Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 20 (19.5.1874)
- Date
- 1874-05-19
- Page
- Seite 159 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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159 M 1< ־ blieb. Und eigentümlich! Diese verschiedenartigen Gesichter trugen doch wieder einen ganz besonderen Charakterzug, gleichsam einen Stempel, der sie vor Anderen auszeichnete und kenntlich machte. Ein Zug der Ueberreizung, phantastischer Ueberspanntheit verunstaltete diese Menschengesichter allesammt — den vorlesenden Greis aber insbesondere. Suchen wir, in unserer Sprache, sein Kauderwälsch zu übersetzen, das von der Versammlung mit andächtigem Schweigen hingenommen wurde. ״Ja, Er ist es!" sprach er. ״Er ist der Gebenedeite, der längst Erwartete, der Nachfolger und die Seele Sabbathai Zwi's, des heiligen Königs und Messias! Er ist dem Meere entronnen und den fernen kalten Ländern der trostlosen Einöde Sibiriens, — nur durch ein Wunder. — Nein, es ist kein Wunder, es ist die Aeußerung seines allmächtigen Wesens; wie konnte er untergehen? Sie nennen ihn Baron Frank! Sie sagen, er sei noch vor zwei Jahren ein Talmudgläubiger, ein elender Jude in Podolien gewesen und sein Vater habe ihn zum Rabbiner bestimmt. Soll ich Euch wieder und wieder erzählen von jenem Meeressturm, dem Er, Er allein entronnen? Ihr wißt es ja Alle! Wir standen am Ufer; der Sturm hatte uns Hinausgetrieben. Das Schiff in Sicht ward von den Wellen hin- und hergepeitscht; einmal hoch gehalten und dann wieder in die Tiefe gestürzt. Es mußte an unserem Gestade, an den Felsenriffen zerschellen. Da war keine Rettung möglich. Ein Kahn löste sich vom Schiffe. Eine Dame mit ihrer Bedienung befanden sich in demselben, wie uns unser heiliger Meister später erzählte, als wir ihn danach fragten. Sie wurden nicht mehr gesehen. Ihre Leiber faulen längst auf dem Meeresgründe und Niemand weiß, wer sie gewesen! — Dann zerschellte das große Schiff vor unseren Augen, Brett um Brett löste sich los und endlich war das ganze Meer überdeckt mit den Resten des untergegangenen Wracks und des kostbaren Gutes und die Leichname der Schiffsleute und Reisenden wurden zum Theil ans Ufer gespült; es war gräßlich anzusehen, aber Niemand konnte helfen. Da, nach drei Tagen kommt einer unserer Brüder an das Meeresgestade, in eine abgelegene Bucht. Da sieht er ׳einen Menschen liegen, einen Todten, wie er glaubte. Aber ein kleines, ebenholzenes Kästchen und ein — Buch läßt der scheinbare Leichnam nicht aus seinen Händen. Er liegt ausgestreckt auf einem Brette, an das er sich wahrscheinlich selbst angebunden hatte. Unser guter Bruder nimmt ihn auf, trägt ihn in seine Hütte, wärmt und reibt ihn, und — er lebt! Das Kästchen hat er versteckt. Es hat es seitdem kein Mensch wieder gesehen. Es ist sein Geheimniß! — Das Buch aber — es ist der heilige Sohar, die Offenbarung des großen Lehrers Simon ben Jochai, auf dem die Schechina geruht vor vielen Jahrhunderten. Daran erkennt ihn unser Bruder als einen der Unsrigen. Und er erfährt von ihm, daß er der große Frank sei, auf dem die Augen unserer podolischen Brüder geruht und daß er entflohen sei, weil er noch nicht vollendet sich glaubte in der Heiligkeit, weil er noch nicht durch Feuer und Waffer gegangen war, wie von unserem gebenedeiten Messias und Meister verkündet worden! Jetzt ist er durchs Wasser gegangen und auch durch Feuer, auf der großen Reise, die er nachher unternommen, um die Dame aufzusuchen, die in dem Boote, von dem ich Euch oben erzählte, gewesen. Dann ist er wieder hierher zurückgekehrt. . . ." ״Und weilt unter Euch", sprach eine tiefe Stimme aus einer entfernten Ecke des Saales. Alle blickten auf und fielen auf ihre Kniee, als sie unseren Helden sahen, der unbemerkt von Allen eingetreten war und die Erzählung mit angehört hatte. Frank lächelte höhnisch grinsend, als er diese große Versammlung vor sich auf den Knieen liegen sah. Das hatte er ja erstrebt, das war ja das Ziel seines Lebens gewesen. Herrschen — und genießen! Sein Angesicht war eingefallen und sehr gealtert, seitdem wir ihn auf dem Meere verlassen und die Ereignisse an ihm vorübergegangen waren, die wir soeben aus dem Munde des alten Erzählers vernommen, der gleichsam der Priester des geheimen Conventikels der Anhänger Sabbatai's war, vie sich von Zeit zu Zeit in diesem Hause zu ihren grausen Ceremonien versammelten. Aus diesem Angesichte, aus diesen früh gealterten und verlebten Zügen, aus dieser Herbheit des Wesens, das ihm ftüher fremd war, ließen sich die Kämpfe erkennen, die er zu bestehen hatte. In seinem Herzen lebte das Bild der untergegangenen ״Elisabeth". War sie wirklich ein Raub der Wellen geworden? Er hatte sie vergeblich gesucht während eines ganzen Jahres — nicht die geringste Spur hatte er aufzusinden vermocht. Den Auftrag, den sie ihm gegeben, hatte er treu zu erfüllen gestrebt. Auch da war ihm jede Spur verloren, so sehr er sich mit seiner ganzen Energie und seinem hohen Scharfsinne waffnete. Er war ein einziges Mal in seinem Leben wahrhaft treu und redlich gewesen; das hoheitsvolle Bild der Verlorenen ließ ihm keine Ruhe. Er mußte ihren Auftrag erfüllen, koste es, was es wollte. Aber — sein Arm war zu kurz. Das Land, wo ihn ihr Schreiben hinschickte, nach Sibirien —, dies Land konnte er mit all seinem Scharffinne nicht erreichen. Hier scheiterte all sein Bemühen an der Unmöglichkeit. Es war genug, daß sein Bestreben kein Mißtrauen erregte. So kehrte er nach einem Jahre von seiner Reise zurück, um — mindestens die Rolle eines Messias weiterzuspielen, — die er einstudirt hatte. Er kam nach Salonichi, wo er Gefährten und Anhänger fand. (Fortsetzung folgt.) M*1