erkenntniß bahnt, den es erleuchtet, mit seinem Geschicke versöhnt, mit der Gottheit sich eins fühlen macht. Wenn wir beten, so geschieht es nicht, um den Willen Gottes mit den' eigenen 1! K 1! 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