Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 11 (17.3.1874)
- Date
- 1874-03-17
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579019--576-9579025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
86 für die Kinder umsah. Das ist eine feststehende Thatsache von niederschmetternder Bedeutung. Es ist ganz gleichgültig, was das russische Gesetz in diesem Falle bestimmt; das über allen gedruckten Gesetzbüchern stehende Gesetz der Moral sagt, daß ein 1?jähriges Kind, wenn es einen so folgenschweren Schritt zu thun im Begriff ist, der Einwirkung seiner Eltern nicht entzogen werden darf, und dieses Gesetz haben die Herren in Neuendettelsau mit Füßen getreten. Wäre in diesen Regionen nicht das Rechtsgefühl durch den religiösen Fanatismus erstickt, so würde man die Kinder ungetanst zu der Mutter geschickt und es der älteren Tochter freigestellt haben, sich in Odessa unter dem Schutz des russischen Gesetzes durch Pastor Bienemann taufen zu lassen. (Schluß folgt.) Laaäau (Pfalz). fSchluß.j Der Lehrplan wird zunächst ins Auge zu fassen haben, wie der angegebene Inhalt des Religionsunterrichts auf die verschiedenen Classen zu vertheilen ist. Dies muß sich aber in der Communalschule etwas anders als in der isolirten israelitischen Schule gestalten. In jener können nämlich die drei Classen auch für den Religionsunterricht auseinander gehalten werden, weil dem Lehrer immer Gelegenheit geboten ist, die anderen Classen mit anderen Aufgaben zu beschäftigen, während er selbst in einer der Classen den Religionsunterricht ertheilt. In der Communalschule dagegen, wo dies nicht angeht, scheint es uns dringend geboten, nur zwei Abtheilungen aus allen Classen zu bilden, und die sechs Stunden, welche in jeder Communalschule wöchentlich für den Religionsunterricht bestimmt sind, wenigstens ist es bei uns so, unter die beiden Abtheilungen nach Bedürfniß derart zu vertheilen, daß jede Abtheilung besonders und getrennt von der anderen unterrichtet wird. Der Lehrer kann sich dadurch mit jeder Abtheilung in den sie treffenden Stunden ohne übermäßige Anstrengung ganz beschäftigen, und der scheinbare Verlust an Stundenzahl gereicht den Schülern nicht blos formal, indem sie fortwährend beschäftigt werden, sondern auch in Bezug auf den Lehrstoff sicher nur zum Gewinn. Für die untere Abtheilung genügen zwei Stunden wöchentlich, während der oberen Abtheilung, für welche die Gegenstände umfassender sind, wöchentlich vier Stunden gewidmet werden können. Wir hatten schon vor Jahren für die israelitischen Schulen die Bestimmung getroffen, daß in der unteren Classe, welche mindestens die ersten zwei Schuljahre umfassen muß, kein Katechismus, der ja doch nur ein ganz äußerlicher, unverstandener Mechanismus bliebe, und pädagogisch schon deshalb zu verwerfen ist, weil er die Kinder an einen unverstandenen Wortschwall gewöhnt, sondern nur die Anfänge der biblischen Geschichte, womit ein den Kindern verstündlicher Unterricht von Gott und seinen Eigenschaften verbunden wird, und außerdem nur das hebräische Lesen unterrichtet wird. In der zweiten Classe, welche die zwei weiteren Schuljahre, bis zum zurückgelegten zehnten Lebensjahre umfaßt, beginnt dann der Katechismusunterricht, der sich übrigens auf die Glaubenslehre beschränkt, also zunächst nur eine aussührlichere Behandlung der Lehre von Gott und seinen Eigenschäften im Auge hat, und ebenso die biblische Geschichte bis zu den Königen lehrt; im Hebräischen wurden außer fortgesetzten Uebungen im Lesen, womit nun die Leseregeln vollständig zu ' verbinden sind, nur die leichteren und ziemlich bekannten Stücke im Gebetbuche übersetzt. Die dritte Classe endlich, welche die drei letzten Schuljahre umfaßte, hatte den übrigen Inhalt des Religionsunterrichts zu bewältigen. Indessen hatte die Erfahrung gelehrt, daß in den hebräischen Gegenständen bis zum Austritt aus der Schule viel mehr erzielt werde, wenn man darin die zweite und dritte Classe zusammennehme. Allerdings wurde die Uebersetzung für die zweite Classe noch nicht ganz verständlich und noch weniger geläufig, aber es wurde doch gleichsam der Boden schon so vorbereitet, daß ein gründlicheres Eingehen in der dritten Classe leichter ward, ohne daß die Zeit und die Kräfte des Lehrers allzusehr zersplittert wurden. Inder Communalschule wird nun die untere Abtheilung ihr im Ganzen klein zugemessenes Pensum in den ersten zwei Jahren um so leichter bewältigen können, als es sich bei ihr wesentlich ja nur um das hebräische Lesen handelt, während die Anfänge der biblischen Geschichte mit den daran geknüpften Erörterungen der Eigenschaften Gottes, welchen allerdings im zweiten Jahre, nachdem das Kind in der unteren Schulclaffe deutsch lesen lemte, einige kurze Bibel- undandere Sprüche sich anreihen müssen, gleichsam nur eine Schlußunterhaltung in jeder Stunde bilden. Die zweite Abtheilung hätte dann in vier wöchentlichen Stunden die übrigen Aufgaben des Religionsunterrichts bis zum vollendeten zwölften oder dreizehnten Jahre durchzumachen. Die Schwierigkeiten sind allerdings nicht gering, indem alljährlich neue Schüler aus der unteren Abtheilung einzutreten haben. Allein sie werden sich vielfach dadurch heben lassen, daß nur die besseren Schüler und Schülerinnen herübergenommen werden. Sodann kommt es, da ,die Kinder doch schon in der unteren Abtheilung mit den Anfängen der biblischen Geschichte und der Lehre von Gott und seinen Eigenschaften bekannt gemacht wurden, nachdem beim Beginne jedes Schuljahres ein kurzer Ueberblick des im vorigen Jahre Erlernten gegeben ist, der auch als Repetitorium den älteren Schülern nicht schadet, am Ende nicht darauf an, in welcher Reihenfolge die einzelnen Lehren des Katechismus und die biblischen Geschichten zur Erklärung kommen, da ja die Schüler in den drei oder vier Jahren, während welcher sie in dieser Abtheilung den Unterricht genießen, jedenfalls dahin kommen, beide Gegenstände auch in ihrer wirklichen Aufeinanderfolge kennen zu lernen. Bei den Uebersetzungsstücken hat es ohnedies keine große Be-