Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 19 (12.5.1874)
- Date
- 1874-05-12
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 minister und ein Würdenträger des Reiches für Aspiranten des See-Offiziercorps einen Taufzrvang einführen wollen, den das preußische und hoffentlich bald auch das Reichsrecht gar nicht mehr kennt und aus guten Gründen nicht mehr verlangt?" ״Frankfurter Zeitung." 41. Berlin, 23. April. Das Central-Comite der Alliance Jsraalite Universelle hatte — wie dessen letzter Monatsbericht besagt — in seiner letzten Sitzung beschlossen, daß die projectirte Conferenz in Angelegenheit des Hilfs- Werks der Alliance für die westrusfischen Glaubensgenossen am 21. und 22. April stattfinden solle; inzwischen sind aber gegen diesen Beschluß solche ernste Einwände erhoben worden, daß dasselbe sich verpflichtet hielt, seine deutschen Comite-Mitglieder von Neuem dieserhalb anzufragen. Letztere sind größtentheils der Ansicht, daß die genannte Conferenz an den festgesetzten Tagen in Berlin stattsinden kann, daß aber nur die Mitglieder des C.-Comites und 3—4 andere Personen, deren Mitwirkung besonders nützlich erschiene, eingeladen werden sollen. Die Versammlung hat gestern und vorgestern hier stattgefunden. Als Deputirte des Central-Comite waren HH. Grandrabbiner Z. Kahn und Prof. Derenbourg erschienen, von; deutschen Mitgliedern des Central-Comite waren anwesend S. R. Dr. Reumann und Levinstein von hier, IM. Baerwald-Frankfurt a. M-, Bamberger-Königsberg, Landsberg- Liegnitz, Schwarz-Eifln, Treuenfels-Stettin, vom Haupt-Grenzcomite I. Feinberg-Königsberg und Dr. Rülf-Memel, ferner Kohner-Leipzig, Dr. Meyer-Hannover und als Delegirter der Anglo-Jewish Association Rev. Löwy aus London. ״Jsr. Wochenschrift." 42. Der Synagogenvorstand in Paris, der bis ietzt nur eine israelitische Schule hatte, unterhält jetzt zwei große israelitische Gemeindeschulen aus eigenen Mitteln und subventionirt drei andere: eine in der Nähe des Jardin des Planles, eine bei der Vorstadt La Billette und eine im Boulevard Latour-Maubourg. Die beiden Gemeindeschulen bestehen jede aus einer Knaben-, einer Mädchen- und einer Kleinkinderschule; die drei anderen haben je eine Knaben- und eine Mädchenschule, von einem Lehrer und seiner Frau geleitet und erhalten jede 6000 Francs Subvention mit der Verpflichtung, für ihre eigne Existenz zu sorgen und jedes angemeldete Armenkind gratis aufzunehmen. Ein eignes Comite befaßt sich damit, alle armen Schüler einmal des Jahres ganz neu zu kleiden, denen, die sich zur Confirmation melden, Anzüge zu vertheilen und Allen im Winter warme Kost zu reichen. Ein Aufruf zur Vermehrung der Beiträge war von ausgezeichnetem Erfolge begleitet und in Folge dessen geht die Verwaltung damit um: auch den verschiedenen Instituten und Privatanstalten Subventionen zufließen zu lassen, wenn sie sich verpflichten wollen, Armenkinder unetgeltlich aufzunehmen; weitere israel. Schulen in allen Stadtvierteln zu gründen; mit jeder Schule eine Kinder-Bewahranstalt zu verbinden und Fortbildungsschulen zu errichten. Es wurde zu diesem Ende dieser Tage ein neuer Schulausschuß gebildet, in welchem wir die hervorragerüfften Namen finden: Albert Cohn, zwei Barone von Rothschild, Graf v. Camondo, zwei Derenbourg, Goldschmidt, Bischofsheim u. s. w. u. sw. — Gehet hin und thut desgleichen. Wir Deutschen sind ja so stolz auf unsere Schulen; aber was würden unsere Rothschilds und Finanz-Barone sagen, wenn man sie zu Schulinspectoren — das sind jene in der That und in voller Wahrheit — ernennen wollte!! 43. In der Academie zu Brüssel behandelte kürzlich ein Mitglied, bei Gelegenheit einer naturwiffenschastlichen Ab- Handlung, die Geschichte des Propheten Jonas oder vielmehr die des Ungeheuern Fisches, der den Propheten verschlungen und drei Tage im Bauche gehabt haben sollte, als ״Fabel". Darauf großes Halloh unter den ultramontanen Mitgliedern der gelehrten Gesellschaft. Die öffentlichen Blätter bemächtigten sich des Gegenstandes urd wirbelten nicht wenig Staub auf. Da hielt der Oberrabbirur Astruc eine Vorlesung, in der er nachwies: Daß das Buch Jonas erst mindestens zwei Jahrhunderte nach dem Tode des Propheten geschrieben wurde und nur eine Allegorie sein sollte, um die Pflichten auseinander zu setzen, die einem Gottgesandten oder Gottbegeisterten oblägen. Die ״Jndependance Belge", das bedeutendste Blatt des Landes, stellt sich ganz auf Seite des Rabbiners. — Während der ״fromme" Christ noch immer am Buchstaben der Bibel festhält und jede andere els die buchstäbliche Deutung derselben für Ketzerei, Abtrünnigkeit, Unglaube verpönt und (gar oft) verfolgt, hat bekanntlich das Judenthum, schon das der ältesten Zeiten, alle diese Geschichten (z. B. auch die des s. g. Sündenfalls, Hiob u. A.) nicht als Geschehnisse, sondern als Parabeln und Allegorien wohl erkannt. 44. Die ״Arch. isr.", die sich für das Verlegen der Pariser Begräbnißplätze nach M6ry sur Oise (wogegen sich der Pariser Erzbischof nachdrücklich verwahrt, ohne, wie es scheint, irgend ein anderes Aushilfsmittel bei der Ueberfüllung der Pariser Kirchhöfe angeben zu können) erklärt, behauptet, daß die neuerdings lebhaft angeregte Verbrennung der Leichname niemals im Judenthume Platz greifen werde. Es hat in der Geschichte eine ganz eigene Bewandtniß mit dem Niemals. Inzwischen hat die Verwaltung der Judengemeinde Berlin einen Vorschlag, Versuche der Verbrennung auf einem israelitischen Begräbnißplätze zu machen, einstimmig angenommen. — Ihr Referent erkennt sich in Ritusfragen ganz und gar keine Stimme zu; aber seinem Gefühle nach scheint ein Verzehren des Leichnams durch die Flamme dem Verfaulen und Verzehren durch Würmer vorzuziehen. 45. Die Behörde in Tunis erläßt eine Verordnung,