Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 12 (24.3.1874)
- Date
- 1874-03-24
- Page
- Seite 93 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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solchen Rabbinatssitz einzunehmen, einer solchen Gemeinde geistiger Leiter zu werden, sich mit N. zu messen! — Hoffen wir, daß der würdige Vorstand, an dessen Spitze der klar denkende und energische, aufopfernde Notar Dr. Ortenau steht mit der freisinnigen Majorität der Gemeinde treu zusammenhält und daß sie das Heil der herrlichen Gemeinde, die noch immer עיר ואם בישראל, eine der edelsten, größten und hervorragendsten jüdischen Gemeinden Deutschlands ist, mit Entschiedenheit wahren. E. Fürfekck in Rheinhessen. Sonntag den 8. d. M. bewegte sich durch Freilaubersheim, Kreis Alzey, ein großer Leichenzug dem jüdischen Friedhofe zu. Die irdischen Ueberreste eines allgemein sehr geachteten Mannes, AlexanderStrauß, eines Veterans von 84 Jahren wurden der mütterlichen Erde übergeben. Der Kriegerverein ließ dem Verstorbenen alle militärischen Ehren zu Theil werden. Zu beiden Seiten der Leichenbahre gingen je 3 Krieger mit ihren Gewehren und dem Leichenzug voran die übrigen Krieger. Auf dem Friedhofe ertönten die üblichen 3 Ehrensalven und bei Senkung der Leiche in das Grab wurde präsentirt. Unterzeichneter, der einige Worte am Grabe sprach, hob diese würdevolle Pietät und Toleranz geziemend hervor. Kommen auch wohl noch oft hin und wieder Gehässigkeiten, gegen Alles, was Juden und Judenthum heißt,! vor, so weiß man G. s. d. in hiesiger Gegend im allgemeinen Nichts von Rischus. Ein sehr geachteter Jsraelite, Herr S. Deutsch, der auch als Präses des isr. Vorstandes das Interesse der j. Gemeinde zu wahren versteht, ist Mitglied des hiesigen Gemeinderaths. Leider sieht es jedoch mit dem Religionsunterrichte in hiesiger Gegend sehr schlecht aus. Viele Gemeinden sind schon jahrelang ohne Lehrerund die Kinder wachsen ohne jegliche Kenntniß in der isr. Religion heran. Es gibt auch Leute, die so indifferent sind, zu sprechen: ״Wenn meine Kinder nur oren (d. h. jüdisch lesen) können, dann ist es schon genug." Sind solche Menschen nicht zu bedauern, wenn sie. glauben, daß das mechanische Lesen schon die Religion ausz mache? Jährlich werden viele Tausende gesammelt; aber zu! welchen Zwecken? Wird an die materielle Aufbesserung der > isr. Religionslehrer gedacht? Würden diese Tausende dazu! verwendet, unbemittelten Gemeinden beizustehen, damit ihr Religionswesen nicht zerfalle, so wäre dies ein wahrhaftes Rettungswerk. Solange es noch an Religionslehrern fehlt, wäre es am zweckmäßigsten, wenn sich mehrere Gemeinden? einigten und zusammen einen Lehrer annehmen, der natürlichj vom Staate angestellt und in alle Rechte der Elementarlehrer? eintreten müßte. Besser zweimal wöchentlich tüchtigen Reli-1 gionsunterricht ertheilen, als gar keinen, oder die Kinder durch j sog. Polen, die sich den Namen ״Lehrer" anmaßen, verdummen zu lassen. In einem Orte der Pr. Rheinhessen ist ein Pole als Lehrer engagirt.. Dieser läßt jeden Morgen die Kinder zu sich kommen, benscht mit ihnen Zizith und läßt die Brochoh von ihnen hersagen. Es fehlt nun noch, daß er sie wasche, kämme und ankleide. In unmittelbarer Nähe von hier war vor einigen Jahren ein Lehrer, ebenfalls Pole, der die Kinder Schir-Haschirim übersetzen ließ! Von einem verstandesmäßigen das Herz und Gefühl erregenden Religionsunterricht war aber keine Spur wahrzunehmen. Ein guter Religionsunterricht, wöchentlich zweimal ertheilt fruchtet aber sicher, als die Kinder von solchen Subjecten geistig verdummen zu lassen. Da aber nun nicht jede Gemeinde so glücklich ist einen tüchtigen Lehrer zu haben oder besolden zu können, so müßten sich je nach der Entfernung der Ortschaften 3 bis 4 Gemeinden vereinigen und dahin streben einen tüchtigen Lehrer zu erhalten. Um dieses auszuführen, wäre es nothwendig, daß die Vorstände und Lehrer des Herzogthums Hessen sich dahin einigten, eine Generalversammlung anzuberaumen, wo diese wichtige Frage zur Tagesordnung gebracht würde. (Abwarten! Redaction.) Ein jüd. Hospital wird in Jerusalem gegründet und werden wiederum jährlich Tausende von Gulden zu diesem Zwecke beigesteuert. Wozu denn nach dem Fernen greifen, wo das Gute so allzunahe liegt. Der Lehrer, der sich in seinem Berufe für das Wohl der Gemeinde aufopfert, was hinterläßt er den Seinen, wenn er von hinnen genommen wird, nun aber noch, wenn er in der Blüthe seines Lebens schon die irdische Laufbahn beschließen muß? Soll ich an den traurigen Fall in Langenselbald erinnern? Wäre es nicht schön, wenn in Deutschland ein Waisenhaus für isr. Lehrerwaisen gegründet würde? Könnten nicht ebenfalls zu diesem hehren und heiligen Zwecke Tausende jährlich beigesteuert werden? Aus diesem allen Gesagten ersieht man zur Genüge, daß es im isr. Lehrerwesen noch traurig genug aussieht, aber hoffen wir zu Gott! Es wird schon besser werden! Es ist schon Vieles zur Bessergestaltung des isr. Religionslehrerwesens geschehen und das neue Hessische Schulgesetz, welches von allen Lichtfreunden fteudig begrüßt wird, wird schon dazu beitragen, daß die Worte der heiligen Schrift יהי אור, ויהי אור in Erfüllung gehen. Ingelkeim, 18. März. Wir erhalten so eben die ״Einladungsschrift zu der am 23., 24., 25., und 26. März 1874 stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a/M. Diese Schule hatte nicht nur für diese Gemeinde selbst, sondern weit darüber hinaus, für die Juden von ganz Süddeutschland, eine hervorragende Bedeutung. Jetzt freilich hat man ausgehört, die ״Philanthropin" als die einzige Anstalt zu betrachten, in welcher jüdische Kinder eine höhere Bildung erlangen können. Aber der Geist, der in dem größten Theile der Frankfurter jüdischen Gemeinde lebt, — er ist zurückzuführen