Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-05-12 · 19 (12.5.1874) · p. Seite 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
19 (12.5.1874)
Date
1874-05-12
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9579091--649-9579098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

151 wonach die Niederlassung der ״Juden und Fremden", die man bis jetzt uneingeschränkt sich dort etabliren oder ein Handwerk treiben läßt, erschwert und solches in Zukunft nur auf eine ausdrückliche Erlaubniß der Stadtverwaltung hin gestattet. — Auch ein Fortschritt! FeuiUeton. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch^romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) Auch Jankiew war auf dem Verdecke. Er stand an demselben Maste, an welchem er, als die ftemde Reisende sich ihm genaht hatte, träumend sein Selbstgespräch gehalten; die stolze ״Hoheit", die nun seit jener Stunde seine glühende Einbildungskraft unablässig beschäftigte. Er schaute hinab in die aufgewühlten Tiefen des Meeres. Er wagte ja nicht offen hinzuschauen, wo jetzt dieselbe Reisende stand, weil er sie wieder zu verscheuchen fürchtete. Sein Blick war abgewendet, dem Meere zu . . . Da legte eine leichte Hand sich auf seine Schulter. Er zuckte empor. Sie war es, die ihm mit ihren ernsten und stolzen Blicken gleichsam bis ins Innerste seines Herzens zu dringen schien. ״Jonas!" tönte es leise, aber eindringlich und scharf von ihren Lippen. Erschüttert und wie auf einem Verbrechen ertappt stand er vor ihr und lauschte dem Tone dieser Stimme, der ihn so mächtig ergriff, trotz des rasenden Getöses der Wellen, die das Schiff mehr und mehr schwanken machten. ״Jonas", sprach er endlich leise und verzagt. ״Warum Jonas?" ״Du hast die Heimath verlassen und bist in die Fremde gezogen; nicht um eine heilige Aufgabe zu erfüllen oder den Beruf, dem Du angehören solltest! Du willst Glück, nur Glück und Genuß — das heißt sich selbst entfliehen und seinem besseren Ich, wie Jonas! Jetzt stehen wir hier auf dem schwachen Brette und ganz nahe ist der Untergang. — Die Hand des Herrn kommt aus den Wolken herab, um Dich zu züchtigen für Deinen Frevel. Dich, nicht mich! Was ist mir das Leben? Ich könnte es hinwerfen, wie eine taube Nuß, wenn nicht ein Gedanke mich festhielt . . ." Er wollte antworten. Doch sie blickte in diesem Augenblicke scheu um sich, dann gebot sie ihm Schweigen und sprach leise, fast stüsternd zu ihm — er vernahm jede Silbe trotz des heulenden Sturmes und dem Getöse der Wellen — indem sie, wie beschwörend, mit der Hand über die Planken des Schiffes hinausreichte: ״Wir haben einen Augenblick, wo die Spione mich nicht umgeben. Sie fürchten sich, die Feiglinge, vor dem Getöse der Wellen und können nicht hören, was wir sprechen. Laß uns diesen Augenblick nützen. Ich vertraue Dir — mehr, als all denen, die mit uns auf dem Schiffe sind. Deine weitstrebenden Pläne bürgen mir für Deine Treue. Ach, und welche Wahl blieb mir denn. Das Schiff ist voller Feinde und Spione. Wie heißt Du?" ״Frank, Baron Frank!" Ein Lächeln glitt über ihr Angesicht. ״Also, Baron?" sprach sie; ״nun gut! Es ist mir nicht neu in meinem Leben, daß Männer und Frauen sich durch den Glanz eines Namens, dem verführerischen Schatten eines Nichts, blenden ließen. Gut denn, Baron Frank, Du bist auch einer der Bethörten. Ich muß einen Menschen haben, dem ich mich anvertraue. Hier, nimm dies Kästchen;" sie reichte ihm bei diesen Worten ein kleines Kästchen, das sie im Aermel verborgen hatte und das er auf ihren Wink alsbald unter seinem Oberkleive versteckte. Dann sprach sie weiter: ״In diesem Kästchen sind ungeheure Reichthümer an edlen Steinen, die Dir einen Weg zu den Genüssen bahnen, nach welchen Du gelüstest. Sie sind Dein Eigenthum. Aber auch ein Brief liegt dabei. Suche ihn an die Adresse zu befördern, die darauf geschrieben ist, was es Dich auch kosten mag. Der höchste Lohn soll Dir beschieden werden, wenn es Dir gelingt. Thue es um meinetwillen. Dann liegt ein halber Ring dabei. Wenn Dir Jemand die andere Hälfte dieses Ringes mit dem Worte ״Elisabeth" überreicht, so gib ihm Auskunft über Deinen Erfolg. Sonst nicht! Und — Stillschweigen! Verstehst Du das?" Jankiew, den wir jetzt nach dem Namen, den er sich selbst beigelegt hatte, Baron Frank nennen wollen, legte die Hand aufs Herz. In diesem Augenblicke trat ein Mann auf die Beiden zu; derselbe Mensch von ausnehmender Häßlichkeit mit den Augen eines Aasgeiers, der auch nach der vorigen Unterredung sich Frank genähert hatte. Mit scheinbar devoter Haltung aber mit höhnendem Grinsen sprach er: ״Hoheit! Es wird gefährlich. Wir müssen das Rettungsboot besteigen. Die Küste ist nahe." ״Wer sind Sie?" rief die Dame erblaffend. Statt aller Antwort zeigte ihr der Angesprochene einen Gegenstand, der wie ein Siegel geformt war. Die Dame beugte sich zum Zeichen des Einverständnisses. Man sah ihr an, wie sie auf den Tod erschrocken war. Einige Minuten später bestieg sie bereits, zum Abschiede die Hand wie grüßend und bittend nach Frank vorgestreckt, mit Ruschka den kleinen Nothkahn, der sie an die Küste, aus der Gefahr des vom Sturme bedrohten Schiffes bringen sollte. Einige der kräftigsten Matrosen lenkten das schwache Fahrzeug, in dem auch der Warner und Spion, der sie aufgefordert hatte, Platz nahm. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.