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Jüdische Volkszeitung · 1874-05-19 · 20 (19.5.1874) · p. Seite 158

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
20 (19.5.1874)
Date
1874-05-19
Page
Seite 158 (sequence 6)
Language
German
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158 Mitwelt Hochachtung einflößen, so, daß sie, über Verschiedenheilen in der Richtung hinwegsehend, doch den guten Willen anerkennen müßte. Wir machen hier nur eine berechtigte(?!) Ausnahme. Wir verübeln es nämlich nur der gemachten fanatischen Orthodoxie nicht, wenn sie nicht in dies gerechte Verlangen einsiimmt: sie muß ja Alles, was nur anWisienschüft gränzt, hassen, weil sie in sich selbst der Gegensatz des Strebens nach Wahrheit und Wissenschaft ist. Ihre Devise ist und muß sein: Die Licht spendende Wissenschaft ist unser Tod! Es lebe der sinstere Fanatismus! Aus dem oben angedeuteten Gesichtspunkte haben wir immer dem wisienschastlichen Streben am Breslauer Seminar, den Leistungen eines Frankl, Grätz u. A. unsere Anerkennung nicht versagen können. Wir bleiben dabei: מתוך שלא לשמה בא לשמה Wahre Wissenschaftlichkeit ist die Mutter des Fortschritts. Und aus diesem Gesichtspunkte haben wir insbesondere das große Grätz'sche Geschichtswerk betrachtet, dessen nachbiblischer Theil — 9 Bände — 3. bis 11. — vollendet ist und von dem jetzt der biblische Theil mit dem 1. Bande begönnen hat, dem der 2. Band bald folgen soll. Es ist — man mag über Tendenz, Anschauung und Anderes denken, wie man will— ein wahres Meisterwerk, ein Nationaldenkmal des Judenthums und der Judenheit. Grätz hat vor der Bearbeitung dieses Bandes eine wissenschaftliche Reise nach Palästina gemacht; wohl nicht zum Quellenstudium; denn die Geschichtsquellen, die dort fließen, sind längst erschöpft; sondern — um an dem Orte der Begebenheiten sich in den Geist der Geschichte zu versenken. Das Buch ist reich an Hypothesen, an neuen Anschauungen über die biblische Zeit und Geschichte. Es ist in großem, idealem Geiste gehalten und das eifrige Streben, die Thatsachen, welche in der Bibel erzählt werden, als geschichtlich beglaubigt und unzweifelhaft hinzustellen, leuchtet aus jeder Zeile. Ob es ihm gelungen, auch andere, alle Leser zu überzeugen? Wir wissen es nicht! Wir möchten es sogar bezweifeln. Wir, von unserem Standpunkte, hätten auf solche gewaltsame Deutungen verzichtet. Sind ja doch die Wunder geleugnet, der heilige Dust abgewischt! Man sucht eben, wie auch schon vor Grätz geschehen, die Thatsachen sich so zurecht zu stellen, wie sie geschehen sein können; sich mit der Geschichte auszusöhnen, so gut es eben gehen mag; zu erklären, — was eben nicht zu erklären ist. Etwas ״Gewisses" weiß man nicht. Was wir nicht mit gläubigem Gemüthe nach der biblischen Erzählung hinnehmen können, kann uns auch Grätz nicht, trotz alles Aufwandes an geschichtskünstlerischer Darstellung — als unzweifelhafte Thatsache glauben machen. Das Judenthum beruht ja nicht auf dem Glauben an diese Thatsachen. Dem streng Orthodoxen muß diese Erklärungswuth gar ein Gräuel sein. Wir wollen keine Steine auf den Historiker werfen, von dem schon tausendmal dargethan ist, daß seine wissenschaftlichen Werke nicht mit dem Standpunkte übereinstimmen, welchen er auf religiösem Gebiete einzunehmen vorgibt und oft mit dem Fanatismus der Inconsequenz vertheidigt und festhält. Mag der Autor sich mit seinem Gewissen darüber auseinander zu setzen streben, so gut er kann. Uns genügt es, daß dies Werk wisienschastlichen Ernst documentirt, Quellen verschiedenster Art benützt und aufhellt; daß die Noten insbesondere eine Fundgrube für ' reiches Studium bieten, wenn wir auch da der gewagtesten j Hypothesen und romanhaftesten Uebertreibungen und Zusam-?menstellungen genug finden. Wir ehren den Historiker als j Historiker, als Kenner und Darsteller der Geschichte. Der : Parteimann auf religiösem Gebiete geht uns hier nichts an.! Von diesem Standpunkte begrüßen wir warm dieses Werk,! wie immer. Wir müssen sogar einem Manne, dessen religiöse!Ansicht uns näher steht, bei dieser Gelegenheit wiederholt! einen großen Vorwurf machen. Es ist sicher von Philippson unverzeihlich, daß er selbstherrlich, in bekannter Selbstüber- > schätzung, diesen, wie den 11. Band der Geschichte von Grätz! nicht ins Institut ausgenommen. Manchem unbemittelten Be-! sitzer der ftüheren Bände, der Mitglied des Instituts war, ist jetzt der 11. und 1. zu theuer und er kommt nicht, wie er zu erwarten berechtigt war, in den Besitz des ganzen Werkes. Und wir behaupten nicht ohne Grund, daß der Rückgang des Instituts selbst aus diesem Umstande sich herleiten läßt. Wir hoffen jedoch, daß der ernsteren Leser genügend viele sein werden, die das Opfer nicht scheuen und sich die Bände von Grätz ergänzen. Grade diese Bände, obwohl sie auch nach unserer Ansicht, sehr viel enthalten, was besser ungedruckt geblieben wäre. Vieles, dem wir mit allem Ernste widersprechen müßten, wollten wir auf Einzelnes eingehen, enthalten so viel auch des Interessanten und Beachtenswerten, sind für unsere Zeit von der einschneidensten Bedeutung, daß wir deren weiteste Verbreitung wünschen müssen. Feuikketon. Baron Frank, -er Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) In einem der reichst ausgestatteten Paläste der türkischen Stadt Salonichi treffen wir eines Abends in einem weiten und hohen Saale eine Gesellschaft vereinigt, die sich, obwohl sehr gemischt nach Alter und Geschlecht, doch einmüthig um einen Greis versammelt hatte, der eine Art von Vorlesung in einem Jargon hielt, welcher Uneingeweihten unverständlich

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