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Jüdische Volkszeitung · 1874-04-28 · 17 (28.4.1874) · p. Seite 131

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
17 (28.4.1874)
Date
1874-04-28
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
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der Schlüssel" darf es in der mosaischen Lehre nicht geben.! Eine Fülle von Satzungen, in einer unfaßbaren Fülle von : Büchern aufbewahrt, wozu nur Wenige den Schlüssel haben,1 kann nicht nach dem Geiste Gottes sein; denn hier gibt eg j ivieder eine Scheidung von Wissenden und Nichtwissenden, und! das ist heidnische Art. — Wo alle Priester sind, da! gibt es keine ״Laien". — Hiermit fällt eine Menge von Gebräuchen, oder vielmehr Mißbräuchen weg, welche die Rabbinen unter mosaischer Flagge eingesührt haben, für welche aber die Vernunft keinen Sinn, das Herz keine Empfindung hat. ״Milch und Fleisch nicht zusammen genießen" — ״ein wollenes Kleid nicht mit einem linnenen Faden nähen" — warum? welche religiöse Empfindung, welchen erhebenden Gedanken bietet uns der nichtssagende Brauch? Liegt das unserem Verständnisse nahe? Haben wir das in ״Mund und Herzen, um es zu üben?" Ist das ״unsere Weisheit und unsere Vernunft vor den Augen der Völker?" — Sagt ja der Talmud selbst: Satzungen dieser Art seien es, welche die ״Völker der Welt" als bedeutungslos angreisen — und dennoch sollen sie in den Augen derselben Völker als bewundernswerthe Weisheit gelten! — Das ist ein Widerspruch, wofür wir nicht Moses, sondern seine irregegangenen Ausleger verantwortlich zu machen haben. Nun gibt sich wohl auch der Talmud in jenem nicht genug zu schätzenden ״agadischen" Theile, worin er uns höchst dankenswerth einen so großen Reichthum von Geist und sinnvoller Schriftauslegung aus der alten Zeit erhalten hat, viele Mühe, über manche Gesetze Aufschluß und geistige Deutung zu geben. Das thut auch Maimonides in seinem ״Führer", unv auch wir werden es in diesem Werke, für jene Gesetze, welche Sinn und Bedeutung auch noch für unsere Zeit haben, daran nicht fehlen lassen; denn dadurch wünschen wir den entfremdeten Gemüthern das religionsgesetzliche Leben wieder näher zu bringen. Allein bei manchen Satzungen von ganz eigenthümlicher Art, die selbst der Zeit des Talmuds schon völlig fern gelegen, gestehen die Rabbinen ein, daß ihnen dafür Sinn und Verständniß völlig abgehe, und sie wenden z. B. aus das Gesetz von der ״rothen Kuh" den Spruch des Predigers an: ״dies Alles untersuchte ich in Weisheit." — Salomo sprach: ״in der ganzen Thora kam ich auf den Grund; allein wie ich zu diesem Abschnitte von der ״rothen Kuh" gekommen, da suchte, forschte, fragte ich — ״dachte klug daraus zu werden, und siehe da! es blieb fern von mir!" — Allein, das ist für die Anhänger der talmudischen Anschauung kein Grund, Satzungen, deren Bedeutung uns so entrückt ist, wie diejenige der ״rothen Kuh", für bedeutungslos zu erklären — im Gegentheil! — Was muß in solchen Dingen, ״ob sie uns noch so hoch liegen, wie der Himmel" und so fern ״wie das Meer", für eine Füllet göttlicher Weisheit geheimnißvoll verborgen liegen, wenn in Betreff ihrer selbst der Weiseste unter den Weisen des Morgenlandes seine Unwissenheit bekennen mußte! — Hier aber, das wird man uns zugestehen, hier ist die Wurzel der Werkheiligkeit, wobei es nur auf die Uebung eines Brauches ankommt, nicht aus die Gesinnung, die damit zu verbinden, so daß bedeutende Gesetzeslehrer sogar derMeinung sind, die religiösen Bräuche (Mizwoth) dürften gedankenlos geübt werden, wenn man sie nur übe. — Freilich sind andere Lehrer der Ansicht, die Satzungen müßten mit Gesinnung (כונה) geübt werden, allein es geschieht wohl Solches mehr aus erklärlicher Achtung vor dem gesunden Menschenverstände, als gestützt auf die Ansicht des Talmuds. Wenn dieser bei der Gelegenheit, wo es in der Mischna heißt: ״Der erste Vers des ״Sch'ma" müffe mit Andacht gesprochen werden", in der Gemara ausruft: ״also müßten die Satzungen doch mit Gedanken verrichtet werden?" so geht wohl daraus klar genug hervor, was seine Grundansicht sei. — Die spätesten Gesetzeslehrer nun, denen schließlich nachgefolgt wird, und die zwischen jenen entgegengesetzten Ansichten stehen, stiften den merkwürdigen Ausgleich, mosaische Gesetze müßten mit; Gedanken, rabbinische aber dürften gedankenlos geübt werden!! — Uebrigens sagt ja der Talmud unbestritten, daß beim Sch'ma nur der erste Vers eine Ausnahme mache, bei den übrigen Versen thue es der religiösen Pflicht keinen Eintrag, wenn sie ohne Andacht gesprochen würden. — Ja, selbst über Diejenigen, welche die Ansicht vertreten, die Satzungen müßten mit Gesinnung geübt werden, wird die Meinung geäußert, es sei dies so zu verstehen, daß man sich bei Uebung eines Brauches der Absicht bewußt sein müsse, sich seiner religiösen Pflicht zu entledigen, einer weiteren Andacht bedürfe es nicht. (Schluß folgt.) Evrre^ronäenz. 3ngetl>ei1n, 22. April. Seit einigen Jahren wiederholen sich in regelmäßiger Wiederkehr von Zeit zu Zeit Nothschreie aus Jerusalem, die von der Orthodoxie benützt werden, um die Gaben für das heilige Land, wenn sie etwa nachlaffen, wieder stärker fließen zu machen. Es erscheinen dann neue herzenbestürmende Aufrufe, neue Sammellisten und Sammler. Auch jetzt sprechen die Blätter wieder von solchen Calamitäten im heiligen Lande. Wir wollen die Thatsache, die äugenblicklich große Noth nicht bezweifeln. Wir bedauern aufrichtig die Unglücklichen, die sich nicht Helsen können. Aber wir fragen: Ist es erlaubt, sich solcher wiederkehrender Mittel zu bedienen und die dauernde Abwehr dieses Grundübels am Lebensbaum der Judenheit grundsätzlich und mit allen erlaub-

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