Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 16 (21.4.1874)
- Date
- 1874-04-21
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 ein großes Vertrauen im In- und Auslands. Männer der verschiedensten Denkart befragten ihn über wichtige Gegenstände der Religion. Zahlreiche Gemeinden des Auslandes holten in wichtigen das Judenthum der Neuzeit bewegenden Fragen seine Gutachten ein. Mehrere von den größten Gemeinden Deutschlands an ihn ergangene Rufe, wie den des Vorstandes der israelitischen Gemeinde in Berlin lehnte er ab, da er für sein Wirken und Streben in einem Lande, wo die Regierung eine väterliche Fürsorge den kirchlichen Interessen der Israeliten angedeihen läßt, sich einen größeren und sichereren Erfolg versprach als da, wo der Staat sich gegen das kirchliche Leben der Israeliten ganz indifferent verhält. Auf dem Gebiete der mosaisch-talmudischen Nechtslehre war es vorzugsweise das Eherecht, welches M. wissenschaftlich bearbeitete. Zu fleißigen Studien in dieser Materie war er schon als geistliches Mitglied der israelitischen Oberkirchenbehörde, welche in Ehesachen der Israeliten ihre gutachtlichen Aeußerungen vom Standpunkte des jüdischen Rechts aus an die Ehegerichte, insbesondere an den ehegerichtlichen Senat abzugeben hat, veranlaßt. Im achtdas k. Justizministerium, von welchem er befragt wurde, wie es mit den israelitischen Sträflingen in den Strafanstalten zu halten sei, ob dieselben an Sabbathen und Festtagen nicht arbeiten dürfen: da durch die Befreiung der Juden von der Arbeit die Hausordnungen aller Strafanstalten gestört würden. M. erklärte in seinem Gutachten, daß Israeliten in der Strafanstalt, wie Soldaten im Dienste an die Ausübung der jüdischen Ceremonialgesetze nicht gebunden seien nach dem Grundsätze: 1'1א דמלכות' דינא Staatsgesetze heben Ccremonialgesetze auf! — M/s ethischer Grund satz läßt sich rechtfertigen: wer mit der Moral so in Conflict gekommen, daß er im Zuchthause sitzt, dessen Gewissen ist nicht so sensibel, daß die Uebertretung der Speisegesetze und Sabbathfeicr ihm Scrupel macht: aber vom Standpunkte > der confessionellen Gleichbrechtigung ist der Staat nicht im Rechte,! Angehörigen der confessionellen Minderzahl Zwang in der Religions- > Übung aufzuerlegen. Das damalige Verbiet M.'s hat viel Staub! aufgewühlt und die zelotische Presse hat mit Schonungslosigkeit ihn ׳ bekämpft. — Ein Mann in M.'s Stellung mußte principielle Gegnerschäften provociren: da gilt Hutten's Wort: ״Viel Feind, viel Ehr!" Aber auch der Kreis seiner Freunde war ein weiter und inniger. So lange er noch im Kaulla'schen Hause weilte, sammelten sich um ihn die jungen jüdischen Gelehrten, u. A. vr. Frankfurter, der später Tempclprediger in Hamburg wurde: Berthold Auerbach, Dr. L. Kaulla u. a. m. Durch, die Prüfungen der Candidaten der! mosaischen Theologen kam er je bei der ersten Staatsprüfung als! Mitglied der Prüfungscommisston, die aus Professoren der evang.-! katholischen theologischen und philosophischen Facultät zusammengesetzt j war, nach Tübingen und verkehrte dort collegialisch mit den Lehrern! der Landesuniversität: die zweite rabbinische Dienstprüfung wurde j von ihm bei der israelitischen Oberkirchenbehörde unter Zuziehung j eines Rabbinen vorgenommen. j In den 50er Jahren hatte er im Austrage der israelitischen Oberkirchenbehörde die Rabbinats- und Religionsschulen-Visitationen in ganz Württemberg vorzunehmen, die ihn mit den Zuständen der Gemeinden genau bekannt machten. Manche Ovationen wurden ihm auf diesen Reisen dargebracht. — zehnten Bande der dritten Abtheilung der Zeitschrift für die Justizpflege in Württemberg veröffentlichte Maier 1852 die Grundsätze des israelitischen Eherechts, eine Arbeit, welche von seiner Befähigung für Systematisirung auseinander liegender Materien und von seinen umfassenden Kenntnissen in diesem weiten Zweige des jüdischen Schriftenthums Zeugniß gibt und die höchsten Ortes dadurch gewürdigt wurden, daß ihm vermöge k. Entschließung vom 25. Sept. 1864 die Stelle eines Beisitzers des ehegerichtlichen Senats des k. Obertribunals für Ehesachen der Israeliten übertragen wurde. M. ward für sein vielseitiges und verdienstliches Wirken sowohl von Sr. k. Majestät, als von den Gemeinden seines Rabbinatsbezirkes vielfache Anerkennung zu Theil. Im Jahre 1856 wurde er durch Verleihung des Ritterkreuzes des Friedrichsordens und im Jahre 1867 durch die des Kronordens ausgezeichnet. Aus Anlaß seines 25jährigen Dienstjubiläums als Rabbiner in Stuttgart, welches im December 1859 feierlich begangen wurde, zollten ihm die Vertreter dieser Gemeinde, sowie die des Bezirks den Tribut innigen Dankes für seine ersprießlichen Leistungen in Kirche und Schule in sinnigen, reichen Ehrengaben, während mehrere andere Gemeinden des Landes den Jubilar in Adressen und durch abgesandte Deputationen beglückwünschten. Bei einer äußerst mäßigen, nüchternen und geregelten Lebensweise erfteute sich M. einer seltenen Frische und Munterkeit des Geistes bis an sein Ende, welches am 19. Aug. v. I., unmittelbar nach seiner Rückkehr von Wildbad, wohin er sich mit seiner Familie zum Gebrauche einer Cur begeben hatte, zum tiefen Schmerze der Seinen, welchen er ein liebevoller, treubesorgter Gatte und Vater und ein weiser Berather in schwierigen Lagen gewesen, sowie zum großen Leide der Gemeinden, in welchen er gegen 40 Jahre als treuer Seelenhirte waltete, überraschend schnell eintrat. Auf die Kunde von seinem Hinscheiden entsandten selbst entlegene Gemeinden des Landes Deputationen, um dem Manne die letzte Ehre zu erweisen, den sie im Leben hochschätzten. M.'s Ehe- und Familienleben*) war ein inniges und glückliches, getragen vom *) Maier hing mit besonderer Liebe an seinen Geschwistern und besonders an einem Bruder, der in Mainz Chef eines angesehenen Handelshauses ist. Seine Brüder nahmen im Jahre 1828, als die Israeliten Württembergs durch das Gesetz angehalten waren, sich Familiennamen beizulegen, den Namen ״Rosenthal" an, während er den seinen ״Josef Maier", der schon bekannt geworden, beibehielt. Seine Wittwe ist eine geborene Auerbach, deren Bruder Emil Auerbach war ein beliebter Arzt in Stuttgart: des letzteren Tod berührte seinen Schwager M. schmerzlich, denn er verlor in ihm auch einen bewährten Freund. Es ließe sich aus M.'s Leben das Resumö ziehen, daß er auf die Entwickelung der religiösen Cultur der Israeliten Württembergs erfolgreich eingewirkt hat. Von seinen Gegnern wurde er als sceptische, das Glaubenselement zersetzende Natur verschrieen und das ist \