Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 20 (19.5.1874)
- Date
- 1874-05-19
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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156 stützung verschämter Hausarmen ein Zusammenwirken der verschiedenen Armen- und Unterstützungscassen für nöthig erachtet und dies durch Bildung eines Centralausschusses, — je ein Mitglied des Vorstandes einer jeden mitwirkenden Casse und der Gemeinde — zu bewerkstelligen gesucht. , ״Der Vorstand hat beschlossen, an den Magistrat das Gesuch zu richten, die Lehrer an der von unserer Gemeinde unterhaltenen Schule von den Communalsteuern zu befreien, wie dies bei den Lehrern der öffentlichen städtischen Schulen der Fall ist. Das Gesuch ist eingereicht und hat den gewünschten Erfolg gehabt." Das möchte aus dem Inhalt des Berichts dasjenige sein, was insbesondere auch für auswärtige Gemeinden Interesse hat. Wir bemerken nur noch, daß die Zahl der zu den Abgaben an die Gemeindecasse eingeschätzten Personen 220, die Einnahme Thlr. 6006. 3. 9. — die Ausgabe aber Thlr. 5469. 24. 11. betragen. Fürtk. (Schluß.) Sind nun die vernunstbeleidigenden Sophismen und Ungereimtheiten hinfällig geworden und nur noch in Anwendung der ״Neuorthodorie" als Handhabe und Hebel zur Heuchelei, zum Deckmantel frommen Betrugs, zum Spaten, um damit zu graben, zur Verhinderung der Aufklärung, zu unnützen und schädlichen Eingriffen in die natürliche Freiheit des Menschen, zur Beherrschung und Unterjochung der Gläubigen durch Erzeugung falscher Vorstellungen und verkehrter Begriffe in der Laienwelt: so ist es Pflicht, solche Wahngebilde zu zerstören und es auszusprechen, daß die Religion Israels ihren Halt und Stützpunkt nimmermehr in abgelebten Speisegesetzen haben könne. Es wäre schlimm bestellt mit dieser erhabenen Religion, wenn sie keine höhere Aufgabe zu erfüllen hätte, oder diese erst durch unverständliche Mittel erreichen müßte. Unsere Religion hat die Mission, die Eigenschaften und Kräfte in sich, das zu werden, was schon seine Propheten in einstige Aussicht gestellt haben — eine Weltreligion —; denn ihre wesentlichsten Grundsätze (nicht der Formelkram) sind mit den Erfahrungs-Wissenschaften jeder Zeit in Einklang zu bringen. rc. כי הוא חכמתכם ובנתכם לעיני העמים (Das ist Eure Weisheit und Eure Einsicht in den Augen der Völker.^) Ja, hätte der erhabene Gesetzgeber Moscheh es geahnt, daß *) Diese bedeutungsvolle Bibelstelle aus dem 5. Buch Moses sollte als Mahnung aufgestellt werden allen denjenigen, die auch das dem Nichtjuden unvernünftig und widersinnig erscheinende Gebot aufrecht erhalten wollen. Ist es da nicht eine klare Vorschrift, wie nur eine in den heiligen Büchern, daß ״die Völker", unter denen wir wohnen, die uns gegebenen Gebote, als ״weise und einsichtsvoll" anerkennen und bewundern sollen? Wie verhält sich hierzu die Anschauung, selbst das zu erhalten, wovon wir keinen Grund einsehen, das uns widersinnig erscheint? Redaction. seine Lehren und Verordnungen einst so verdreht und mißdeutet werden, er hätte so manchem Ausspruch eine deutlichere, präcisere Fassung gegeben. Zwar spricht man noch immer in unseren jüdischen Religionsschulen von traditionellen Beifügungen תורה שבעל פה. Wenn wir nun auch den Freunden dieser Lehre den Gefallen erzeigten, dieselbe als geschichtliche Wahrheit zu adoptiren, wenn wir selbst alle Ceremonien der verschiedensten Art mit ihren Erweiterungen als von Gott unmittelbar selbst erfunden und befohlen erachten; wenn wir im Ernste glaubten, daß den Hagiographen jede Zeile der heiligen Schrift in die Feder dictirt worden; wenn wir ebenso es sür wahr hielten, daß vom ersten und größten Lehrer des israelitischen Volkes mündliche Ueberlieferungen der Gottheit auf die große Synode zu Jerusalem vererbt worden sind rc. zur Aufhellung der dunklen Schriftstellen: so fragen wir, weshalb dann alle Schulstreitigkeiten der Weisen, welche die großen Talmudfolianten ausfüllen und von denen selbst heute noch, obwohl sie ihnen den Namen ״Gemara" — Vollendung, Schlußlehre gegeben, ein ziemlicher Theil unbeantwortet (תיקא) geblieben, d. h. wir müssen warten, bis der Thisbiter kommt, der wird die Frage lösen? Wären sie in solche Wort-und Buchstabenklauberei verfallen, wenn die vermeintliche Tradition wirklich existirt hätte? Daher haben auch ihre Auslegungen den Geruch der Heiligkeit verloren vor dem Forum vernünftiger Forschung, und wir sind genöthigt, da, wo sie mit dieser in Collission gerathen, unsere eigenen Wege einzuschlagen, d. h. uns die heilige Schrift selbst zu deuten nach dem Sprüchworte: ״Jeder Jude hat seinen eigenen Schulchan-Aruch." Die Unhaltbarkeit solcher rabbinischen Deutungen über räthselhafte Ceremonialgesetze haben selbst höchst orthodoxe Rabbinen der alten Zeit nicht überwinden können und ihnen den kategorischen Imperativ ausgepreßt: אי,״ לנו רשות להרהר אחריה. wir seien nicht befugt, darüber nachzugrübeln. Dies soll uns aber nicht abhalten, unsere versprochene subjective Meinung über לא תבשל abzugeben und dieses Gesetz als ein solches zu kennzeichnen, dessen wahrer Grund ein ״moralischer" ist. Bekanntlich war das Mitleid mit der Thierwelt bei unserem Lehrer und Gesetzgeber Moscheh eine tiefe Gefühlssache. Das zeigen alle seine Verordnungen vom Ochsen, dem man das Maul nicht verbinden solle, während er drischt, bis zum Schlachtvieh, daß man nicht Altes und Junges an einem Tage vom Leben zum Tode befördere, bis zum Vogel, dessen Nest man nicht völlig zerstören dürfe, indem man nicht die Alten und Jungen zusammen aushebe rc. Von gleichem Mitleidsgefühle ist auch die Stelle durchweht, wenn er seinem Volke verordnet: Das Böckchen, welches nun einmal seinem Schicksale, vom Menschen verspeist zu werden, nicht entgehen kann, nicht noch obendrein in der Milch seiner Mutter zu kochen. Ein grausamer Gedanke, selbst für den nicht besonders Zartsin-