Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 14 (7.4.1874)
- Date
- 1874-04-07
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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107 niger als erfreulich. Das Eine bleibt wahr: während unsere sephardischen Glaubensgenossen stets das Licht für das deutsche Judenthum im Leben und Cultus beförderten, hat uns Polen immer und überall Verlegenheiten bereitet und nur beigetragen, להתקשר שמים בעבים, den Horizont in Wolken zu hüllen. r Herrn Dr. Lewin bleibt der Ruhm, einem Gewaltact mit Unerschrockenheit und Manneswürde entgegengetreten zu sein, was von allen Seiten anerkannt werden muß. Die Herren in Neuendettelsau werden auch zugestehen, daß das Verfahren gegen sie leidenschaftslos war, und daß Fanatismus, der in solchen Dingen sich so leicht einschleicht, durchaus ferne geblieben ist. — Für den neu zu besetzenden Posten eines Cantors am neuen Tempel, welcher im Verlaufe dieses Sommers in Nürnberg seiner Vollendung entgegengeht, ist aus der Zahl der Candidaten, welche Probevorträge hielten, noch keiner ernannt. Herr Cantor Weis aus Laun in Böhmen debutirte diese Woche. Noch ruht das Loos im Schooße. Schon dem Bezalel werden die bedachtsamen Worte zugeschrieben: תחיל׳ בנה בית ואחב קנה מלים תרשים. Erst das Haus bauen — und dann die Möbel anschafsen. (Und so ein Cantor mit klangvoller Stimme ist in den Synagogen leider stets als — unentbehrliches ״Geräthe" betrachtet worden. Selbst in der alten, frommen Zeit war er ein — *שליח — ein Bote. Redaction.) Herr Carl Scholl, Sprecher der freireligiösen Gemeinde in Nürnberg, hielt jüngst über das Leben und Wirken des unlängst verstorbenen Professors David Friedrich Straus einen Vortrag dahier, welcher aus allen Classen der hiesigen Bevölkerung eine zahlreiche Zuhörerschaft herbeizog. Ich beabsichtige nicht, eine Copie des meisterhaften Vortrages eines durch vorzügliche rednerische Begabung, verbunden mit redlichster Wahrheitsliebe in den weitesten Kreisen bekannten und berühmten Mannes zu geben; das würde den Raum dieser Blätter zu sehr in Anspruch nehmen. Kennern der literarischen Werke Straus' wäre auch mit Excerpten nichts Neues gesagt. Nur ein Moment soll verdientermaßen hier hervorgehoben werden, dies ist: Herr Scholl ist ein Mann der Wahrheit im vollsten Sinne des Wortes. Daß Herr Scholl seine Kritik nicht, wie viele nichtisraelitische Gelehrten, lediglich an den alttestamentlichen Büchern übt, daß er auch die Bücher des neuen Bundes vor den Areopag der Manen Straus' ladet, daß er den Historien derselben, so weit sie sich auf das Leben Jesu beziehen, nur zweifelhafte, mit Widersprüchen durchflochtene Geltung zuschreibt, *) Sachliche Bemerkung des Correctors; Der Kantor wird auch noch jetzt mit dem ihn höchst ehrenden Namen ״ שליח צבורAbgeordneter der Gemeinde" bezeichnet, dessen Amt es ist, im Aufträge der Letztern die Gebete vor Gott vorzutragen —; daher die Bezeichnung ״Bote" im gewöhnlichen Sinne aus ihn keine Anwendung stnden kann. — daß er keineswegs ein vollendetes Ideal eines Sterblichen in Jesum finden kann, weil ihm dazu die Hauptansorderungen, Familienwirksamkeit und die Betheiligung für das öffentliche Wohl im Staate nicht zugeschrieben werden können, dies erklärte und betonte Hr. Scholl offen und unumwunden. Der Behauptung der Theologen (Scholastiker) gegenüber, daß erst das Christenthum die wahre Liebe und Humanität gebracht habe, erklärte Redner, daß die Berggesetze aus Sinai der Bergpredigt an Lehre und Inhalt gewiß nicht nachstehen, daß der Vorläufer des christlichen Religionsstifters, Hillel, durch Wort und Beispiel sich glänzend Humanitär bewiesen, wie es überhaupt seststeht, daß Jesus sammt seinen Jüngern aus dem Judenthum nicht getreten, noch viel weniger ein Schisma im Sinne hatten, wenn auch Paulus hierin von seinem Meister abwich. Daß Hr. Scholl den Formen aller Bekenntnisse, als Menschenwerk, jede Berechtigung absprach, ist nicht auffallend. Als Gesammtergebniß müssen wir hervorheben, daß Hr. Scholl durch diesen neueren Vortrag dem Judenthum mehr Dienste erwiesen, mehr Anerkennung verschafft, als so Mancher, der in der Mitte des Judenthums sich dazu berufen fühlt. *) Davon dürfte bei unseren Glaubensgenossen Vermerkung genommen werden. Wir werden dies aus einem früheren Vortrag des Hrn. Scholl in diesen Blättern noch näher zeigen. B. Alzey, 23. März. In Leipzig hat sich unter den jüdischen Studirenden ein Verein ״Humanitas" gebildet, der die Tendenz hat, arme Studirende zu unterstützen, denen ihres jüdischen Religionsbekenntnisses wegen eine Unterstützung aus den sogenannten christlichen Fonds nicht werden kann. Der Verein wendet sich auch nach Außen für Spenden. Mit Recht! Wie für Handwerker, so bedürfen wir auch für Studirende solcher Vereine nicht blos um die Bildung allgemein zu machen, sondern um Träger der Bildung unter den Juden zu schaffen. Und das Wort der alten Weisen: ״Achtet auf die Armen, von ihnen geht die Bildung aus, kommen die Träger und Verbreiter der Bildung" hat in unserer dem Materialismus zugewandten Zeit gewiß seine Bedeutung nicht verloren. Aber nicht blos in Leipzig ist ein solcher Verein von Nöthen, — dieser aber soll blos für Leipzig gelten —; ein ähnlicher ist gleichzeitig unter den Hörern des Breslauer Rabbiner-Seminars gegründet worden: an allen Universitütsorten vielmehr ist das Bedürfniß dafür vorhanden. Für Rheinland und Westfalen, resp. die Universität Bonn, sammelt die preußische Regierung in den betreffenden jüdischen Gemeinden, aber immer noch nicht mit ausreichenden: Erfolg. *) Es ist uns auch aus anderen Orten bekannt, daß Scholl stets nnt anerkennenswerthein Freimuthe für das Judenthum eintrat, so weit es die Tendenz seiner Vorträge gestattet. - So soll übrigens ein Vortrag des Directors Kreissig in Frankfurt ein wahrer ״Kiddusch Haschern", eine Verherrlichung des Judenthums gewesen sein. Wir haben leider Näheres noch nicht erfahren können. Redaction.