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Jüdische Volkszeitung · 1874-05-05 · 18 (5.5.1874) · p. Seite 139

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
18 (5.5.1874)
Date
1874-05-05
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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139 welcher die Heiden bewegte, ihr Bestes, ihre Kinder, als Opfer darzubringen, und um die Israeliten von solch heidnischen Gräueln zu entwöhnen, wurden für sie blutige Thieropfer angeordnet, da sie sich einen Gottesdienst ohne Opfer nicht denken konnten. Es lag ihnen also diese Art der Gottesverehrung so nahe, als ein geistiger Dienst ferne, während umgekehrt uns jene gottesdienstliche Weise so ferne gerückt ist, als die geistige nahe. Und diese unsere geläuterte Anschauung beruht auf den Aussprüchen der Propheten und Psalmisten, welche schon vor Jahrtausenden den höheren Standpunkt eingenommen, worauf sie die untergeordnete Stellung des Opferdienstes erkannten, während sie in siegreichen Worten die höhere Stellung einer Gottesverehrung im Geiste, im Herzen, in edler Liebesthat feierten — und wir sollten jemals auf jene tiefere Stufe wieder zurücktreten, welche das Volk Israel eingenommen bei seinem Auszuge aus dem Sclavenhause? — Das ist undenkbar! — Es scheint uns aber — bei aller hohen Achtung vor der Glaubensinnigkeit, Ueberzeugungstreue und Opferbereit- Willigkeit unserer Brüder von der alten Richtung—undenkbar auch von ihnen, daß Dieselben, wenn auch die Gelegenheit geboten wäre, auf die überlebten Gesetze jemals zurückkommen möchten. Die Aeußerung des Wunsches nach Wiederherstellung im Allgemeinen ist viel leichter, als sich deren Ausführung im Einzelnen erweisen dürfte. Nur zu bald müßte es sich herausstellen, daß viele Gesetze, voll hoher Weisheit und Zweck- Mäßigkeit für ihre Zeit, von uns so ferne liegen, als unsere Verhältnisse von denen des hohen Alterthums. — So ist der Grundgedanke der ״Reinigungsgesetze": Leib, Kleid und Haus, diese drei wichtigen Umhüllungen, welche die Seele, den Menschen, die Familie schirmend umgeben, heilig zu halten, ewig schön und wahr; denn jenen Satzungen liegt ein inneres Gesetz zu Grunde: eine reine Seele fühlt sich nur wohl in einer reinen Umgebung. Wie aber verhält es sich mit der Darstellung dieses Gedankens in der alten Gesetzesform? Wir haben uns aus jenen Anschauungen und Verhältnissen, innerhalb deren diese Gesetzesform geübt wurde und geübt werden konnte, vollständig und für immer herausgelebt. In der alten Zeit war z. B. die Heilkunst vorzüglich Sache des Priesters; wir finden daher in der ganzen Bibel keine Erwähnung von Aerzten in unserem Sinne. Man suchte in Krankheiten Rath und Rettung beim Priester, auch beim Propheten, wie uns von Elischa berichtet wird, daß bei ihm sogar der Aramäische Feldherr Naamann Heilung suchte, sowie von Jesaias, daß er ein Mittel für den kranken König Hiskias verordnte, wovon dieser genas. Es wird daher dem sonst gottesfürchtigen König Asa zur Last gelegt, daß er in seiner letzten Krankheit nicht ״Hülfe beim Ewigen suchte", d. i. bei den Priestern oder Propheten, ״sondern bei den Aerzten", während es, nach einer Sage des Talmuds, dem gottgefälligen Könige Hiskias zum besonderen Verdienste angerechnet wird, ״das Buch der Heilmittel" (Sepher rephuoth) bei Seite geschafft zu haben, weil dieses, wie der Erklärer hinzufügt, so schnell helfende Mittel enthielt, daß marr sein Heil bei dem Buche und nicht mehr bei Gott suchte. So der kindliche Sinn und die fromme Einfalt der alten Zeit. — Gesetzt nun, wir würden heutigen Tages wieder nach Palästina zurückkommen, möchten dann wirklich unsere Brüder, welche den alten Zustand als den allein vollkommenen herbeisehnen, in Krankheitsfällen beim Priester anfragen, oder bei einem berühmten und׳ bewährten Arzte? Würden sie es jetzt noch für verdienstlich halten, die Bücher der Heilkunde zu beseitigen, damit sie die Gemüther nicht von Gott, der höchsten Quelle des Heils, abwenden? Würde man bei einem Hautausschlage sich einem Manne vom Stamme Aarons anvertrauen, oder einem anerkannt kundigen Arzte in der bezüglichen Fachwissenschaft, selbst wenn er gar kein Jsraelite wäre? Würde man, fragen wir weiter, wenn an einem Hause ein Schwamm oder Salpeteransatz erschiene, an einen Priester sich wenden, oder an einen Baumeister und gründlichen Kenner der Bauwissenschaft? — Von dem Kleideraussatze gar nicht zu reden, den zu beachten uns ganz unmöglich wäre, denn wir wissen nicht mehr, worin derselbe bestehe! — Geht nun aus diesem Allen nicht klar hervor, daß wir dem mosaischen Gesetze eine weit größere Verehrung erzeigen, wenn wir es in seiner großen Weisheit anerkennen, beurtheilt vom Standpunkte seiner Zeit, gegeben iür ein Volk, welches sich noch in den Anfängen der Bildung und Wissenschaft befand? Die Verhältnisse haben sich unendlich geändert, mit ihnen auch die Gefühlsweise. Daß z. B die Berührung eines Todten verunreinigte, das Haus, worin ein Todter lag, sammt den darin befindlichen Geräthen für unrein erklärt wurde, das war, zum Schirm der Gesundheit, um in heißen Ländern die Gefahren der Ansteckung möglichst zu beseitigen, gewiß weise und von wohlthätigster Wirkung. Und dennoch liegen die betreffenden Gesetze unendlich weit ab von unserer Empfindungsweise und dadurch von unserer Natur. Für uns müßte es unter allen Verhältnissen abschreckend, unnatürlich erscheinen, wenn eine Person, die uns im Leben der Inbegriff aller Liebe, und als solche überaus werth und theuer gewesen, mit dem Eintritt des Todes ein Gegenstand der Entweihung werden sollte, durch deren Berührung wir uns verunreinigten, mit welcher wir nicht unter Einem Dache bleiben dürften, ohne selbst entwürdigt zu werden. Wenn wir nun auch nicht — wie es in der nichtisraelitischen Welt heute noch geschieht — mit den Todten eine abgöttische Verehrung treiben, Gebeine für heilig erklären, Leichname in Gotteshäusern begraben, und

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