Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 20 (19.5.1874)
- Date
- 1874-05-19
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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155 — Wir knüpfen daran aber auch noch eine andere Mittheilung, die für das״M.J.", aber auch für die Leser unseres Blattes insbesondere aus Hessen, vielleicht einige Bedeutung haben möchte. Es ist bekannt, daß die Regierung Hessens behufs innerer Umgestaltung des Unterrichtswesens und der < | . zum neuen Volksschulgesetze nothwendigen Reglements mehrere (3) Commissionen niedersetzte. Der Herausgeber dieser Zeitung hat die Ehre, Mitglied zweier dieser Commissionen zu sein, der für das Volksschul- und der für das Lehrerbildungswesen. Der ersten Commission gehören noch 14 Schulinspectoren und Lehrer, der Seminardirector, der Referent im Ministerium und der Referent des Schulgesetzes in der zweiten Kammer, der Realschuldirector Greim von Offenbach an. In der zweiten sitzen nur 7 Herren und zwar außer den drei zuletzt genannten noch der Stadtschulinspector Dr. Wagner von Darmstadt, der Seminarlehrer Köpp von Bensheim, der Bürgerschullehrer Bitsch von Friedberg und der Herausgeber dieses Blattes, der also der einzige eigentliche Volksschullehrer dieser Commission ist, nicht weil, sondern obgleich er Jude ist! Aergert Sie das nicht auch, liebwerthes Mainzer Journal? Mainz, 5. Mai. Sie empfangen hier 10 fl. für die Achawa. Gestatten Sie mir, Ihnen die Geschichte dieser Spende zu erzählen? Sie wissen, daß eben kür die durch die Hungersnoth in Palästina erschrecklich Leidenden durch die Redaction , des ״Israelit" gesammelt wird. Ich sendete nun beifolgenden Zehnguldenfchein mit dem Motto: ״Helft, Freunde, aus dem Abendlande, Den darbenden Brüdern am Jordanstrande, Denn jener Baum ist längst verheert. Der uns einst dort das Manna bescheert." Diese unschuldigen Worte erregten die Mißbilligung der Redaction. Ich bekam eine Rückschrift, worauf es hieß: vn עצי שטים עומדים, א״ע״פ שהם נראים כנפולים עומדים לעדי עד. (תלמוד בבלי מסכת סוכה.)(* Man schlug mir eine Veränderung der zweiten Hälfte meines Motto vor; ich sollte schreiben: ״Von dort kam uns das Geisteslicht, Wohl dem, der Hungernden von seinem Brode bricht." Mit der Fassung wäre ich im Ganzen einverstanden gewesen. Aber die ganze Behandlungsweise gefiel mir nicht; sie *) ״Die Akazienbäume stehen: und obwohl sie als gefallen erscheinen, so stehen sie doch ewiglich": so lautet die Uebersetzung obiger Worte. Zugegeben, daß der wörtliche und bildliche Sinn nicht mißverstanden wird, was wir jedoch aus logischen Gründen bestreiten — der Sinn im Zusammenhangs der betreffenden Stelle bezeugt eine ganz andere Auffassung — was haben die Akazienbäume mit dem Mannabaum zu schaffen'? Sind die Akazienbäume fruchttragend so, daß sie — die Bewohner Palästinas je ernähren und sie vom Hungertode retten konnten'? Redaction. erschien mir als eine Beeinträchtigung meiner Rechte als Geber, und so — erhalten Sie das Geld für die Achawa, da es doch einmal gespendet — ohne Motto. R.I. Tkora, im April. Jemehr wir im Allgemeinen den im Judenthum eingerissenen Jndifferentismus beklagen, um so erfreulicher sind die Zeugnisse regen, aufftrebenden Lebens aus einzelnen Gemeinden, die wir zu registriren haben. Zu diesen Zeugnissen gehören die gedruckten Jahresberichte, welche einzelne Gemeindeverwaltungen ihren Mitgliedern von Jahr zu Jahr vorlegen. Auch die hiesige Mittelgemeinde hat soeben ihren dritten Jahresbericht veröffentlicht und sie constatirt im Eingänge: die regelmäßigen Berichte haben unter unseren Gemeindegenoffen wesentlich zur Erweckung eines fruchtbringenden Bewußtseins von der Angehörigkeit jedes Einzelnen zu einem größeren Ganzen, von den geistigen, sittlichen und materiellen Bortheilen erweckt, die ihnen aus dem Gemeindeverbande erwachsen, dadurch die Erkenntniß von der Pflicht der einzelnen Glieder an dem Ganzen festzuhalten und zum Gedeihen desselben nach Kräften zu wirken befestigt; und mit dieser Erkenntniß auch die Neigung und die Bereitwilligkeit gestärkt, diese Pflichten in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen." — Der Bericht constatirt ferner die Zugehörigkeit unserer Gemeinde zum Gemeindebunde und welche Fülle von segensreichen Anregungen für das einzelne Gemeindewesen daraus erwachsen. Möge diese Erkenntniß immer Mehr wachsen in den Gemeinden Israels — zu ihrem eigenen Gedeihen. Wahrlich, es ist eine alte Wahrheit, daß es die besten Kräfte sind, die sich dem Ganzen anschließen. Wo eine Gemeinde das Bedürfniß zu einem Anschlüsse nicht fühlt, da ist Alles faul; da ist der Jndifferentismus eingerissen auch in der Gemeindeverwaltung und diese nur noch eine bureaukrattsche Maschine, der der Geist und Inhalt fehlt, der sie allein befielen kann — der religiöse Emst, das warme, überzeugungstreue Streben. Die Synagogengemeinde Thorn, resp. deren Vorsteher und Repräsentanten haben sich einstimmig der Denkschrift des Vorstandes von Berlin angeschlossen, welche den einheitlichen Bestand der Religionsgemeinde erhalten will. — ״Die Gründung eines Vereins gegen Hausbettelei" — sagt der Bericht — ״gehört zu den vorzüglichsten Einrichtungen unserer Gemeinde und bewährt ihre segensreichen Wirkungen immer mehr."*) Wir machen andere Gemeinden hierauf besonders aufmerksam. Im Innern der Gemeinde hat man zur kräftigen Unter- *) Auch in der hiesigen Gemeinde bewährt sich diese seit Januar getroffene Einrichtung ganz vorzüglich. Sie erfüllt natürlich nur ihren Zweck, wenn durch sogenannte Abweisezettel der Hausbettel strenge vermieden wird. Redactton. I!■!1