Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 17 (28.4.1874)
- Date
- 1874-04-28
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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134 und ihrer Beaufsichtigung, für Mikwa und tausend andere! Dinge verausgabt, die der Minorität und ihren Anschauungen j widerstreben? Denken diese daran, auszutreten? — Was soll aber aus dem sittlichen Leben des Judenthums werden, wenn eine orthodoxe Richtung sich als alleinseligmachende jüdische! Kirche absondert und die anderen in Bann thut? Die Ehen,' welche der Reformrabbiner einsegnet — sind ungültig; welche j Zerwürfnisse in den Familien und Gemeinden. Wer soll die j zahlreichen milden Fonds besitzen, die unsere Voreltern zum 1 Besten jüdischer Armen hinterlassen? Die Orthodoxen tönnen die klebrigen nicht als Glaubensgenossen anerkennen. Diese! haben also kein Theil an diesen Vermächtnissen! — Das j Princip der Gewissensfreiheit ist ein ewiges. Aber wenn es! Einzelne mißbrauchen, um ihre eigenen Herrschergelüste durch-: setzen zu können, da müssen wir Juden eben zusammenstehen' und uns unserer Haut wehren! j So der Reisende! Und ich glaube, er hatte Recht. — : ümidfcftaii. 33. Usingen, 15. April. Die alte Lea zu Cleeberg,! deren Alter auf 107 Jahre geschätzt wird, ist zur Stunde j noch wohlauf. Sie hat voriges Jahr zum ersten Male in! ihrem langen Leben einen Arzt gebraucht und war auch nach i ein paar Tagen wieder munter. Sie hält noch ihren ״langen! Tag", besucht die Synagoge, ja geht selbst zeitweise allein! nach dem 2/נ Stunde von Cleeberg entfernten Oberkleen. Ihr! Gehör hat zwar nachgelassen, ihr Gesicht aber ist gut und j ihre Fassungsgabe für ihr Alter erstaunlich. Wer sie sich vor-j stellen will, denke sich eine zu der Größe eines 14jährigen * Kindes zusammengeschrumpfte, vertrocknete, jedoch nicht gerade abstoßende Mumie. Seitdem sie ״durch Gott und gute Leut". ihrer früher so drückend gewesenen Nahrungssorgen enthoben! warb, ist sie zusehends wieder aufgelebt. Nunmehr ist der von; Herrn Pfarrer Weygandt in Eschbach, früher in Cleeberg,! verwaltete Unterstützungsfonds, so weit er auf der Creditcasse; in Oberkleen deponirt war, erschöpft. (Mittelrh. Z.)! (Schon vor einigen Jahren hat der obengenannte Pfarrer j sich dieser armen und alten jüdischen Frau angenommen und! damals einige Hundert Gulden gesammelt, die jedoch nunmehr wieder aufgezehrt sind. Durch Herrn Ferdinand Mayer von hier (Ober-Ingelheim) wurde in Folge obiger Mittheilung eine Sammlung hier veranstaltet, die einen sehr anständigen Ertrag lieferte und dem benannten Pfarrer eingehändigt. Mag «s anderwärts Nachahmung finden. Die betreffende jüdische Gemeinde und Umgegend scheint nichts thun zu können. Red.) 34. Preußen. Das ״Centralblatt für die gesammte Unterrichtsverwaltung in Preußen" und die ״Deutsche Schulgesetzsammlungen" enthalten eine Entschließung des Ministers der geistlichen Angelegenheiten, ״die Verwendung der zur Aufbesserung der Lehrergehälter bestimmten Fonds auch für jüdische Schulen — — principiell nicht ausgeschlossen ist, insbesondere wenn ״beim Unvermögen der zur Unterhaltung einer öffentlichen jüdischen Schule Verpflichteten das Fortbestehen derselben dringend wünschenswerth ist, weil eine anderweitige Beschulung der Kinder füglich nicht stattfinden kann, oder wenn das Eingehen der Schule die Nothwendigkeit der staatlichen Hülse in gleichen: Maße zum Zweck ihres unerläßlichen Ersatzes durch anderweitige Unterbringung der Kinder erfordert." — Wie geschraubt und verclausulirt. Da erscheint doch die hessische Unterrichtsverwaltung, die den Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Schulen in dieser Richtung seit Jahren nicht mehr kannte und jetzt principiell jede Confessionalität der Schule ausschließt, in einem ganz anderen Lichte. 35. Paris. Dem Entwurf zur Umbildung der gesetzgebenden Gewalten entsprechend sollen im französischen Senate künftighin 15 Vertreter der Culte und zivar 10 des katholischen und 5 des jüdischen und protestantischen Sitz haben. 36. Aus Galveston in Texas schreibt der Religionslehrer Blum den ״Arch. isr.": ״Ich begab mich zum Abendgottesdienst in die Synagoge, als man mich in aller Eile zu einem ״Israeliten" berief, der im Spital im Sterben läge. Ich eile hin; der Mann war schon nicht mehr im Stande, ein Wort hervorzubringen; kein Verwandter oder Bekannter war um ihn, eine barmherzige Schwester pflegte ihn; nach einer halben Stunde verschied er. Am anderen Tage beerdigte ihn unsere Chebra. In einem ihm gehörigen Koffer entdeckte ich nach längerem Nachsorschen eine Adresse, an die wir schrieben. Ein Onkel antwortete uns: der Verstorbene war — ein protestantischer Christ. Feuikketon. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) In diesem Augenblicke kam die Dienerin ängstlich herbei und ergriff ihre Herrin am Arme, um sie von der Stätte, auf welcher das Zwiegespräch stattgesunden hatte, weit abseits zu führen. ״Hoheit", sprach sie bewegt, und obwohl flüsternd, doch in sichtbarer Angst; ״Hoheit, vergessen Sie nicht, daß Sie beobachtet werden; daß man Sie kennt und jede Gelegen« heit ergreift, um sie zu schädigen. Wann, Hoheit, werden Sie mir endlich Vertrauen schenken, mir glauben, daß ich es mit Ihnen gut meine, wenn auch der Schein wider mich ist? Hoheit, schauen Sie jetzt nicht gleich auf, um Gotteswillen nicht! denn Argusaugen blicken auf uns; aber sehen Sie wie gelegentlich dorthin, am Fuße des Sitzes für den Steuermann, #