Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 11 (17.3.1874)
- Date
- 1874-03-17
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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84 einigen Erziehungskünstlern jener Zeit vertretme Ansicht, daß er seine Söhne, von denen der Eine, den Schreiber dieses ganz genau kannte, im Jahre 1848 in Groß-Umstadt als Gerichtsassessor im jugendlichen Alter starb, an jedem christlichen Religionsunterricht im Gymnasium Theil nehmen ließ, ״damit sie im reiferen Alter ihre Confession selbst wählen könnten." Uns scheint, daß im Hause selbst vom Vater auch das Judenthum noch in manchen Erinnerungen gepflegt wurde. Dazu werden wir besonders veranlaßt durch ein eigenthümliches Wort, zufällig das letzte, das er zu uns gesprochen und das hier besondere Erwähnung verdient. In einer öffentlichen Versammlung war einem sehr freisinnigen und uns genau als edel und tolerant bekannten Katholiken im Ausdruck entschlüpft, der als Intoleranz gegen die Juden gedeutet werden konnte. Wir wollten dem Freunde auch das nicht hingehen lassen und sagten: ״Stellt Euch, wie Ihr wollt; wenn ihr noch so freisinnig seid und Euch aller Vorurtheile entkleidet zu haben wähnt, etwas von katholischer Alleinseligmacherei und Unfehlbarkeit, ein Stückchen Intoleranz bleibt immer noch in Euch." Metz, der der Discussion mit besonderem Interesse gefolgt war, sagte: ״Da haben Sie Recht! Allein dehnen Sie den Satz weiter aus, wenden Sie ihn auf sich selbst an! Anschauungen und Erinnerungen aus der Jugend verlieren sich nie ganz und wenn wir das mit der Muttermilch Eingesogene tausendmal mit der Wurzel ausgerissen glauben; es haftet doch noch; es ist mit uns eins geworden und — das gilt bei Allen mit den religiösen Anschauungen und gibt ihnen ihren Werth. Sie kennen wohl Alle einen unserer freisinnigsten, gelehrtesten und bravsten Männer — 3c! Der glaubt steif und fest an Hexen und Gespenster. Wahrscheinlich hat auch sein Vater daran geglaubt." Ein jüdischer Freund war Zeuge dieser Unterhaltung. Wir machten später unsere Glossen über dies eigenthümliche Bekenntniß eines Convertiten an einen Juden! Wenn er auch vielleicht an unsere Nutzanwendung nicht dachte, so überraschte uns doch die Wärme seiner Rede. — Metz war einer der geistreichsten Männer unseres Landes, ächt liberal und hat in allen Fragen der Toleranz stets auf unserer Seite gestanden. Darum dürfen wir als Juden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Fürtk., im Februar. לא תבשל גדי בחלב אמו Jede Zeit hat ihre eigenthümliche Culturaufgabe, irgend ein zeitgemäßes Räthsel ihres momentanen Bestandes oder Daseins zu lösen. So in der Gegenwart die sociele Frage. So war im Mittelalter der Stein der Weisen das Problem, woran so viele Narren Zeit, Geld- und Nervenkraft verschwendeten. In ähnlicher Weise beschäftigen wir uns noch immer mit dem biblischen Räthsel ילא תבשל welches schon längst im Schoße eines jüdischen Concils (wenn ich nicht irre, unter dem Vorsitze des Rabbi Me'i'r) dabattirt worden und wobei man zu dem Schlüße gelangte, welchen der Corresp. von Nürnberg in diesem Blatte deutlich genug entwickelt hatte, daß nämlich: 1) das Kochen und demzufolge das Essen von einem Vierfüßler in (Mutter) Milch, sowie auch jede sonstige Nutznießung davon mosaisch (מן חתוח־ז) verboten sei, sowie auch 2) das Geflügel nach rabbinischer Umzäunungsverordnung (מדדבגן). Und damit basta! spricht der rechtgläubige Jude, indem er mit dem Zeigefinger auf dem Majoritätsbeschluß der Kammer der Chachamim (הלכה) in dem großen Folianten deutet mit den in schmunzelnder Befriedigung uns entgegengehaltenen Worten von Ben Bagbag: דכלא בה ומנה לה תזרע, zu deutsch: Hier stehts geschrieben, wo Alles steht, wie etwa der Bauer sagt: Da steht's gedruckt, also muß's wahr sein; denn für ihn ist das der Beweis aller Beweise. Hiermit glaube dem Südd. Corr. Ihres Bl. zur Klarheit verholfen zu haben. Was ihn aber gar nicht zur Ruhe kommen läßt, das sind die heterogenen (?) Begriffe von mil chicht und fl eischicht ב״וח, welche unser Talmud aus der These לא תבשל zusammengekocht. *) Das sind allerdings Begriffe, an welche der ursprüngliche Gesetzgeber sicherlich nicht im entferntesten gedacht hat; allein demjenigen, welchem die Schlußfolgerungen der Chachamim, seien es auch sylogistische, als unantastbare Gottesgebote (הלכה למשה ממיני) gelten, der glaubt fest und standhaft an seinen ״papiernen Papst." Und er fühlt sich auch glücklich in diesem seiner Stufe zusagenden Glauben nach den Worten des Proverbiens: 'הצדיק באמונתו יחי oder nach denen unseres bereits genannten Dichters: ״Der gemeine Mann muß eine Dummheit haben, worin er sich glücklich fühlt, und er fühlt sich glücklich in seiner Dummheit." Dieses gilt jedoch nicht nur für den Rückständigen, (עם הארץ) sondern auch für den Scheinheiligen, welcher die talmudischen Observanzen mit großer Gewissenhastigkeit ausübt, um dadurch seiner Persönlichkeit in den Augen der sinnlichen Menge einen höheren Werth zu verschaffen, sowie auch für diejenigen, welche das Brod der Gemeinde essen und nach dem Sprüchwort: Weß' Brod ich esse, deß' Lied ich singe (singen muß) ihr äußeres ceremonielles Verhalten einzurichten haben. Dem Vorgeschrittenen aber, welchem auf der Höhe seiner Zeit zu stehen und darnach zu leben die höchste Aufgabe ist, dem ist der Schulchan-Aruch schon längst ein Talmud-Extract, der ihm nur noch als Ruine erscheint mit Anspruch auf antiquarisches Mitleid. Er hält sich in Beziehung auf Speiseverbote an erprobte diätetische Grundsätze, an allgemeine Aussprüche, wie z. E. in dem Buche Sirach sich einer findet, welcher besagt: *) Wem fallen hier nicht unwillkürlich die Worte ein, welche Heine in seiner Disputation vom Rabbiner zum Kapuciner sprechen läßt: ״Was Gott kocht, ist gut gekocht."