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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-24 · 12 (24.3.1874) · p. Seite 92

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
12 (24.3.1874)
Date
1874-03-24
Page
Seite 92 (sequence 4)
Language
German
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92 Mitglieder dieses Vereins zählt. Daß dieser Verein mit Recht ein solches Gedeihen verdient, wird Jedem einleuchten und kann den Freund der Wissenschaft nur erfteuen. Wer da weiß, mit welcher Noth arme Studenten, besonders in den ersten Monaten ihres Hierseins zu kämpfen haben, und wer da ferner weiß, daß dieser Verein meist Auswärtigen — und selbst Ausländern — zu Gute kommt, wer da endlich weiß, wie viel aufftrebende Talente der Wissenschaft dadurch zugeführt und erhalten werden, der wird das Wachsthum eines solchen Vereines, der — man darf es jetzt mit Stolz sagen — mit 214 Sgr. begonnen und nun über 2000 Mitglieder hat, mit innigster Freude begrüßen. Aber auch in allen Zweigen der Wissenschaft und Kunst berühmte Nichtjuden gehören dem Vereine an, besonders viele Professoren der hiesigen Universität. Außordentliche Verdienste um denselben erwarb sich besonders die Familie Reichenheim, die überhaupt durch ihre Wohlthätigkeit in den weitesten Kreisen bekannt ist. Von einem derselben ist vor Kurzem ein imposantes sehr geräumiges Waisenhaus errichtet worden (auch für Nichtjuden). Der Verein heißt auch ״Adolf-Verein" nach dem Stifter, dem bekannten, edlen Adolf Reichenheim. Das Festessen in dem hellerleuchteten Saal war glänzend, 180 Personen waren zugegen, darunter auch der Postdirector des deutschen Reichs, Herr Stephan, schöne Reden wurden gehalten, besonders von Geheim- und Sanitätsrath D1\ Waldeck, der ein Hoch auf den Kaiser und das deutsche Reich ausbrachte, von Herrn Professor Lazarus, der mit seiner bekannten Beredtsamkeit den Zweck des Vereines und sein Streben, das Angenehme mit dem Nützlichen in Einklang zu bringen, trefsend charakterisirte, und von Professor Steinthal, der auch einen Toast auf den Kaiser ausbrachte. Das Fest verlies also höchst zufriedenstellend und können wir von einem Vereine, der solche edle Tendenzen verfolgt, der nicht nur den Studirenden während des Studiums Unterstützung gewährt, sondern auch alljährlich zwei Preise für wissenschaftliche Leistungen vertheilt, und einigen sogar die Mittel Zur Promotion gewährt, nur mit dem Wunsche Abchied nehmen Vivat, crcscat, floreat. Dr. Sch . . . . r. Jlu8;Bayern, im März. Man kann hier zu Lande wohl mit Recht behaupten, daß man ״im Centrum" des deutschen Reiches wohne. Es wird einem zuweilen ganz Angst dabei und man verzweifelt am Fortschritt des Rechts und der Humanität, wenn man dies Getriebe der Pfaffen — jüdischer und christlicher — beachtet und der Gewalt, die sie noch jetzt über die Gemüther haben. Wie viel Stimmen zu der Zweidrittelsmajorität der Ultramontanen aus jüdisch-orthodoxem Lager hervorgegangen, läßt sich nicht bestimmen. Nun, sie sind in ihrer Majorität mitgegangen; und wir wollen Gott danken, daß man die Centrumsmänner nicht behandelt, wie sie j in früheren Zeiten die Freunde des Lichtes und der Humani- Vät behandelten, d. h. daß sie nicht verbrannt, gespießt und i gehängt werden in Berlin, sonst würden, Gott sei davor, viele ^unserer irregeleiteten Brüder ״mitgehangen". Hieß es ja: j ״Die Frommen aller Konfessionen sind solidarisch verpflichtet. Es ist nicht nur der Katholicismus; die Religion ist in Gefahr". In Berlin wohnt der Antichrist, der ״Bismarck", der alle Deutschen zu Heiden machen will.! Unsere irregeleiteten Brüder! Glauben Sie mir, selbst j der nominelle Führer unsrer Hyperorthoooxen, der Rabbiner j Seligmann Bär Bamberger aus Würzburg, ist einer der Irre-! geleiteten. Er ist ein rechtlicher, braver Mann, ein ehrlicher Orthodoxe, vor dem man Respekt haben muß. Er lebt in seinem Glauben (צדיק באפונתו יחיה), kennt das Leben, die Wissenschaft nicht. Ihm ist keine Schuld beizumessen. Deshalb findet sich in Würzburg auch keine Opposition, obwohl ^sicher auch dort die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Man ' achtet den Greis hoch und wird ihm, so lange er lebt, zu j Gefallen leben. Aber im übrigen Bayern! Lange Zeit agitirte man z. B. in Fürth für eine orthodoxe Verbindung, aber man dachte nicht an Trennung. Jetzt will man diese Trennung anscheinend mit Gewalt herbeiführen. Viele glauden nicht daran, daß es den Orthodoxen Emst sei um die Trennung. Würden sie ja dadurch die reichen Hilfsmittel verlieren, die die jüdische Gemeinde Fürth's aus alten, reichen Fonds und dgl. bietet. Und sicher würde ein großer Theil derjenigen Orthodoxen, die Gesinnung und Gefühl haben, die absolute Trennung von der Gesammtgemeinde scheuen und, während sie jetzt noch mit den Orthodoxen gehen, würden sie doch nicht durch Dick und Dünn mit den Führern austreten, weil sie dann eben gleichsam nicht mehr zu der Gesammtgemeinde des alten Fürth's zählen, nicht mehr eigentliche Fürther ״Baale Batim" wären, eine Eigenschaft, auf welche Viele mit Recht stolz sind! Wissen Sie, um was es den offene!! und geheimen Agitatoren zu thun ist? Ui׳. Neubürger, der seitherige Rabbinatsverweser, hat sich die Gunst aller Besserdenkenden erworben. Er ist ein Redner von großer Begabung, ein strebsamer Gelehrter, ein charaktervoller, edler Mensch. Mit reichen geistigen Mitteln ausgestattet, tritt er doch bescheiden, ruhig und sehr gemäßigt auf. Er gehört der Breslauer Schule an, vertritt doch den gemäßigten Fortschritt! Er ist kein Rechnungsträger, aber er trügt den berechtigten Verhältnissen Rechnung, soweit dies mit seiner Ueb.rzeugung verträglich ist. Diesen Mann zu verdrängen, auf den Rabbinatssitz Löwy's einen Heißsporn ihrer Richtung zu bringen — das ist das Bestreben der orthodoxen Clique! Wenn sie nur-auch einen Mann hätten, der im Entferntesten würdig wäre, einen

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