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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-31 · 13 (31.3.1874) · p. Seite 100

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
13 (31.3.1874)
Date
1874-03-31
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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00 נ - gebrachte zwar seinen Pfleger und Förderer in der älteren Generation findet, daß aber das jüngere Geschlecht das Kind mit dem Bade ausschüttet, und weil es den dermalen gültigen Formen keinen Geschmack abgewinnen kann, auch der Sache selbst sich entfremdet. Er wird femer finden, daß gewissenhafte Väter im religiösen Interesse ihrer Kinder sorgen, wenn sie dieselben dem kühlen, ftemdarttgen, in veralteten und nicht zum Herzen sprechenden Formen (man denke an das langweilige Ausrufen mit dem unschönen Trop!) sich bewegenden Gottesdienst fernhalten. Die Religionsschule kann und soll heutzutage mehr für die Kinder sorgen, als der Gottesdienst. Gleichwohl ist dies eine Calamität. Ich habe schon oft gedacht und ausgesprochen, ob man ihr nicht durch einen eigenen Kindergottesdienst abhelfen könnte, ob sich nicht hierin die Uebergangsform zu einem, allmählich-auch den Erwachsenen angemessen erscheinenden Ritual erfinden ließe. Unter einen: Kindergottesdienste denke ich mir etwa Folgendes: Einige Mal im Jahre wird die Religionsstunde statt im Schullocale Sonnabend Nachmittags in der Synagoge abgehalten. Chorgesang und Gebet eröffnet sie, dann hält der Rabbiner, bez. Religionslehrer einen dem Kindergemüth entsprechenden Vortrag. Um den Kindern auch eine Kenntniß von dem Synagogenritual beizubringen, und die besten Schüler durch eine Auszeichnung zu prämiiren, kann n:an dabei auch die Thorarolle von ihnen ausheben lassen, ihnen die einzelnen Bestandtheile ihrer Umhüllung zeigen u. s. w. soweit man daran Geschmack findet. — Ich halte solche Kindergottesdienste für segensreich und vielversprechend. Ich glaube auch, daß hierin einzelne Gemeinden, ganz gut zu eigenem, wie allgemeinem Vortheile vorangehenstönnen, ohne einer kommenden Synode zu präjudiziren. Die Aufgaben für diese sind zahlreich, vorbereitet und hinlänglich besprochen. Ich erinnere hierbei nur noch an eine, die mir dringlich erscheint. Man hat bisher, und ich selbst gestehe das von mir, den Speisegesetzen eine sehr untergeordnete Stellung in unseren Reformstrebunzen angewiesen. Man hat gesagt, das sei eine Privatsache, das mache sich von selbst. Aber diese Speisegesetze haben einen verhängnißvollen Einfluß insofern, als sie unsere Rabbiner und Lehrer entweder fesseln, oder isoliren, oder in ein zweifelhaftes Licht stellen, bez. dem Vorwurfe der Heuchelei unterstellen. Für einen gebildeten Mann sind heutzutage, wenn er nicht wie Diogenes leben will, die Speisegesetze eine Schranke, an der er mannichfachen Unannehmlichkeiten sich aussetzt. Im geselligen Umgänge, in amtlicher Pflichterfüllung, auf Reisen, überall im Leben geräth der Rabbiner, der Religionsl lehrer in derartige Collisionen.! Im Verkehr mit seiner Gemeinde schon muß er sich Zwang : auferlegen. Was liegt näher, was ist wünschenswerther, als! daß das freunoschaftliche Verhältniß zwischen Gemeindemitglied |unb Rabbiner, zwischen Eltern und Lehrern auch in gegenj fettigen Besuchen, in Einladungen seinen Ausdruck finde. Der Rabbiner, der Lehrer, der nicht blos zu religiös festlichen Gelegenheiten, sondern auch sonst ein gern gesehener Freund des Hauses ist, legt schon hierin das schönste Zeugniß für seine Wirksamkeit in der Gemeinde ab. Und in der Thal, weit mehr als das officielle, geht das im Freundeskreise gesprochene Wort zu Herzen. Und auf den besten Theil dieser! seiner Wirksamkeit muß der Rabbiner, der Lehrer heutzutage | verzichten. Er muß jede Einladung darauf hin prüfen, ob die j Küche koscher sei. Und weil er dies thun muß, so ist er!streng genommen genöthigt, um Keinem zu nahe zu treten, über- Haupt jede Einladung abzulehnen. Denn er ist weder in der Lage, überall aufs Genauste über Küche und Keller informirt j zu sein, noch kann es ihm, wenn anders er nicht zu den religiösen Heißspornen gehört, in den Sinn kommen, diese häuslichen Unterschiede in einer die Betreffenden verletzenden Wette zu betonen. Außer denen, die die religiösen Speisegesetze streng beobachten, und denen, die davon absehen, giebt es noch eine dritte Classe, und die ist vielleicht zahlreicher als die erste. Das sind die, welche einen Mittelweg einschlagen. Die Absicht, oder die Firma blieb koscher, die Ausführung mehr oder weniger trefe. Zu dieser Classe zählt manches Haus, in dem der Vater am Althergebrachten hängt, die Mutter anders denkt — und kochen läßt, und umgekehrt. Und — kleine Abweichungen erlaubt sich mehr oder minder so Mancher und so Manche. Jeder hat eben seinen Schulchan-Aruch für sich. In welch üble Lage kommt da ein Rabbiner, ein Lehrer schon bei festlichen Gelegenheiten, z. Beiner Beschneidungsseier, einer Barmizwah und nun erst bei Einladungen geselliger Natur! Der Rabbiner und Lehrer ist aber seiner Stellung nach verbunden mit christlichen Collegen, mit Vorgesetzten auch gesellschastlich zu verkehren. Jeder Gemeinde wird es erwünscht sein, wenn ihr Rabbiner und Lehrer unter den geistigen Capacitäten der Stadt eine angesehene Stellung einnimmt, sie auch nach außen und nach oben würdig repräsentirt. Da sind denn nun hin und wieder Festlichkeiten, Festessen, Festreden, nicht zu vermeiden — und der Rabbiner und Lehrer muß hierbei entweder den modernen Tantalus abgeben, rings im Kreise der Speisenden der allein Hungernde, oder er muß sich ausschließen. Thut er letzteres, so verlangt die Pflicht der Wahr- Hastigkeit, daß er den wahren Grund angebe: wegen de Speisegesetze!

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