Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-03-31 · 13 (31.3.1874) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
13 (31.3.1874)
Date
1874-03-31
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9579037--591-9579040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 auch die Kirche bei ihrer Gründung wie in ihrer Entwickelung ausgesetzt gewesen ist. Darum hängt mit dem Osterfeste die Passionsfeier und die Fastenzeit zusammen; ja in der alten Kirche hatte sogar das Osterfest einen ernsten, traurigen Character durch die Erinnerung an den Tod Jesu. Johannes läßt Jesus darum an dem Abende des Rüsttages mit dem Beginn des Passahfestes gekreuzigt werden, was freilich nach jüdischem Gesetze nicht zulässig war. Um dem Osterfeste indeß den freudigen Character zu belassen, wurden diese traurigen und ernsten Erinnerungen auf den Charfreitag verlegt. Aber auch in der Folgezeit hat der Kirche gleich den Juden Druck und Verfolgung nicht gefehlt. Freilich hat sie auch Druck und Verfolgung geübt. Das führt uns auf den Gebrauch des Bluts von Passah-Opferlamm im Juden und Christenthume. In Aegypten war nämlich den Israeliten aufgegeben, mit dem Blute des Passah-Opferlamms die Thürpfosten ihrer Häuser zu besprengen. Dies sollte eine sinnbildliche Erinnerung daran sein, daß, wie sonst das Opserblut an die Wände des Altars, so jetzt an die Pfosten der Häuser gesprengt werden solle, um damit die Häuser zu Tempeln zu weihen in denen eine gleiche Frömmigkeit und Heiligkeit der Gesinnung und des Lebenswandels herrschen sollte, wie in den Gotteshäusern. Dies wollte sagen: Nur dann könne Israel wie damals in Aegypten, so stets auf den göttlichen Schutz und die Rettung aus Noth und Gefahr hoffen und vertrauen, wenn es ein solch innerlich religiöses Leben führe. Dieser sinnbildliche Gebrauch kehrte nach dem Auszuge aus Aegypten niemals wieder. Fanatische Verblendung und Verfolgungswuth hat aber das christliche Volk glauben gemacht, daß die Tödtung Jesu ebenfalls in einem solchen Bedürfniß nach Blut des österlichen Opferlamms bei den Juden ihren Grund gehabt habe, da Jesus nach der Deutung und dem Glauben der Kirche als Opferlamm am Ostern gestorben sei. Hieraus sind nun die schrecklichen Verfolgungen entstanden, welche die Juden auf Grund dieses falsch angedichteten Bedürfnisses nach Christenblut bis auf die jüngste Zeit erduldet haben; und heute noch sind sie nicht davor gesichert. Jesus aber ist nicht einmal weder durch die Hand noch durch das Gericht der Juden gestorben. Seine Henker waren die Römer; die Todesart war römisch, und das Gericht war von den Römern speciell für diesen Fall eingesetzt und über- Haupt von Römlinger besetzt. Die Römer pflegten jede Aufregung des jüdischen Volks durch Tödtung und Beseitigung der Aufwiegler zu unterdrücken. Es starben damals viele, welche sich als Messias, als Retter des von der römischen Gewaltherrschaft bedrückten Volkes ausgaben, oder dafür gehalten wurden. Daß Jesus nicht als religiöser, sonder politischer Märtyrer starb, geht auch aus der Verhöhnung hervor, womit die römischen Soldaten ihm die Dornenals Königskröne aufsetzten und ironisch ihm durch die bekannte lateinische, nicht hebräische, Kreuzesinschrist als Judenkönig bezeichneten. Da Jesu Verurtheilung nicht darauf lautete, daß er nach der Königskrone gestrebt habe, und doch dafür gestorben ist; hierin liegt der Beweis, daß die Römer seinen Tod suchten, weil die von ihm angestiftete Volksbewegung ihnen politisch gesährlich zu werden drohte. Ruhe sollte auch damals schon die erste Bürgerpflicht sein, und war es bei allen gewaltthätigen, tyrannischen Regierungen. Wäre Jesus aber auch, und zwar unschuldig, durch die Hand der Juden gestorben, wer kann darüber mit jener aufgeregten Zeit rechten oder gar die folgenden Geschlechter dafür verantwortlich machen? Weiß nicht auch die christliche Kirche, die katholische wie reformatorische, von solchen unschuldig verfolgten und getödteten Glaubenshelden zu erzählen? Denkt jemand daran, darüber mit der Gegenwart zu rechten und diese dafür verantwortlich zu machen, obwohl diese Thaten und Geschehnisse unserer Zeit nicht so fern liegen, wie jene andere aus der jüdischen Geschichte! Auch die Osterbrode der Juden haben in der Christenheit Nachahmung gefunden durch Ostergebäcke, welche nach den Gegenden verschieden und anders geartet sind, aber überall den Namen Osterbrod oder Osterkuchen tragen und von den Bäckern feil gehalten oder von der Hausfrau gebacken werden. Daß sie mit den Osterfteuden Zusammenhängen, zeigt auch ihr Gegensatz: die Fastenbretzel. Es geht diese Nachahmung jüdischer Sitten sogar so weit, daß das nach dem Passahfeste, während dessen in den Häusern der Juden alles gesäuerte Brod fehlt, sehnsüchtig erwartete und lange entbehrte Brod, welches von den Bäckern den jüdischen Kunden freiwillig und und unentgeltlich zugesandt wird, auch von den christlichen Kunden heute noch in manchen Gegenden unter der Bezeichnung von Passahweck in Anspruch genommen und ihnen geboten wird. Alzey, im März 1874. Dr. R. Und doch zur Synode. Bei einer Besprechung der kürzlich von der Berliner Gemeinde angestrebten Gebetreformen wurde in diesen Blättern bedauert, daß man auf diese Weise durch vereinzeltes Vorgehen die Wirksamkeit der Synode schwäche. Ich kann dies Bedauern nicht theilen, meine vielmehr, daß in jeder Gemeinde zwingende Umstände genug vorligen, um die Reform des Gottesdienstes und der Gebete schleunigst in die Hand zu nehmen. Wer nur irgend wie einen Blick hat für die thatsächlichen Vorgänge, dem wird unschwer entgehen, daß das Alther-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.