Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 16 (21.4.1874)
- Date
- 1874-04-21
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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127 eine kleine, fast kugelrunde Person, demüthig schüchtern der Großen zur Seite stand und das Gesicht, von dem man durch den verhüllenden Schleier ebenfalls gar nichts bemerken konnte, nicht von ihr abwendete. Die Große unterbrach jetzt die Stille. ״So einsam, so verlassen", seufzte sie. ״Wohin ich mich wende, nichts als das unendliche Meer und ohne Schutz, ohne männliche Bedeckung. Von wo ich herkomme, da hat mich Glanz und Hoheit umflössen — Herzen schlugen mir entgegen; ich glaubte mich sicher und fühlte mich glücklich. Und jetzt — verbannt für immer!-Wo werde ich hinkommen? Ich weiß es nicht; Du weißt es auch nicht, Ruschka, wie Du sagst. Aber — ich vertraue Dir nicht; ich kann Dir nicht vertrauen. Warum hat man von allen meinen Dienerinnen gerade Dich zu meiner Begleitung ausersehen? Ich hätte eine andere gewählt; doch keine ist treu. Du standest mir bisher nicht so nahe? Und — ich traue Niemand, gar Niemand. Ich habe keine Menschenseele auf der Welt. Ich bin von allen Seiten bewacht; auch auf diesem Schiffe sind Spione, o Gott!" Die mit dem Namen Ruschka Angeredete regte sich nicht. Hätte die stolze Herrin das Gesicht der Dienerin durch den Schleier sehen können, sie würde vielleicht mehr Vertrauen zu deren Mitgefühl gehabt haben. Sie hätte die tiefe Rührung in den häßlichen und anscheinend abschreckenden Zügen nicht verkennen können. Aber sie schwieg beharrlich. Kein Laut wurde vernehmbar als das eintönige Plätschern der Wellen, die von vem Schiffe aufgeregt wurden. Ruschka schaute nur mit unverkennbarer Angst zuweilen um sich, ob nicht unberufene Lauscher in der Nähe seien. Die Herrin verfiel wieder eine Weile in ihr vorheriges dumpfes Hinbrüten. Jetzt gewahrte sie den jungen Mann am Mastbaum und vernahm zugleich sein Selbstgespräch. Wohl flößte ihr der Ausdruck seiner Gesichtszüge auch kein sonderliches Vertrauen ein- Dennoch interessirte sie sein Gespräch, sein trotzig-stolzes Gebühren. Mit einer schnellen Wendung stand sie ihm zur Seite, und indem sie ins Meer deutete, sagte sie: ״Tief dunkel! Ganz geeignet, einem Leben, dessen man überdrüssig ist, ein schnelles Ende zu bereiten." Aufgeschreckt blickte sich Jankiew um. Er hatte sich allein gewähnt und nun stand eine Frauengestalt vor ihm, so hoch und hehr, wie er noch keine gesehen. Und der Klang dieser Stimme! So voll, so weich, so majestätisch! Sie sprach seine Muttersprache, das Polnische, das er fast nur nach einem verdorbenen Idiom kannte, so rein und doch mit einem fremdartigen Accente. Er schwieg lange, bestürzt und keiner Antwort fähig. Dann aber hob sich mächtig seine Brust und er sprach: ״Nein, nein! Habe ich das gesagt? Nicht sterben, sondern leben; leben will ich und die Freuden dieser Welt genießen, in vollen, vollen Zügen!" Die Dame schaute ihn eine lange Weile durch ihren Schleier so unverrückt an, als wollte sie in seiner Seele lesen. Dann schlug sie, wie verwundert, die Hände zusammen und sprach: ״Aha, Lebenslust, junger Mann, Ehrgeiz? Ich kenne auch das. O, armer Mensch, wer das fühlt in seinem Herzen, der hat da ein unaufhörlich brennendes Feuer, das nimmermehr zu löschen ist. Ihm wäre der Tod dennoch besser! Sie haben eine Mutter? Vielleicht auch eine — — Braut und andere Lieben, die Sie verlassen haben, um dem Glücke nachzujagen?" ״Ich habe eine Mutter!" ״Mutter! Ich habe auch gehört, es soll ein unnennbares Glück sein, am Herzen der liebenden Mutter zu ruhn. Gehört habe ich es — gefühlt niemals! Ich, ich glaube, — ich habe keine Mutter gehabt. Weißt Du, junger Mann", — und ihre Stimme sank fast bis zum Flüstern herab — ״daß Du sündigtest, als Du Dich vom Herzen der Mutter losrissest, dem höchsten Glücke, um dem Ungewissen nachzujagen? Ich — ich wäre glücklich, wenn nur ein Herz auf dem weiten Erdenrunde noch mein wäre; ein Herz, das sie mir nicht entrissen hätten. O ja, einst schlug ein Herz für mich, so heiß, so innig, so glühend — und so treu. Sie haben es von mir gerissen . . . dort, siehst Du? Dort, weit im Osten, wo der Schrecken haust, dort weilt er wohl jetzt und stirbt vor Sehnsucht nach mir; sie haben ihn nach Sibirien gebracht! Und ich — ich bin mit meinem glühenden Herzen allein geblieben, ganz allein; . . . weißt Du, was das heißt? Alle, Alle, die mich umgeben, sind falsch, sind Verräther, Spione lauern mir aus ..." sie ballte die Faust und knirschte mit den Zähnen . . . ״wer weiß, ob Du nicht auch so ein feiler, feiger Spion bist . . . Doch, sei es, ich muß einmal sprechen, einmal, sonst ersticke ich . . . warum haben sie mich nicht getödtet? warum bin ich selbst zu feige? Komm, junger Mann, wir wollen sterben".und sie ergriff seine Hand, als wollte sie ihn mit sich über das schmale Geländer hinab ins Meer ziehen. Entsetzt prallte der junge Mann zurück und entzog ihr die Hand, die sie ergriffen hatte. Dabei hatte sie ihren Schleier zurückgeschlagen und ihr Pelzoberkleid hatte sich verschoben. Wie gebannt stand Jankiew vor diesem Angesichte. Das war ein Gesicht, wie ihm auch im Traume noch keines erschienen war. Die Majestät und die Weichheit stritten sich in diesen Zügen von einer Regelmäßigkeit, einer Hoheit, die Sinne und Herz gefangen nahmen. Als die Dame den Eindruck bemerkte, den sie unwillkürlich auf den jungen Mann gemacht hatte, ließ sie, gleichsam wie erschreckt, schnell den Schleier wieder fallen und schob das Oberkleid zurecht. Aber es war geschehen. Stumm und verwirrt schaute Jankiew noch lange vor sich hin, als wollte er den neidischen, dichten Schleier mit seinen Augen durchbohren. (Fortsetzung folgt.)