Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 16 (21.4.1874)
- Date
- 1874-04-21
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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122 Aber zu diesem Zwecke müssen wir tüchtige, würdige, ihrer Aufgabe gewachsene jüdische Lehrer haben. Auch für die besseren, anständigen jetzigen Lehrer kann es nur erwünscht sein, wenn ihre Zahl durch kenntnißreiche und charaktervolle Mitglieder vermehrt wird, und diese die unwürdigen Subjccte verdrängen, die bisher leider dem Lehrerstande zur Unehre gereichten. Israeliten Hessens! Die Verkommenheit unseres seitherigen Religionsschulwesens kann Euch nicht unbekannt geblieben sein. Die unwürdigen Menschen, welchen an vielen Orten das hochwichtige Amt des Religionslehrers übertragen wurde, entsprachen nur der überaus armseligen Stellung, die ihnen gewährt worden. Sollten unsere Kinder auch fernerhin solchen kenntnißleeren und charakterlosen Subjecten überantwortet werden? Soll das Heiligste in ihnen, das religiöse Gefühl, in unverzeihlicher Weise erstickt werden? Sollen, wie bisher, Tausende unserer Kinder ganz ohne allen entsprechenden Religionsunterricht aufwachsen? Werden sie aus diese Weise zu wackeren Menschen und Israeliten, zu würdigen Bürgern unseres deutschen Vaterlandes herangedildet? Das kann nicht so fortgehen. Das muß anders werden. Gibt es für uns irgend welche Pflicht, die der Sorge für die religiöse Erziehung unserer Kinder, für die Erhaltung der Lehre in Israel gleich käme? Den tüchtigen Lehrern wird in Zukunft nicht allein ein hoher, das ganze Sein erfüllender Lebensberuf, sondern auch eine würdige, ansprechende Lebensstellung sich eröffnen. Wir können im Hinblick, auf die neue Zeit mit vollster Berechtigung strebenden und bildungsfähigen jüdischen Knaben und Jünglingen die Ergreifung des Lehrerberufes anrathen. Wir fordern daher hiermit unsere Glaubensgenossen, insbesondere in Hessen und seiner unmittelbaren Umgebung auf, uns beizustehen zur Gründung eines Vereins, der es armen jüdischen Knaben möglich macht, sich zum Lchrerberufe auszubilden. Unsere weise und gerechte Regierung hat zugestanden, daß in einem der Seminare ein jüdischer * Lehrer zur Ausbildung der jüdischen Seminaristen in den Religionsfächern angestellt werde, sobald jüdische Seminaristen überhaupt vorhanden sind. Zu allen Zeiten gab es für den Juden keine heiligere Aufgabe, als die Ausbreitung der Lehre und der Erkenntnis die ״Ausbildung der Kinder der Armen". Für uns wird dies eine doppelte Pflicht, eine erhabene uud heilsame Wohlthätigkeit ohne Gleichen; denn wir führen diese armen Knaben nicht allein der Lehre, einem würdigen und erhabenen Berufe, einer anständigen und gesicherten Lebensstellung zu, sandern wir sorgen dabei auch noch für uns und unsere Kinder, für die jiidische Religivnsgemeinschaft und die Gesammtheit, welchen tüchtig ausgebildete Lehrer Noth thun. Wir erweisen uns als würdige Söhne und Töchter unseres geliebten sich verjüngenden Vaterlandes, indem wir unser Theil beitragen zur Verallgenreinerung der Bildung und des Lichtes, zur Verbrüderung der Menschheit durch Cultur. Wir fordern zu diesem Zwecke unsere Glaubensgenossen auf, uns Gaben zuzusenden, damit das Werk einen Anfang habe. Wir werden diese Gaben in diesen Blättern quittiren und für einstweilige zweckmäßige Anlage Sorge tragen. Sobald ein einigermaßen erklecklicher Anfang gemacht ist, werden wir uns mit einigen hervorragenden Männern unseres Landes zur Bildung eines Comit6s verbinden, das dann diese Angelegenheit weiter betreiben und zu diesem Zwecke, wenn ersprießlich, eine Landesversammlung hessischer Israeliten berufen soll. ' Möge das Werk unserer Hände gelingen mit Gott! Ober-Ingelheim, den 15. April 1874. Dir Uednction drr ״Jüdische« VolirKzritung". I. Klingenstein.