Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 17 (28.4.1874)
- Date
- 1874-04-28
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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130 ״Ganzopfer und Sündopfer begehrst Du nicht"; und Hosea: ,Piebe verlangst Du und kein Opfer"; und Micha: ״hat denn Gott Wohlgefallen an Taufenden von Widdern?" und Jeremias: ״füget eure Ganzopfer zu euren Schlachtopfern und esset selbst das Fleisch." — Es waren also diese erhabenen Männer, welche ganz andere Dinge als die Grundpfeiler der Welt bezeichnen, von keiner sehr großen Achtung für die Opfer erfüllt, während nach talmudischer Ansicht gerade diese Classe von Gesetzen, obgleich oder weil sie für uns keinen Sinn! mehr haben, als Probe des Gehorsams so hoch gestellt wird. Von diesem Gesichtspunkte aus heißt es ferner im Talmud, in Beziehung auf das göttliche Gebot, man solle der Vogelmutter die Freiheit geben, wenn inan ihre Jungen an sich nimmt, cs sei nicht erlaubt zu beten: ״der Du Dein Erbarmen über ein Vogelnest erstreckest (erbarme Dich unser)." Als Grund dieses Verbotes gibt ein Lehrer des Talmuds die weit hergeholte Meinung ab, weil Solches gewissermaßen wie ein Tadel aussehe, als erbarme sich Gott nur dieser, nicht auch seiner übrigen Geschöpfe — ein anderer Talmudist aber gibt den richtigen, auch von Maimonides in der Abhandlung über das Gebet aufgenommenen Grund an, ״weil sonst der Betende die Gesetze Gottes zu Ausflüssen der Barmherzigkeit machte und dieselben sind doch nur unbedingte Befehle." Hier gibt uns der Erklärer den talmudischen Standpunkt mit Worten kund, deren Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Er sagt: ״Gott hat dieses Gesetz nicht aus Erbarmen gemacht, sondern nur um den Israeliten die Verfügungen seines unwidersprechlichen Willens aufzuerlegen, um zu zeigen, sie seien seine Knechte, die Vollstrecker seiner Gebote und strengen Befehle, auch in Dingen, welche der Satan und die Völker der Welt beanstanden und sagen könnten: ״was soll's mit diesen Geboten!" — Allein die heilige Thora sagt doch selbst: ״die Völker werden vernehmen diese Gesetze und sprechen: ja, eine weise und kluge Nation ist dieses große Volk!" — Und Moses fügt bei dem bezüglichen Gesetze über die Vogelmutter ausdrücklich hinzu: ״damit es dir wohlergehe und du lange lebest", was, außer bei der Vorschrift gegen die Eltern, sonst bei keinem anderen Gebote vorkommt und nur den Sinn haben kann: sei gütig auch gegen das Thier, damit Gott auch dir und deinen Kindern seine Güte erweise. Welch eine große, unverzeihlich schwere Versündigung wird daher gegen Gottes heiligen Geist begangen, der nur Liebe und Güte ist, wenn man gerade jenen väterlichen Gesetzen gegen die Thiere, wie sie kein anderes Gesetzbuch der Welt aufzuweisen hat, so zu sagen erbarmungslos die Barmherzigkeit abspricht! Welch ein großes Unrecht wird unserem erhabenen Lehrer Moses angethan, von welchem ein Zeitgenosse des aufstrebenden Nabbinismus, Philo, der Alexandriner, nachdem er Moses Leben mit großer Vorliebe behandelt hat, so schön sagt: ״wenden wir uns nun zu der leiblichen Zwillingsschwester der Frömmigkeit, zur liebevollen Menschlichkeit (kkrilanti-opia), welche unserem Gesetzgeber so innig vertraut war, wie kaum einem anderen Da er nämlich wußte, dies sei der Pfad für Alle, welche nach Heiligkeit streben, so empfahl er allen seinen Untergebenen Theilnahme und Wohlwollen, indem er ihnen sein eigenes Leben wie ein Gemälde zur Nachahmung aufstellte . . . Billigkeit und sanfte Gefühle befestigte er nicht blos im geselligen Verhältnisse der Menschen untereinander, sondern erstreckte sie in seiner Giite theilnahmsvoll auch auf die unvernünftige Thierwelt, ja, selbst die Bäume, namentlich die fruchttragenden, nicht ausschließend." — Darauf würdigt Philo mit sinnigem Verständniß und Einblick in die Natur die bezüglichen mosaischen Gesetze, in ihrer Barmherzigkeit und Menschlichkeit, den Gesetzgeber ehrend und den göttlichen Geist, der ihn beseelte. Nach der talmudischen Anschauung aber erscheint Gott als ein morgenländischer Selbstherrscher, dem wir blind und sclavisch gehorchen müssen, nicht als ein väterlicher Lehrer, dem wir in freudiger Ueberzeugung folgen sollen. Auf diesem Standpunkte aber erschiene das Judenthum, welches doch gegründet ist auf Erkenntniß und geistiger Klarheit: ״du bist angewiesen zur Erkenntniß", und: ״das Gebot Gottes ist lauter, erleuchtet die Augen", nicht besser als das strenggläubige Christenthum; denn ich sehe keinen Unterschied, ob ich meine Vernunft zur unterwürfigen Sclavin mache in Betreff Dessen, was ich Lhue, oder in Betreff Dessen, was ich glaube. Hier wie dort herrscht die in der Menschheit bis auf dm heutigen Tag sich als so unheilvoll erweisende verkehrte Ansicht vor: ״was thust Du denn Großes, wenn Du Dasjenige glaubst und übest, was schon Deiner Vernunft einleuchtet? Wenn Du Dasjenige glaubst und übest, was Deiner Vernunft nicht klar ist oder ihr gar widersteht, dann erst hat Dein Glauben und Thun ein rechtes Verdienst!" — Allein, was meiner Vernunft oder meiner Natur widerstrebt, das hält doch wahrlich nicht jenen Prüfstein unseres großen Lehrers aus, der von seinem Gebote sagt, es sei uns ״nicht zu erhaben" — daß wir es nicht verstehen— ״liege uns nicht ferne" daß wir es nicht üben könnten — sondern in Mund und Herzen haben wir es, um es mit Freuden Zu üben — wobei freilich der Anhänger der talmudischen Lehrweise nicht versäumt, dem klaren Wortsinne entgegen, hinzuzufügen: ״du hast es in Deinem Munde" — das bedeute die mündliche Lehre! Darum, sicher und gewiß! die heiligen Gebote alle waren zur Zeit, da sie gegeben wurden, durchsichtig, allverstündlich. Sie waren ja einem ״Volke von Priestern" gegeben; da mußten Alle Wissende, Erkennende sein; für das heiligste Buch muß Jeder den Schlüssel in sich selbst tragen; ein ״Amt