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Jüdische Volkszeitung · 1874-04-28 · 17 (28.4.1874) · p. Seite 133

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
17 (28.4.1874)
Date
1874-04-28
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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133 Antrag von Centrumsmännern in Bezug auf die christlichen Geistlichen Annahme findet, aber der in diesem Anträge der Centrumsmänner sich findende Ausdruck, der auch den Juden gleiches Recht zusichert, gestrichen wird: wie bezeichnet man das? E. (Wir haben die Verhandlung auch gelesen und in ahnlichem Sinne aufgefaßt. Doch erwarten wir weitere Bestätigung, daß obige Auffassung richtig ist und — in diesem Falle augenblickliche Intervention des deutsch-israelitischen Gemeindebundes. Redaction.) Au« Honldcutf’cfifnml. Kommt er oder kommt er nicht? Das ist jetzt die Frage; wir meinen den Antrag auf Abänderung des Gesetzes über die jüdische Gemeindeverfassung im preußischen Abgeordnetenhause. Vor einiger Zeit glaubte man darauf rechnen zu dürfen, daß die Angelegenheit ad calendas graecas vertagt sei, und das wäre wohl am besten gewesen. — Jetzt ist im jüdischen Lager selbst wieder neues Leben, man scheint, je nach Parteirichtungen, hier Hoffnungen Zu hegen, dort Befürchtungen zu haben, und es wäre leicht möglich, daß wir über Nacht das Gewitter über unserem Haupte hätten, d. h. unser ganzes bisheriges Gemeindewesen in Frage gestellt sähen. Gestatten Sie mir nun, hier die Anschauung eines ganz einfachen ״reisenden Handelsmannes" in dieser Frage wiederzugeben, die dieser mir gegenüber im Eisenbahncoupd zwischen Frankfurt und Leipzig aussprach und die mich, ich gestehe es, als eine Stimme aus dem Volke warm berührte und frappirte. Ich gebe so viel als möglich seine eigenen Gedanken, möglichst auch mit seinen Worten wieder. ״Sehen Sie", sprach er, ״es ist das seit vielen Jahren die erste jüdische Frage, die uns Alle tief berührt, die das größte Interesse bei Allen, die noch ein Bischen jüdisches Herz haben und in mittleren und größeren Gemeinden wohnen, erregt. Wir reisen in der Welt herum und je weniger wir durch unseren Beruf im Hause festgehalten werden, je mehr wir unsere Frauen und Kinder allein zu Hause lassen müssen, desto mehr wünschen wir, daß das sittliche und religiöse Leben in unseren Familien gefördert und erhalten werde. Aber wir wollen doch auch zwischen unserem Leben und dem unserer Familien keinen allzutiefen Zwiespalt und darum ist uns die stabile Orthodoxie verhaßt. Wer sind die sogenannten Orthodoxen in den süddeutschen Städten? Es sind in einigen die Koscherwein- Verkäufer, die mit ihrer Orthodoxie ein glänzendes Geschäft machen; dann einige Metzger, Schochtim, Mohelim; einige halbgesottene Lamdonim, die auf ihr Bischen genaschtes hebräisches Wissen pochen, zuweilen auch einige ehrliche Alte darunter, denen es wirklich heiliger Ernst ist und die Verwandten und Angehörigen dieser achtungswürdigen Alten. Schließlich neben ihnen eine große Classe der vom Lande in die Stadt hereingezogenen, reich gewordene — Handelsleute, Menschen ohne Sinn und Charakter, mit viel Rechthaberei und Halsstarrigkeit und üblen Gewohnheiten, die in der Synagoge laut beten und die Gesetze halten — so lange es ihnen paßt und nicht schadet. Grundsätze haben die Menschen sammt und sonders nicht. Aber leider finden sie einen Troß, der mit ihnen schreit! Findet man ja heutzutage für Alles einen Anhang. Hier Darwinianer — hier Lehmannianer. Wir wollen nichts gemein haben mit diesen Menschen, aber wir wollen auch kein Pfaffengezänke. Wenn heute die Rabbinen von ehrlichem und entschiedenen Charakter zusammentreten würden und mit klarer Bestimmtheit sagten, was wir thun sollen, dürfen und nicht dürfen, ohne Schwänke, ohne Hinterhalt, ganz offen und ungescheut im Geiste des Judenthums und nach der Bildung unserer Zeit: Tausende würden ihnen zujauchzen, denn wir haben noch jüdische Herzen, und wir wissen auch, was man eigentlich unter Religion zu verstehen hat. Was ists aber mit den Orthodoxen und ihren Trennungsgelüsten? Sehen Sie, es scheint mir auffallend, daß man ihnen noch nicht gesagt hat: Wenn Ihr an Euere angeblichen Ueberzeugungen, an Eure Grundsätze nur irgendwie selbst glauben würdet, so könntet Ihr nicht für Trennung agitiren! Wie so? fragen Sie mich. Ich will es Ihnen sagen. Jede wahre Religion oder religiöse Richtung hält als oberstes Princip die Ueberzeugung fest, daß einstens Alle sich mit ihr vereinigen, Alle zu ihrer Fahne schwören werden. Thut sie das nicht, so hat sie den Glauben an sich selbst verloren. Ist das nicht das höchste Princip des Judenthums, seine messianische Lehre? Und eine unmittelbar damit zusammenhängende Pflicht ist die Belehrung! Wir müssen Alles daran setzen. Andere zu unserer religiösen Ueberzeugung zu bekehren, wenn sie eine ehrliche, wahrhafte ist. Wenn aber die Orthodoxen heute durchsetzen, daß Minoritäten sich abschneiden dürfen, geben sie damit nicht die Hoffnung auf, diese Zu belehren, zu überzeugen, zu sich hinüberzuziehen? Ist es nicht ein Beweis, daß sie selbst nicht an die Zukunft ihrer Richtung glauben? Wenn sie jetzt in der Minorität sind, so müßten sie doch hoffen, einstens, ja sogar bald die Majorität zu sein! Und dann, wenn sie es sind — können ja auch sie nicht verlangen, daß sich diese Minorität ihnen unterordne, wenn sie heute ihre Scheidungsgelüste durchsetzen. Also — sie trauen sich selbst nicht. Nehmen wir so einen Secensionslustigen, der heute austritt. Nach 25 Jahren aber, wenn der Tod ihm nahe ist, fühlt er das Bedürfniß, auf dem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden, — es gibt solche Käuze, — er zahlt sein Eintrittsgeld — und stirbt. Hat er nicht 25 Jahre die Gemeinde betrogen. Und noch eins. In den meisten großen Gemeinden ist die Reformpartei in der Majorität. Es gibt aber auch umgekehrt einzelne — ich nenne Ihnen z. B. Halberstadt, Würzburg, selbst Hannover: werden da nicht Gelder für die Schechita

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