Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 14 (7.4.1874)
- Date
- 1874-04-07
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Man scheint das Bedürfniß noch nicht zu begreifen. Der würdige und verdienstvolle Moritz Kohner nimmt zwar für Leipzig die eingehenden Gelder in Empfang; aber das genügt nicht; der Gemeindebund, an dessen Spitze unser Hr. Kohner steht, müßte die Sache in die Hand nehmen, da die Sache nicht von örtlicher, sondern genereller Bedeutung ist. Wie viele derartige Tendenzen verfolgt nicht die Pariser Alliance! Für alle sammelt sie Gelder und führt sie ein getrenntes Conto. Je vielseitiger und deutlicher die gemeinnützigen Bestrebungen des Gemeindebundes hervortreten, desto mehr Anerkennung wird er sich verschaffen, desto zahlreicher wird der Beitritt der noch rückständigen Gemeinden sein und desto williger werden alle, wenn es nöthig ist, auch einer Erhöhung der Beiträge zustimmen. Auch Spenden und Legate werden dann vielleicht reichlicher fließen. Wir möchten dafür nach den Erfahrungen, welche wir an dem Achawa-Verein gemacht haben, das Mittel der Agitation empfehlen. Ohne diese rückt eben Nichts vom Flecke. Der Gemeindebund entwickelt sich ohne solche Rührigkeit zu langsam. Von Früchten noch nicht zu reden; wenn man aber auch nicht einmal Knospen sieht, nichts von fortschreitender Entwickelung, schläft das Interesse dafür ein und die Pflanzung geht zurück. Und dies möchten wir verhüten. Miekcfekck, 21. März. Am 19. d. M. verschied der in weiteren ,Kreisen rühmlichst bekannte Lehrer H. Le es er in Lübbecke plötzlich an den Folgen eines Schlagfluffes im 60. Jahre seines Lebens. — In der jüdischen Schulliteratur hat er durch sein in zwei Theilen erschienenes Sprachwerk: "הליכות לשון הקדש" sowie durch sein ״Hülfsbüchlein zum Uebersetzen des Pentateuch" sich einen ehrenvollen Namen erworben. Alle, die ihm im Leben näher standen, haben in ihm den redlichen, geraden Charakter, den Biedermann in der schönsten Bedeutung des Wortes, den strebsamen Collegen, den treuen, warmfühlenden Freund schätzen und lieben gelernt. Möge der Allgütige seiner braven Wittwe und den verwaisten Kindern Tröster, Berather und Helfer sein! In den Herzen seiner zahlreichen Schüler und Freunde*) — beides war ihm der Unterzeichnete — ist ihm ein ehrenvolles Andenken gesichert. S. Blumenau. Aus Macken- Der Oberrath der Israeliten hat an die Gemeinden des Landes ein Rundschreiben erlassen, in welchem *) Durch vielfache (Korrespondenz uud persönliche Bekanntschaft — bei der Synode in Leipzig! — war auch uns der Verblichene freundschaftlich uahe getreten, und haben wir in ihm eine jener echten, kernfesten Natur erkannt, die wir die verkörperte Treue, Wahrheit und Gesinnungstüchtigkeit nennen können. Sie bestechen und blenden nicht, aber sie flößen Hochachtung und Verehrung ein, sind der Schrecken der Gefirnißten und Unwahren und wirken im Lehrberufe insbesondere für die Ewigkeit. Das Andenken des Gerechten ist zum Segen. Redaction. gesagt wird, daß eine größere Anzahl von Religionsschulstellen aus Mangel an inländischen Bewerbern mit Ausländern,*) eine mindestens ebenso große Anzahl gar nicht besetzt ist, und sich momentan nur ein einziger Zögling im Seminar befindet. Um nun zu einem zahlreicheren Seminarbesuche zu ermuntern, soll das Erträgniß einer im Jahre 1857 zum Zwecke der Unterstützung israelitischer Seminaristen ausgeschriebenen, nur durch Admassirung der Zinsen auf 3200 fl. angewachsenen Collecte zur israelitischen Centralcasse gezogen und aus dieser fortan jährlich zwei Stipendien ä 100 fl. für israelitische Seminaristen bewilligt werden. Der Oberrath der Israeliten verspricht sich zwar wenig Erfolg von diesem vorgeschlagenen Mittel, da das Hauptübel in dem geringen Gehalte der Religionslehrer liegt und hier nur die Gemeinden helfen können. Nachdem in eindringlicher Weise die Gemeinden aufgefordert werden, ihre Lehrer besser zu honoriren, wird noch bemerkt, daß, wenn hier nicht abgeholfen wird, der Oberrath der Israeliten den Verfall des Religionsschulwesens in Baden nicht abzuhelfen vermag. — Frieckberg, im März. Ihr geschätztes Blatt scheint sich mit einem Punkte nicht zu beschäftigen,**) auf welchem die allgemeine Aufmerksamkeit besonders bei uns in Hessen gelenkt! werden müßte; es ist dies das neu einzuführende hessische Schulgesetz. Aufgabe Ihrer Zeitung und überhaupt aller Männer von Einfluß dürfte es sein, jetzt schon dahin zu wirken, daß die jüdischen Gemeinden Hand ans Werk legen, um möglichst die Vorbedingungen herbeizuführen, die das neue Schulgesetz verlangt. Dasselbe soll nicht allein da sein, um finanziell die jüdischen Gemeindekassen zu entlasten, sondern es soll auch dahin wirken, daß die Gehalte der Lehrer erhöht werden, damit diese für ihre Mühe und Arbeit ein solches Einkommen beziehen, daß sie anständig leben können, ohne nöthig zu haben, sich mit untergeordneten Nebenbeschäftigungen oder übermäßigen Privatstunden ihren vollen Unterhalt zu suchen! Dagegen hätten aber die Lehrer mehr für ihre Ausbildüng besorgt zu sein, damit sie der höheren Gehalte auch würdig sind, denn die früheren und theilweise noch jetzigen sogenannten Bachurim lassen bezüglich ihrer Kenntnisse und ihrem Benehmen noch viel zu wünschen übrig; besonders im Vergleich zu ihren christlichen Collegen. Zu unserer Freude können wir von unserer hiesigen *) vulgo: Pollaken, oder entsprechendes Caliber, denn tüchtige Lehrer finden jetzt überall in ihren eigenen Heimathländern ein Unterkommen, das mindestens nicht schlechter ist als in Baden. Nedaction. **) Abwarten! Sobald das Schulgesetz veröffentlicht sein wird, werden wir längst vorbereitete Schritte thun. Red.