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Jüdische Volkszeitung · 1874-04-28 · 17 (28.4.1874) · p. Seite 135

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
17 (28.4.1874)
Date
1874-04-28
Page
Seite 135 (sequence 7)
Language
German
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135 — wenn Sie, wie absichtslos, es im Stande sind! Dort bemerken Sie eine Thüre, die in das Innere des Schiffes zu gehen scheint. Sehen Sie dort jene beiden Oeffnungen — dort sind zwei Augen unverwandt nach uns gerichtet — Biron, der Elende, der Ew. Hoheit haßt und verfolgt, hat hier seine Spione aufgestellt, um auch auf diesem Schiffe jeden Ihrer — unserer — Schritte nachzuspüren. Ich kenne diese Augen, — es sind die seines Kammerdieners, eines Fran- Zofen; ich kenne sie, auch wenn ich sonst nichts von dem Manne sehe, als diese leuchtenden Augen; es sind ja keine menschlichen Augen; es sind die eines Raubvogels. Gehen wir hinunter — in unsere Cajüte. Gehen wir, Hoheit, ich bitte Sie! . . Widerstrebend ließ sich die junge Dame jetzt an die Fallthüre bringen, die, ganz am äußersten Ende des Schisses, dem Steuerruder gerade entgegengesetzt, in die unteren Schiffsräume führte. Sie stand schon auf der dritten Stufe; nur noch die obere Hälfte ihres Körpers war sichtbar. Da schaute sie zurück nach der Stelle, wo sie eben bei dem jungen Manne gestanden. Dort stand er noch. Seine Augen blickten unverwandt auf die entfliehende Erscheinung. Sie machte eine Bewegung, die sagen sollte: ״Wir sehen uns wieder." — Jetzt war sie verschwunden. Noch lange stand Jankiew auf derselben Stelle und schaute unverwandten Blickes auf dieOeffnung, in welcher sie hinabgestiegen war. Dann strich er, wie sinnend, die Hand über die Stirne. ״Hoheit, Hoheit!" murmelte er leise. ״Fort mit diesem hoheitsvollen Bilde! Fort? Ich werde es nie mehr vergessen können!" — Der Nebel, ver Gischt, die ausschäumenden Wellen durchnäßten sein Gewand; er merkte es nicht. Als sich aber einer von den Schiffsgenossen zu ihm gesellen wollte, ein häßliches, entstelltes Angesicht mit den Augen eines Aasgeiers — da kehrte auch er in seine Cajüte zurück und blieb dort während der ganzen übrigen Hälfte des Tages. Ein neuer Stern war in seinem Leben aufgegangen; so sprach's in seinem Innern. Aber die Sterne seines Lebens waren allesammt trügerisch. Bon seiner maßlosen Einbildungskraft getrieben, strebte er immer nur in die Höhe. Was er erreichen konnte, war ihm nie der Anstrengung werth. Was er erreicht hatte, wurde ihm gleichgültig, bis sein Leben in einen Zauberkreis sich verstrickte, in welchem er blos geleitet wurde, nichts mehr selbst leiten konnte. Nur was ewig unerreichbar schien, danach strebte er. Wenn Du, geschätzter Leser, schon auf dem Meere oder auch nur zu einer längeren Reise auf einem ruhigen Strome mit eintönigen Ufern gefahren bist, so wirst Du es in Dir erfahren haben, was es heißt, unthätig auf die engen Räume gebannt zu sein, mit unruhig klopfendem Herzen die Ruderschlüge zählen zu müssen, bis Du ans Land kömmst, an das Ziel, das Dir Arbeit, Thätigkeit, Aussichten für Dein Streben bietet. Und Du kannst nicht entftiehen; Du mußt ausdauern. Gedanken und Gefühle, Hoffnungen und Befürchtungen wechfeln in Deinem unruhigen Herzen, — Pläne durchkreuzen sich — aber Du mußt ruhig sein. Ruhig! Unser Jankiew mußte auch ruhig sein und dennoch war jetzt dieses Schiff ihm eine Stätte der peinlichsten Unruhe geworden, die sein Inneres zermarterte. Seit er dm Fremden ins Angesicht geschaut, kannte er nur noch den einen Wunsch — sie wieder zu sehen, ihre hohettsvolle Stimme noch einmal Zu vernehmen. Er hatte schon vor seinem Einsteigen sein altjüdisches Gewand abgelegt; seine schwarzen Löckchen, der Stolz der jüdischen Söhne Polens, waren dem unerbittlichen Scheermesser gefallen; er wollte seine Vergangenheit begraben. Die leidenschaftliche Sinnlichkeit, mit welcher er Chaja umfangen, lebte kaum mehr in seiner Erinnerung. Die glühendste Einbildungskraft, die an seinem Innern verzehrend nagte, malte ihm nur Bilder neuer, noch ungerannter, aber heiß ersehnter Genüsse und diese verwebten sich mit seinen Messiasträumen, die ihn trotz seiner sceptischen Ungläubigkeit verfolgten. Aber es wollte ihm trotz aller Mühe nicht mehr gelingen, sich der stolzen Erscheinung zu nahen, die mit ihm auf dies Schiff gebannt war. So oft er sich auf das Verdeck begab, und von dem Maste aus hinaus über das Meer und zurück auf das Schiff seine sehnenden Blicke warf, — er sah sie nicht mehr. Sie kam wohlzuweilen noch auch auf das Verdeck, aber Ruschka folgte ihr wie ein Schatten und auch andere unsichtbare Mächte schienen sie zu umgeben, so daß sie, obwohl auch sie das Verlangen, ihm zu nahen, sichtbar kund gab, dies Vorhaben doch nicht ausführen konnte. Kaum war sie, auch bei freundlicherem Wetter, erschienen, als auch da und dort unheimliche Gestalten hinter Verstecken sich erkennen. liefern, die sie wieder verscheuchten. So ging die Reise ihrem baldigen Ende nahe und noch hatte er nicht Gelegenheit gesunden, auch nur einen Blick mit ihr zu tauschen. Endlich erschien der vierte Morgen und mit ihm der Tag, vor dessen Niedergang man das Ende der Seereise erwarten konnte. Das Meer war heute mehr als bisher stürmisch erregt. Hohe Wellen thürmten sich zu beiden Seiten des Schiffes und ergossen sich zuweilen über die Planken hin, so zwar, daß das Verdeck ein unangenehmer Aufenthalt, naß und schlüpftig wurde. Der Schiffscapitän stand besorgt in der Nähe des Steuermanns und sprach mit ihm in einem Jargon, der den Reisenden, die sich fast alle auf dem Verdeck eingefunden hatten, unverständlich war. Auch die stolze Reisende und ihre Dienerin waren auf dem Verdecke; aber sie hielten sich weitab von den Anderen und schauten abgewendet von den Uebrigen hinaus in das aufgewühlte Meer, so daß Niemand sie von Angesicht sehen und erkennen, Niemand sich Ihnen nahen konnte.- (Fortsetzung folgt.)

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