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Jüdische Volkszeitung · 1874-05-05 · 18 (5.5.1874) · p. Seite 138

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
18 (5.5.1874)
Date
1874-05-05
Page
Seite 138 (sequence 2)
Language
German
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138 schauung, eine Waage aufgehangen ist, wo in die eine Schale unsere Verdienste, in die andere unsere Vergehungen gelegt werden, so erlangt Derjenige, welcher eine Menge leichtgeübter Religionsgebräuche als verdienstliche Werke einlegen kann, dadurch allerdings eine weit größere Anwartschaft auf Glückseligkeit. Endlich — und das müssen wir ganz besonders betonen, denn hierin liegt der tiefgehendste Unterschied zwischen unserer religiösen Ueberzeugung und der alttalmudischen — endlich führt die von uns bestrittene Ansicht vom gedankenlosen Gehorsam Zu der noch entschiedener Zu bekämpfenden rabbinischen Ansicht von Israels religiösen Zuständen in der Gegenwart, als seien diese deshalb so tief zu beklagen, und die Bitte um Zurückführung nach dem gelobten Lande deshalb eine so dringliche, weil wir viele Satzungen außerhalb Palästina nicht beachten können und so unser ganzes Religionswesen ein unvollkommenes sei. Es werde daher einmal eine vollständige Wiederherstellung der ftüheren Zustände stattfinden, auf welche die Sehnsucht aller frommen Gemüther gerichtet sein müsie. Diese Sehnsucht kommt am Meisten in den Gebeten in Betreff der Opfer zum Ausdruck. Hier ertönt jene wehmuthsvolle Klage: ״wegen unseren Sünden sind wir vertrieben ״aus unserem Lande, entfernt von unserem Boden und können ״nicht mehr darbringen unsere pflichtschuldigen Opfer. Möge ״es Dein Wille sein, Ewiger, unser Gott, uns in Freuden ״wieder nach unserem Lande zu führen, damit wir dort dar- ״bringen unsere schuldigen Opfer, die täglichen nach ihrer ״Reihe und die festlichen nach ihrer Ordnung." Es ist also nach dieser Anschauung der bisherige und noch fortdauernde Zustand, wie sehr wir auch unser jetziges Vaterland lieben sollen und der Talmud ausdrücklich verbietet, auf die messianischen Zustände in bestimmter Zeit zu rechnen, denn sie werden unerwartet eintreten, in religiöser Beziehung ein durchaus unbeftiedigender, indem das religiöse Bedürfniß nur in Befolgung aller früheren Satzungen seine volle Genugthuung finden könne. Diese Anschauung aber müssen wir mit allem Nachdruck und Eifer aus den Gemüthern zu entfernen suchen; denn sie ist der weltgeschichtlichen Bedeutung und Aufgabe der mosaischeu Lehre geradezu entgegen, und Alle, welche der großen Wandlung, die sich im Judenthume der Neuzeit vollzogen hat und vollzieht, in ihrem eigenen ganzen Denken und Thun sich angeschlossen haben, werden begreifen, um welchen großen Grundsatz, und zugleich um welchen weit auseinander weichenden Gegensatz zur altreligiösen Richtung, es sich hier handle. Für uns nämlich besteht gerade darin der hohe Vorzug des Judenthums, daß dasselbe— ebenso wie der Mensch in allen Himmelsgegenden leben kann und sich ihnen einlebt und anbequemt — seinen Bekennern überallhin folge, sich überall einlebe und in seinen Formen nach dem jeweiligen Bedürfniß gestalte, mannichfaltig, doch stets eigenartig und in seinem Grundwesen immer und überall daffelbe. Der Jude, welcher durch den Handel, der ihn ftüher zum verächtlichsten Geschöpfe gemacht, jetzt achtunggebietend in den großen Weltverkehr eingreift und nun fühlt, daß zahlreiche Satzungen, die auf Trennung und Abschließung berechnet waren, in einer Zeit nicht mehr befolgt werden können, die Anschluß und Annäherung bedingt, er ist für uns kein ״Frevler an Israel"; und wenn er die väterliche Religion treu im Herzen hegt und mit fteudigem Selbstgefühl bekennt, so ist er uns um so werther, als er den lebendigen Beweis liefert, daß die Religion des Herzens, wie sie unsere Propheten lehren, unabhängig von Zeit und Umständen, die ewige, erhaltungswürdige und erhaltungsfähige sei. In jenem von selbst erfolgten Verfall vieler Satzungen, welcher mit der Vertreibung aus Palästina eingetreten ist, erkennen wir also nicht, wie die Anhänger der alten Richtung, ein niederbeugendes Ereigniß, dem gegenüber die Zukunft eine aufrichtende Wiederherstellung bringen werde, sondern im Gegentheil einen erfteulich-erhebenden Fortschritt, welcher das Judenthum von der Scholle abgelöst hat, und halten wir es für einen Frevel am Geiste geschichtlicher Fortentwickelung, worin Gott sich offenbart, zu glauben und zu wünschen, daß auf diesen überwundenen Standpunct jemals wieder zurückgeschritten werden möchte. Der Untergang des Tempels, des äußerlichen Priesterthums, des blutigen Opferdienstes, und was damit zusammenhängt — dieses Alles ist für uns kein Gegenstand der Klage und des Jammers, sondern vielmehr der Freude und des Dankes vor Gott, daß diese Gängelbänder der Kindheit beseitigt seien, und wir — in höherer Erkenntniß, auf eigenen Füßen, in tausenden von Gotteshäusern, selbst Priester, unsere Herzen Gott darbringend — anbetend stehen im Innern des Heiligthums, nicht mehr im Vorhofe. Und das sollte aufhören? und wieder ein Priester, ein schuldlos Lamm schlachtend, mit blutigen Händen Gott im Heiligthum dienen, wir Anderen wieder ausgeschlossen, in die Vorhöfe gewiesen? — Das ist undenkbar! — Also können wir uns, auch bei inniger Frömmigkeit, oder vielmehr in Folge derselben, einer religiösen Einrichtung so entftemdet fühlen, daß sie weit von uns entfernt ist, die zur Zeit ihrer Einsetzung den Gemüthern so nahe lag, fast naturnothwendig erschien. Der Grundgedanke der Opfer, aus Herzlicher Erkenntlichkeit gegen Gott, ihm die besten Gaben zu weihen und ihn so als den Spender aller guten Dinge thatsächlich zu preisen, er ist auch für uns ein ewiger, und dieser Gedanke war es, durch welchen, wie wir oben angedeutet, diese äußerlichen Gesetze mit dem natürlichen Sittengesetz im Innern Zusammenhängen. Allein jener Gedanke war es auch.

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