Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-03-31 · 13 (31.3.1874) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
13 (31.3.1874)
Date
1874-03-31
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9579037--590-9579039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

98 ״Den Juden hat sie nur eine äußerliche Veranlassung, indem das Osterfeuer diesen zur Entfernung und Verbrennung der letzten Reste alles Sauerteigs diente, von welchem die Häuser der Israeliten nach dem Gesetze sorgfältig zu säubern sind. In Deutschland fand diese Verbrennung aller Reste gemeinsam auf dem Synagogenhose statt, und dem entsprechend loderten die christlichen Osterfeuer auf den Klosterhöfen vor der Kirche. Die heidnischen Feuer brannten nicht im Frühjahr, sondern bei der Sonnenwende des Winters, woher auch, wie erwähnt, die Lichtseste der Weihnachtszeit stammen. Die Osterfeuer können also diese religiös-astronomische Beziehung nicht haben. Am Rheine werden diese religiösen Winterfeuer vielfach anticipirt und schon als Martinifeuer angezündet. An der Mosel finden auch heute noch solche Feuer bei der Sonnenwende des Sommers statt. An die Osterfeuer knüpft sich der Gebrauch der Ostereier. Auch dieser Gebrauch wurzelt zunächst im Judenthum und beruht auf Nachahmung eines der jüdischen Gebräuche bei dem Abendmahle der Passahfeier, wovon ja auch die Abendmahlfeier im Christenthume entstammt ist. Neben dem ungesäuerten Passahbrode (Mazah), dem Sinnbilde der eilfertigen und allein durch Gottes Allmacht bewirkten Erlösung, finden sich auch bittere Kräuter zur Versinnbildlichung der bitteren Leiden während Israels Aufenthalt in Aegypten und auf seinem ganzen Lebenswege. Zu diesen Sinnbildern gehört auch das Ei zur Versinnlichung der ueuen Zeit und Welt, welche damals geschaffen worden, und zur trostreichen Hindeutung darauf, daß eine neue, bessere Zukunft trotz trostloser Vergangenheit und Gegenwart noch immer zu erwarten und zu erhoffen sei. Das Ei ist das Sinnbild der verschlossenen Zukunft, die sich unerwartet durch Gottes Allmacht aus der trüben Gegenwart entwickelt, wie das Küchlein aus dem Ei, dessen Lebenskeim das ungeübte Menschenauge von Anfang an ebenfalls darin nicht gewahrt. Auch im Heidnischen Mythus spielt das (Welt-) Ei eine Rolle. Es versinnlicht die natürliche Schöpfung, über welche die zeugende und bildende Naturkraft (Naturgott) brütend schwebte, und aus der sich dann die gegenwärtige, sichtbare Welt entwickelte. So dient auch das Ei zur Versinnbildlichung der neuen Zeit und Welt, welche als geistig gehobene und sittlich gebesserte im messianischen Gottes- und Zukunftsreiche erwartet wird. Diese Ideen, diese Hoffnungen sind auch in das Christenthum übergegangen. Denn für die Christenwelt ist Jesus der Begründer einer neuen Zeit zur Erlösung der Menschheit, an ihn knüpfen sich auch messianische Hoffnungen zur Begründung einer neuen geistigen Welt im unsichtbaren Gottesreiche der Zukunft.! Wegen dieser trostreichen Hindeutung auf eine neue,! bessere Zeit in den trüben Erinnerungen der Vorzeit und i Gegenwart ist es auch Gebrauch bei den Juden, den über j einen Todten Trauernden als Trostmahl ein Ei zu reichen,; womit selbst die luxuriösen Trostgastmühler der Vorzeit, wovon die Leichenschniause unserer Zeit noch ein Ueberbleibsel bilden, begannen. Heute sind diese Trostmahlzeiten der Juden auf i Ei und Brod beschränkt, das Ei soll den Trauernden in Be-! trübniß und kleinmüthiger Verzweiflung ein trostreiches Sinn- 1 bild sein, durch Hindeutung auf eine bessere Zukunft, die Gott; bringen und aus der trüben Gegenwart sich entwickeln lassen j wird. Auch bei dem jüdischen Trauerfeste um den Fall Je-! rusaleius ist der Genuß des Ei's vorgeschrieben, j Diese Eier des Passah- und Osterfestes wurden ehemals! an dem Osterfeuer gesotten. j Wenn diese Eier später bunt gefärbt wurden, wie heute! noch geschieht, so hängt dieser Farbenschmuck zunächst mit dem!' bunten Farbenschmuck der Frühlingsnatur zusammen, welche! den Menschen veranlaßt, sich und seine Umgebung in dasselbe - bunte Gewand zu kleiden. Gleichzeitig wollte man damit den! Kindern eine besondere Festfreude nach ihrer Art bereiten, j denn das Fest hat den Character eines Freudenfestes durch! seine Bedeutung als Erlösungsfest und durch die Hoffnungen,! welche es nach trüben Erinnerungen erweckt — bei den Juden wie den Christen. Bei den Letzteren gewinnt es als Auferstehungsfest noch einen besonders freudigen Character nach den Festen, welche zur trüben Erinnerung an die Passtonszeit Jesu gehalten werden. Bei den Juden gaben deßhalb die Osterfreuden besonders für die Kinder am abendlichen Passahmahle zu schalkhaften Späßen Veranlassung, bei den! Christen aber sogar auch für das Volk zu belustigenden Er- : zählungen auf der Kanzel, welche oft zu Schwänken und! Märchen übergingen und auch noch nach der Reformationszeit : üblich waren. Zu diesen schalkhaften Erzählungen gehört auch! das Volks- und Kindermärchen von dem Hasen, welcher die j Ostereier legt. I Auch wurde wie im Judenthume während der ersten christlichen Jahrhunderte eine ganze Osterwoche gefeiert, jetzt abweichend drei, zwei und einen Tag, während der Gebrauch, wenigstens die Jugend in weißen Festkleidern dem Gottesdienste der ganzen Festwoche bis zum nachfolgenden Sonntag beiwohnen zu lassen, vielfach noch besteht, daher trügt auch dieser Tag den Namen ״weißer Sonntag" womit die eigentliche Osterfeier schließt. Als Schluß des Auferstehungsfestes führt dieser Sonntag auch den Namen ״Quasimodo- (genitus)". ״Der Mensch ist gleichsam wiedergeboren." Die bitteren Kräuter, welche ein Sinnbild von den Leiden der Juden sein sollen, fehlen zwar in den christlichen Gebräuchen, aber nicht die Erinnerung an die Leiden, denen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.