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Jüdische Volkszeitung · 1874-05-19 · 20 (19.5.1874) · p. Seite 154

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
20 (19.5.1874)
Date
1874-05-19
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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154 er der ״Vater" sei, und zwar nicht nur seines ״auserwählten" Volkes", sondern der Gott und Vater aller Völker, aller Menschen, sie ist eine altjüdische, wie sie überhaupt auch anderen Völkern des Alterthums schon eigen ist." (?) In der Vorstellung, daß der jüdische Gott blos auf die innerste Gesinnung und die ihr entsprechende, sittliche That und nicht auf die Beobachtung von Ceremonien sehe, welche heute noch ein so großes Gebiet des Judenthums überschwemmen, steht Scholl auf ganz correctem Standpunkte. Er fügt als Belege an Hos. 6, 6: ״Liebe will ich und keine Opfer, Gotteserkenntniß ist besser als Brandopfer", und Jesajas 1, 11—13: ״Was soll mir Eurer Opfer Menge, spricht der Herr, Euer Räucherwerk ist mir ein Gräuel, und die Neumonde und Sabbathe und festliche Verkündigung, ich mag sie nicht! Obschon Ihr Gebet häuft auf Gebet, ich höre Euch nicht; Eure Hände sind des Blutes voll! Waschet, reinigt Euch, thut Euer böses Wesen von meinen Augen weg, lasset ab vom Bösen, lernet Gutes thun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, und helfet der verlassenen Wittwe." Nach dieser Hinweisung aus das Wesen Gottes kommt Scholl ״auf dasjenige Gebiet, wo uns die hohe Schönheit der Religion des Judenthums in noch hellerem Grade entgegenstrahlt, auf die ״sittlichen Pflichten des Menschen." Es entstammen diese sittlichen Pflichten nach seiner Anschauung schon aus der Vorstellung der Bibel von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die es den Bekennern des Judenthums zur Bestimmung macht ״heilig zu werden", ein ״heilig Volk zu sein". Der Mensch ist der ״mit Ehre und Glanz geschmückte Herrscher der Natur", der ״sich losmachen muß von der Sünde durch Gerechtigkeit". ״Dieses hohe Bewußtsein von der dem Menschen angebornen Würde, kraft deren er nicht nur zum Höchsten berufen, sondern die Fähigkeit, dieses Höchste zu erreichen, auch in sich selber hat, es verdient aber um so mehr als Beweis des dem Judenthum innewohnenden sittlichen Geistes anerkannt zu werden, als es sich zum Vortheil des Judenthums namentlich von jener im Christenthum aufgenommenen niedrigen und so folgenschweren Ansicht unterscheidet, nach welcher dem Menschen diese Fähigkeit abgesprachen und der Glaube verbreitet wurde, daß er, weil mit der sogenannten Erbsünde behaftet, zur Erreichung seiner Menschenaufgabe aus eigener Kraft heraus gänzlich unfähig sei. Im Lichte dieses hohen Menschenbewußtseins ist es daher, in welchem wir alle die verschiedenen Sitten und Sittengesetze, sowie die mannichfachen Rechtsbestimmungen zu betrachten haben, welche für die einzelnen Lebensverhältnisse als dem Judenthum eigenthümlich sich herausgebildet haben." — Scholl beweist zuerst dies durch vie Heiligkeit des jüdischen Familienlebens, die Heilighaltung der Ehe, wenn er auch — mit uns — zugibt, daß naturgemäß in der biblischen Zeit das Weib die hohe Stellung nicht einnimmt, die es jetzt hat oder haben soll; nicht wie er selbst zugibt, kraft der christlichen, sondernder germanischen Geistesentwickelung. Scholl läßt dagegen der allerdings der alten Zeit entsprechenden Stellung des Weibes unter den Israeliten Gerechtigkeit widerfahren, hebt hervor, daß trotz erlaubter Polygamie die Monogamie thatsächlich herrschte; wie herrliche Stellen die Bibel über den Werth einer edlen Frau enthalten und wie dem Manne die Pflicht der guten Behandlung ans Herz gelegt war. Dann aber erkennt er einen hohen Vorzug des Judenthums vor dem Christenthum — dem Katholicismus selbst bis auf unsere Zeit — darin, daß es nie die Ehelosigkeit befürwortete und dadurch den ethischen Werth des sittlichen Familienlebens thatsächlich in würdigster Weise anerkannte. Er hebt ferner hervor die hohe Verehrung, die der Jude den Eltern Zollt und die in der Schrift — auch im Decalog — so oft durch eine Reihe der schönsten, rührendsten und erhebendsten Stellen und Pflichten documentirt wird. Scholl sagt ferner: ״Und welchen tiefen Blick in die Innigkeit des jüdischen Familienlebens läßt uns im Hinblick auf das gegenseitige Verhalten der Geschwister schon die eine Stelle thun: ״Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen! Wie köstlicher Balsam ists, der vom Haupte Aron herabträufelt rc." — — (Schluß folgt.) Corresponäenz. Jagekkeim. Wirerfahren soeben, daß, nachdem alle, oder fast alle hessischen Blätter von unserem Aufrufe behufs der Gründung eitter Casse für jüdische Lehramts-Zöglinge Notiz genommen, dies auch das ultramontane ״Mainzer Journal" gethan und daß es bara־.v die Bemerkung knüpfte, ״daß man hier ersehe, was das hessische Schulgesetz bringt; daß nun christliche Kinder von jüdischen Lehrern unterrichtet werden können, die ja überall sind, wo es etwas zu verdienen gibt." Dieser Ausfall ist so ganz Gift und Galle, daß wir uns nun doppelt mit unserem Auftufe freuen. Die Gelehrten des ״M. I." ärgern sich — und das ist ein Beweis für die Vortrefflichkeit der Sache. Darum kein Wort der Abweisung! Im Gegentheil! Wollen sich die Schreiber des ״M. I." ferner recht ärgern, so können wir ihnen mit mehr Stoff dienen. Einmal, daß uns von Privaten und Gemeinden namhafte Beiträge zugesagt sind, die das Gelingen unseres Unternehmens fast bereits zweifellos machen. Herr Landtagsabgeordneter * Edinger schreibt ״die Sache findet meinen vollen Beifall und ich werde einem solchen Vereine, wenn er zu Stande kommen sollte, gerne beitreten."

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