Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 16 (21.4.1874)
- Date
- 1874-04-21
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Herz veredelnden Weise jeden Sabbath und Festtag gelehrt und das ganze Leben nach allen seinen Beziehungen im Lichte des Glaubens beleuchtet. Von seiner Anstellung als Rabbiner in Stuttgart an, welche im December 1834 erfolgte, veröffentlichte Maier eine Anzahl von Festpredigten und Casualreden, welche von seiner großen Meisterschaft auf dem Gebiete der Canzelberedtsamkeit Zeugniß geben. Der echt prophetische Geist, der sie durchweht, der tief ethische Gehalt derselben, die Klarheit der Gedanken, und der logische Gang in ihrer Entwickelung, die jesajanische Kürze, gepaart mit hohem Schwünge, die seine Reden charakterisiren, die besonnene Ruhe und doch lebendige Wärme, mit der er sie vortrug, wirkten überzeugend und hinreißend auf den Hörer und machten ihn zu einem sehr beliebten Canzelredner. Sein beredter Mund führte Manchen dem Gotteshause wieder zu, der ihm früher Jahre lang den Rücken gekehrt hatte. Die nächste Verbesserung im Cultus galt nun der Reinigung des öffentlichen Gottesdienstes von den Mißbräuchen, welche Zeiten schwerer Bedrückungen und Verfolgungen, wo die Synagoge jeder Aufsicht entbehrte, sich in denselben allmählich eingeschlichen und der Herstellung einer weihe- und würdevollen Gottesverehrung. Zu diesem Behufs entwarf M-, welcher Juli 1837 von Sr. Maj. dem Könige mit der Verleihung des Titels ״Kirchenrath" definitiv zum geistlichen Mitglieds der israelitischen Oberkirchenbehörde ernannt worden war, eine Gottesdienstordnung, welche 1838 von der israelitischen Oberkirchenbehörde unter Zuziehung der Rabbinen des Landes für sämmtliche Synagogen deffelben festgestellt und in denselben eingeführt wurde. Die Ueberzeugung, daß innerhalb des Judenthums Reformen, besonders die des Ritus und Cultus, nothwendig und berechtigt seien, hatte nachgerade auch in mehrere israelitische Gemeinden Deutschlands sich Bahn gebrochen; eine nicht unbedeutende Zahl von Rabbinen war der Reform zugethan und es galt nun, sich über das Wieweit derselben zu v erständigen. Man suchte dies in Rabbinerversammlungen,*) welche alljährlich gehalten werden sollten, zu erzielen. Die erste derselben fand zu Braunschweig im Juni 1844 statt. M. wurde in derselben zum Präsidenten erwählt. Sie befaßte sich zunächst mit praktischen Fragen, mit der Liturgie, dem Eide mors judaico und der Ehegesetzgebung. In die Com- Mission, welche zur Feststellung der bei einer Reform des Rituals in Anwendung zu bringenden Grundsätze eingesetzt wurde, ward M. mit der Aufgabe berufen, diese Principien *) Bei der Rabbinerversammlung in Frankfurt a. M. platzten die Principien aufeinander und Z. Frankel und Maier brachen die Lanzen mit einander und Frankel trat aus der Rabbinerversammlung aus. Ein Biograph Maier's oder Frankel's wird aus diese Catastrophe der Frankfurter Rabbinerversammlung tiefer eingehen müssen. zu redigiren und den Bericht darüber in der nächsten im Juli 1845 in Frankfurt a. M. zu haltenden Versammlung zu erstatten. Er entledigte sich dieser Mission in einer gründlichen, umfassenden Arbeit über d׳e ursprüngliche Gestalt und Beschaffenheit der Liturgie und über ihre geschichtliche Ent- Wickelung, zeigte, wie man nur zu jener zurückkehren dürfe, um eine vereinfachte, geläuterte, dem wahren religiösen Bedürfnisse entsprechende öffentliche Gottesverehrung herzustellen. Die von ihm gestellten Anträge wurden von der Mehrheit der Versammlung nach gründlicher Debatte acceptirt. Wie jedoch die Rabbinerversammlungen in gerechter Würdigung der Gewissensfteiheit ihre Beschlüsse den Gemeinden nicht aufoctroyren wollten, sondern sie denselben nur zur Annahme und Durchführung empfahlen, so lag auch M. eine gewaltsame Verdrängung der bisherigen Liturgie ferne. Ein von ihm im Jahre 1848 veröffentlichtes Gebetbuch, in welchem das deutsche Element vorherrscht und in dogmatischer Beziehung besonders die Mesfiaslehre in einer von der bisherigen Liturgie abweichenden Auffassung zum Ausdrucke kommt, sollte zunächst nur für die Privatandacht des Theils der Gemeinde dienen, dessen religiöses Bewußtsein mit gewissen Bestandtheilen des bisherigen Gebetbuchs in Widerspruch gerathen und der für die mannichfachen religiösen Gefühle und Empfindungen in den Wechselfällen des Lebens nicht den entsprechenden Ausdruck in demselben fand. Ihm sollte in diesem Gebetbuche ein Mittel geboten werden, in der Muttersprache in echt israelitischer Denk- und Gefühlsweise sich zu erbauen. Zum Gebrauche tz beim öffentlichen Gottesdienste eignete sich mehr eine andere Gebetordnung, die M. im Jahre 1861 für den Gottesdienst in der neuerbauten Synagoge zu Stuttgart ausarbeitete und von welcher Aenderungen, die das Dogma betreffen, ausgeschlossen blieben und die sich von dem bis dahin in Gebrauch gewesenen Gebetbuche nur durch Abkürzung gewisser Gebetstücke und durch Aufnahme deutscher Lieder und Gesänge unterscheidet. Diese Agende wurde bald von mehreren Gemeinden des Landes angenommen, die, weil sie zur Hebung der Andacht beim öffentlichen Gottesdienste wesentlich beiträgt, sich derselben bis zum heutigen Tage freuen. Die deutschen Gebete und Betrachtungen für das Neujahr und den Versöhnungstag, welche M. dieser Sammlung einverleibte, athmen einen wahren Psalmengeist. Nur ein Mann von tief religiöser Gesinnung vermag solche Gebete zu verfassen und diese frommen Ergüsse seines Gemüthes geben den besten Beleg dafür, daß ihn trotz der freien theologischen Richtung, der er sein Lebenlang huldigte, dennoch eine tief innige Religiosität beseelte. Darum genoß er als Rabbine und Theolog trotz mancher Verketzerung von Seiten der Hyperorthodoxie*) dennoch *) Die Verketzerung M.'s von Seiten der Hyperorthodoxen bekam ihren Anstoß durch ein Gutachten M.'s in den 40er Jahren an