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Jüdische Volkszeitung · 1874-04-07 · 14 (7.4.1874) · p. Seite 106

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
14 (7.4.1874)
Date
1874-04-07
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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Christen und Juden nebeneinander zu beerdigen, von der anderen Seite allen Ernstes besprochen werden kann, ohne einen Aufschrei der Intoleranz hervorzurufen. Wo Toleranz herrscht, wird man auch der jüdischen Pietät Rechnung tragen und uns nicht zwingen, unsereTodten ״unterm Kreuze" zu beerdigen. Wir erinnern uns noch — und wir sind noch nicht sehr alt, — daß jüdische Beerdigungen in unserem Geburtsorte vor Tag vorgenommen wurden, weil man Verunglimpfungen fürchtete; und daß, als das erste, sehr geachtete jüdische Bürgerwehrmitglied mit militärischen Ehren beerdigt wurde, fast eine Revolution in der Stadt entstand, und ein großer Theil der Bürgerwehr sich ausschloß. Der selige Di׳. Hochstädter aus Carlsruhe erzählte uns, daß noch zu seiner Zeit Juden der Markgrafschast Baden unter militärischer Bedienung von Pforzheim nach dem mehr als acht Stunden entfernten Grombach gebracht werden mußten. Sollten wir uns nicht glücklich schätzen, daß diese Zeiten vorüber sind? Solche Fragen müssen von uns mit Ruhe erörtert werden. Wir können ja beweisen, das Pietät, Recht und Humanität auf unserer Seite sind. Wir knüpfen einige anderen Bemerkungen hieran. Die ״Allg. Zeitung des Judenthums" recapitulirt eine Mittheilung aus Mainz und knüpft daran eine wahrscheinlich irrthümliche Aufforderung. In Mainz wird der alte jüdische Friedhof, der in die Stadterweiterung fällt, geschlossen und die Juden werden nun auf dem allgemeinen Friedhof beerdigt. Nach Entscheidung der Regierung, die übrigens vorauszusehen war, sind die Friedhöfe Eigmthum der politischen und nicht der Confessions-Gemeinden. Das betreffende napoleonische Decret vom Jahre XII. verordnet aber ausdrücklich confesswnelle Abtheilungen und sind auch in sehr vielen Gemeinden der Pfalz und Rheinhessens solche Friedhöfe mit Abtheilungen vorhanden, unseres Wissens aber nirgends Beerdigung in einer Reihe eingeführt. So wird es sich auch in Mainz gestalten; man wird den Juden einen durch einen Weg abgeschiedenen Platz einräumen, womit sich Alle, auch die Orthodoxie, zufrieden geben wird; eine Veranlassung, sich einen eigenen Friedhof anzulegen, wie die ״Allg. Zeitung des Judenthums" meint, liegt also nicht vor. Wir gestatten uns hier noch eine vielleicht interessante Notiz. Die hiesige jüdische Religionsgemeinde besitzt einen alten, seit 35 Jahren nicht mehr benutzten Friedhof, der wohl an (allgemeiner, nichtjüdischer) historischer Bedeutung kaum seines Gleichen haben wird. Den in der deutschen Geschichte Bewanderten wird es nicht unbekannt sein, daß »Kaiser Karl der Große in Ingelheim seinen Lieblingsaufenthalt hatte und einen prächtigen Palast besaß. Nur wenige Spuren sind davon noch vorhanden, unter dielen insbesondere aber ein halber Rundbogen oder vielmehr ein halbrundes Gewölbe, eine Chornische noch merkwürdig, welche den übereinstimmenden Ansichten der Archäologen das Empor der ״Basilika", des Reichssaales war. Die Basilika war jedenfalls ein Palastsaal zu Versammlungen und feierlichen Aufzügen. Hier, unter diesem gewölbten Bogen, befindet sich der alte jüdische Friedhof unserer Gemeinde, und der berühmteste Forscher auf diesem Gebiete, A. v. Cohausen, sagt: ״Hier, wo die Juden ihre Todten begruben, hat Kaiser Karl in Macht und Herrlichkeit gesessen, und die Worte, die in der ganzen damaligen Welt wiederhallten, sind in dieser Nische gesprochen worden." Nach manchen Ansichten war dieser Ort auch ausnahmsweise zu besonderen Feierlichkeiten officiellen kirchlichen Charakters bestimmt. Und da Kaiser Karl der Große nach mehreren Ansichten hier in Ingelheim geboren wurde, desgleichen jedenfalls mehrere seiner Kinder, so kann auf derselben Stelle — die Taufe deutscher Kaiser stattgefunden haben. Das überaus herrliche Terrain, wo der Palast gestanden, jetzt zu einer großen Villa gehörig, mit wundervoller Aussicht ins Rheinsgau wurde jüngst verkauft. Und es ist vielleicht ebenfalls sehr bezeichnend, daß der neue Eigenthümer den beabsichtigten Umbau und die Umbildung der großen Gärten des Parks re. nicht bewerkstelligen kann, weil der an sein Gebiet angrenzende jüdische Friedhof um keinen Preis zu erlangen ist — was er wohl nicht voraussetzte. — So erhalten die Juden ihre Denkmäler! — Solche Pietät trägt zu Kiddusch haschem bei und wir haben noch keine Stimme vernommen, die diese Pietät nicht rühmend anerkennt. Selbst das, was wir nach dem Buchstaben des Gesetzes durch Eingehen eines Pachtes für erlaubt und sogar für angemessen hielten, findet in den freisinnigsten Gemeindegliedern Gegner, weil sie spätere Verunglimpfung der Grabstätten fürchten. — Mittetfcanken. Die verehrlichen Leser der Volkszeitung haben in Betreff der beiden israelitischen Mäochcn, Maria und Dutha Perez, welche seit ihrer Entfernung aus Neuendettelsau in israelitischen Familien dahier in?Nürnberg untergebracht waren, nun den Schluß von diesem Drama zu erfahren. Maria, welche bekanntlich in Neuendettelsau zum Christenthum übergetreten war, hat dieser Tage mit Hinzuziehung eines christlichen Zeugen beim Decanate in Nürnberg ihren Wiederaustritt aus der protestantischen Kirche erklärt und ist zur väterlichen Religion zurückgekehrt. Beide Schwestern haben letzten Sonntag ihre Reise nach Odessa unter Begleitung eines israelitischen Bürgers, des Hrn. Bernstatt von hier angetreten und sind ihrer Mutter wiedergegeben. Wir wollen keinerlei Bemerkungen an dieses Ereigniß knüpfen. Die hiesige Presse hat darin vom richtigen, unparteiischen Standpunkte aus gerichtet. Die Thatsache selbst ist nichts we-

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