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Jüdische Volkszeitung · 1874-04-14 · 15 (14.4.1874) · p. Seite 114

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
15 (14.4.1874)
Date
1874-04-14
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 dem israelitischen Lehrer und Vorsänger seines Geburtsortes einen sehr mangelhaften, nur mechanisch, ohne Weckung des Verstandes und ohne Einwirkung aus das Gemüth betriebenen Unterricht, welcher sich nur auf das Lesen des Hebräischen, auf das Uebersetzen des 1. Abschnitts der wöchentlichen Perikope des Pentateuchs und aus das Schreiben der hebräischen Currentschrift beschränkte. Ebenso mechanisch wie der Unterricht in der Schule waren die religiösen Uebungen im elterlichen Hause und in der Synagoge. Der Vater Maier's, Maier Jakob, — die Mutter verlor er schon im Alter von fünf Jahren — hielt zwar seine Kinder fleißig zum häuslichen Gebete, zum pünktlichen Besuche des öffentlichen Gottesdienstes und zur gewissenhaften Uebung der religiösen Bräuche und Satzungen an, aber es geschah meistens ohne Kenntniß des Inhaltes, ohne Verständniß ihrer Bedeutung. Die raschen Fortschritte, welche Josef bei seiner leichten und schnellen Auffassung und bei seinem ungewöhnlichen Gedächtnisse in der Schule machte, sowie sein schwacher Körper,*) welcher nicht im Verhältnisse zum Geiste sich entwickelte, vielmehr klein und schmächtig blieb, weckten in dessen Vater den Entschluß, ihn Schulmeister und Vorsänger werden zu lassen. Damit begegnete der Vater nur einem heißen Verlangen des lernbegierigen Knaben, der sich noch ein höheres Ziel steckte, der vor Begierde brannte, den Talmud, welcher nach der Anschauung der damaligen Israeliten für den Inbegriff alles Wissens galt, zu studiren und ein tüchtiger Gelehrter zu werden. So vereinigte sich denn der Vater Josefs, trotz seiner Armuth, mit einigen anderen Hausvätern in der Gemeinde, ihren Kindern einen Talmudlehrer zu bestellen. Ein solcher fand sich in einem jungen Manne aus Fürth. Trotz der mangelhaften Kenntnisse und verkehrten Methode desselben machte Josef solche Fortschritte, daß er bald nicht nur leichte Stücke des Talmuds richtig zu übersetzen vermochte, sondern ein Jahr später vor einer größeren Versammlung 10 Folioseiten aus einem Tractäte desselben auswendig vortragen konnte. Wohl blieb ihm in Folge der mechanischen Lehrweise der Geist dieses bedeutenden Werkes verschlossen, aber nichtsdestoweniger lernte er frühzeitig die Sprache, die Logik und die Discussionsweise desselben kennen, wurde sein Verstand und sein Gedächtniß durch diesen Unterricht geschärft und entwickelt und ist daher der formale Werth, den er auf seine geistige Entwickelung hatte, nicht zu unterschätzen. An seinem 12. Geburtstage verließ I. Maier das elterliche Haus, um in Niederstetten bei einem anderen Hauslehrer seine Studien in Bibel und Talmud fortzusetzen und er that es mit solchem Erfolg, daß er nach *) Im 10. Lebensjahre wurde er, da die älteren der acht Geschwister nicht geimpft waren, von der Pockenkrankheit so heftig befallen, daß man für sein Leben fürchtete) er genas, verlor aber ein Auge und seine körpe liche Entwickelung wurde sehr gehemmt. einem Jahr zu seiner Bar-Mizwah (Confirmatron) bereits einen religiösen Vortrag mit so viel Geschick und Präzision hielt, daß der Rabbiner zu Niederstetten ihm nach Beendigung desselben zurief: ״Wahrhaftig, Du mußt ein Prediger werden." Dazu fehlte freilich dem 13 jährigen Knaben noch gar viel, hatte er ja bis dahin noch nicht einmal die ersten nothwendigen Elementarfächer einer einfachen Volksschule erlernt; jetzt erst erhielt er in einer christlichen Schule Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen, der jedoch nur ein Jahr lang fortgesetzt wurde, da Josef im April 1811 von seinem Vater nach Fürth, einer damaligen jüdischen Hochschule, gebracht wurde, um sich in den talmudischen Studien weiter zu vervollkommnen. Allein da sein Lehrer den ganzen Unterricht auf den des Talmud beschränkte und selbst diesen in einer geistlosen Weise ertheilte, von der Erklärung der biblischen Bücher Umgang nahm, und selbst das Studium der hebräischen Grammatik versäumte, so fing das geistlose Einerlei nachgerade an, ihn zu ermüden. S.in Eifer erkaltete. Aus dem munteren, fleißigen Knaben, dem es nie an heiterem Muthe und an glücklichen Einfällen fehlte, war ein träumerischer Jüngling geworden, weil seinem Geiste nicht die rechte Nahrung geboten wurde. Da kam ihm zu rechter Zeit eine geistige Stärkung und Anregung von einem seiner Mitschüler, dem Sohne einer guten, dortigen israelitischen Familie, welcher ihn seiner Mutter als Lehrer im Hebräischen für seine jüngeren Geschwister empfähl. In dieser Familie wurde bei aller Religiosität großer Werth auf weltliches Wissen gelegt, und man las viel und Gutes; durch sie ward Maier erstmals mit den Schriften Gellert's, Campe's und Schiller's bekannt, aus deren Lectüre er reichen Gewinn für seine Erkenntniß und Befriedigung für sein Herz zog. Noch weit anregender wirkte jedoch auf Maier's Geistesbildung der Umgang eines Pfarrers in dem bairischen Dorfe Küps unweit Coburg, wohin er aus Mangel an Subsistenzmittel von Fürth aus im Frühlings 1815 übersiedelte und woselbst als Hauslehrer einiger israelitischer Familien, deren Kinder er in den gewöhnlichen Schulfächern und im Talmud bis zum Herbst 1817 mit großer Gewissenhaftigkeit und mit dem besten Erfolge unterrichtete. Der Geistliche dieses Orts, welcher als Nachbar Maier's dessen wissenschaftliches Streben und sein eifriges Privatstudium wohlgefällig bemerkte, bot ihm zur Nährung und Förderung desselben bereitwillig das Beste aus seiner reichen Bibliothek zur Lectüre an. Hier lernte er zuerst die Schriften Shakesspeare's kennen, der sein Lieblingsdichter wurde, dessen naturgetreue Schilderung menschlicher Charaktere, sowie der Gottesgeist der Gerechtigkeit, der in seinen Gebilden sich offenbart, ihn mächtig fesselten. Der Geist des Talmuds hatte sich Maier durch die gründliche und methodische Weise, in welcher er denselben seinen Schülern lehrte, mehr und mehr erschlossen. Ermuntert durch das competente Urtheil <

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