Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 19 (12.5.1874)
- Date
- 1874-05-12
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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147 genommen worden. (Es sollte vom 23. April an in Vollzug gebracht werden.) 5) Wir haben von einer Gesellschaft in Smyrna berichtet, von fanatischen Muselmännern zur Ausrottung der Juden gegründet. Drei der Eingeweihten drangen in ein jüdisches Kaffeehaus und verwundeten den Eigenthümer und zwei andere anwesende Israeliten gefährlich. Die Polizei hat zwei der Verbrecher eingezogen, während es dem Hauptthäter gelang, zu entkommen. — Die Allianz setzt das Comits in Constantinopel davon in Kenntniß, um Abhilfe zu erlangen. Eorresponäenz. Fürtk, April. (Fortsetzung aus Nr. 11.) לא תבשל גדי בחלב אמו (Du sollst das Junge nicht in seiner Muttermilch kochen.) Daß diese Stelle in der That auch für unsere Talmudisten ein Räthsel war, geht aus Tract. Chulin S. 113 deutlich hervor, wo viele gelehrten Streithähne um dieses Thema sich abarbeiten. Es ist nicht uninteressant, dieses geipige Turnier, wo mit den scharfsinnigsten Waffen scholastischer Gelehrsamkeit gekämpft wird, aus einer Entfernung von etwa 1600 Jahren unter dem Vorsitze des R. Akiba*) in Tiberias mit anzusehen. Dort handelte es sich allerdings um die Er- Haltung des Judenthums in seinem zweiten Exils, um die Fabricirung von Bindemitteln, die in alle Welt sich Zerstreuenden Glieder Israels fest zusammen Zu halten und es abzuschließen und zu schützen vor der Amalgamirung mit dem Heidenthum der Griechen und Römer, das sich mit dem Christcnthum identificirte, welches, eben erst aus demSchooße des Judenthums hervorgegangen, durch Abschaffung der jüdischen Ceremonialgesetze den heidnischen Völkern diese Verbindung erleichterte. Das Christenthum hat den Heiden zu lieb ja nicht allein die Ceremonialgesetze sammt und sonders modificirt und abrogirt, sondern auch das Zugeständniß gemacht, neben dem alten Himmelsvater noch andere göttliche Personen in das neue Glaubensbekenntniß — und in den alten Himmel — aufnehmen zu dürfen. Es ist somit für jene Zeit und Lage das Verfahren der jüdischen Weisen dem Zwecke nach gerechtfertigt. Allein die Art und Weise, die Gedankencombinirung, wodurch sie die Gesetze der heiligen Schrift deuteten oder vielmehr deutelten und dabei oft zu Schlüssen gelangten, die eben so lächerlich, wie die Logik ihrer Beweisführungen sind, kann bei unserer heutigen Denkweise, erzeugt durch die Fortv schritte auf allen Gebieten des Geistes und Lebens, nicht mehr *) In meinem ersten Eingesandt heißt es fälschlich: R. Me'ir. Die lange Pause zwischen jenem und der heutigen Fortsetzung hat ihren Grund lediglich in geschäftlichem Andrange von meiner Seite Der Corresp. praktische Geltung in Anspruch nehmen. Wir wollen dieses z. E. zur Beleuchtung unseres vorwürfigen Themas לא תבשל*) aus dem oberwähnten Tractate Nachweisen. Derselbe zerfallt in drei Hauptpunkte: 1) R. Ammi und R- Assi eröffnen den Reigen über den Ausdruck ״ לא תבשלDu sollst nicht kochen", da es doch heißen sollte: ״Du sollst nicht essen". Sie einigen sich hierüber, da sie Beide ״gekocht" schon identisch mit ״gegessen" hielten. Allein, ״sie schlagen sich übereinander" über die Strafbestimmung für' den Uebertreter dieses Gesetzes. Der Erste (der ultramontanen Linken angehörig) behauptet, daß so Einer die polizeilichen 40—1 Prügel verdiene — von Gott und Rechtswegen; der Andere (von national-liberaler Färbung) will die Geißelhiebe nicht in Anwendung gebracht sehen רבי אמי ורב אסי חד אמר לוקה וחד אמר אינו לוקה**) 2) Alsdann tritt R. Elasar auf und führt ״den Bock" vor: 'גדי Ihm gebührt das Verdienst, im Bock ״den Bock", den wahren Bock geschossen zu haben; denn seine Ansicht dreht sich zwischen ואת גדיי העוים und וישלח יהודה את גדי העוים (Juda schickte das Ziegenböcklein und die Ziegenböcklein; frei-!ich hätte Juda etwas Gescheidteres thun können). (Man sehe 1. B. M. Cap. 38.) 3) Hierauf wird schließlich noch um die Milch gezankt; denn בחלב אמו d. i. die directe Abstammung, die Mutter mit ihren Jungen, also auch die Schwester des Bockes — die Gais. Doch Spaß bei Seite! Wie sauer mußte es den guten Alten geworden sein, sich aus diesem Labyrinth ungereimter Widersprüche herauszufinden! Nach fruchtloser Debatte entscheidet endlich — der Gaumen. R. Jose d. Galiläer war ein Gourmand, und gute Beispiele Ziehen an; denn seine Ortsgenossen haben בשר עוף בחלב — Geflügel in Milch — verspeist! — Was sagt da der jüdische Volksbote in Mainz dazu? — R. Levi besuchte den jüdischen Jägersmann R. Joseph, und man trug — horribile dicta — einen Pfauenkopf in Milch gekocht auf, würdig eines Lucullus. Rabbi wunderte sich, daß man ihn darob nicht excommunicirte. Die Entschuldigung fällt schwach aus; denn der Tolerante behauptet, der Ort sei zum Sprengel des R. Jehuda ben Bathera gehörig gewesen, und dieser hielt sich an den milden Ausspruch des R. Jose d. Galiläer, welcher Geflügel in Milch gekocht Zu essen erlaubte; denn der Ausdruck בחלב אמו findet nur bei Säugethieren, nicht aber bei Vögeln, die keine Milch absondern, statt. Auch חיה (Wildpret) haben diese Weisen in Milch gekocht (wahrscheinlich aus zoologischer Unkenntniß) zu genießen erlaubt. — (In der Bibel wird auch?חיה וקוו (Wildpret und Geflügel) in mehreren auch gesetzlichen Be- *) Du sollst nicht kochen. **) R. Ammi und R. Assi: dieser sagt: man schlägt (d. h. er bekommt 39 Geißelhiebe) und dieser sagt: man schlägt nicht.