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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-17 · 11 (17.3.1874) · p. Seite 82

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
11 (17.3.1874)
Date
1874-03-17
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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/ — 82 — theilung, das siebente Erlaß-, das fünfzigste Jubeljahr, hatten sie ein ״Uebermaß des Erwerbstriebes" zur Grundlage oder zur Folge? Liegt ״Uebermaß des Erwerbstriebes" den mosaischen Gesetzen zu Grunde, welche milde Behandlung des Schuldners fordern? Jahrhunderte, Jahrtausende hat man in christlichen Staaten diese Gesetze übersehen, hat das starre römische Recht, wenn auch nicht in seinen äußersten Folgerungen der Zerstückelung des Schuldners, so doch in deren Ausläufern, der Schuldhaft, der Wechselstrenge befolgt, und doch soll ״Uebermaß des Erwerbstriebes" eine jüdische Eigenthümlichkeit sein. — Durch die düsteren Jahrhunderte des Mittelalters hat man, uneingedenk des mosaischen Gebotes: drückt die Fremdlinge nicht — die Juden als Fremdlinge betrachtet und doch gedrückt, alles Das im Namen der Religion der Liebe, der Religion, welche ״die Güter des Geistes, des Herzens, der Innigkeit bevorzugen" soll. Man brachte den vertriebenen, den hungernden Juden in der Rechten den Krug, in der Linken das Brod entgegen. Und die Juden im ״Uebermaß des Erwerbstriebes" verschmäheten Beides. Noch als die Zeiten sich lichteten, bis in unsere Tage hinein, machte man selbst ihren hervorragenden Gelehrten die Taufe zur Vorbedingung der Anstellung. Und das ״Uebermaß des Erwerbstriebes" war so stark, daß sie lieber fortdarbten, ehe sie ihrer Ueberzeugung untreu wurden. Es sind keine hundert Jahre her, da mußten Juden in Preußen das Recht sich zu ehelichen damit erwerben, daß sie Friedrich dem Großen sein schlechtes Porzellan abkauften. Auf welcher Seite zeigt sich da ״das Uebermaß des Erwerbstriebes"? Das hätte der Verfasser jener Vorlesung bedenken sollen, ehe er so schwere Anschuldigungen hinausschleuderte. In einem und demselben Satze spricht er von morgenländischer Bedürfnißlosigkeit*) und von ״Uebermaß des Erwerbstriebes des jüdischen Volkes". In einer und derselben Vorlesung verlangt er Vertiefung in ״gründliche volkswirthschaftliche Studien" und verketzert er den dem ״jüdischen Volke" allzeit innegewohnthabenden übermäßigen Erwerbstrieb. Solche Widersprüche sind unlösbar. Volksbildung ist unverträglich mtt Einbildung und Vorurtheil.**) Eine der ersten Aufgaben der Volksbildung Erstrebenden ist Reinigung des Volksgeistes von den in ihm wuchernden Vorurtheilen. Eines der schlimmsten ist das gegen die Juden. Aus der Gesetzgebung allmählich, wenn auch noch nicht vollständig gebannt, ist es in den Herzen und den Geistern zurückgeblieben. Jede Fibel, jede *) D. h. im Sinne der ״Möglichkeit mit Wenigem auskommen", was die Aufhäufung des Ueberflüssigen doch zuläßt. Anm. d. Red. d. ״Bildungsvereins". **) Da werden wir uns nach lauter ״unfehlbaren" Mitarbeitern umsehen müssen. Anm. d. Red. d. ״Bildungsvereins". Bibel(?) gibt ihm neue Mahnung. Die bösen Juden, die Christus gekreuzigt, sind hier, der häßliche Jude mit dem Sacke ist dort der Popanz, der sich in das Kindesgemüth einsenkt und schwer daraus vertilgt werden kann. Gedankenlosigkeit hier, pfäffische Gehässigkeit dort, thun das Ihrige hinzu, und so erhält sich fort und fort die Ueberlieferung vom ״Haß des Menschengeschlechts", den nach Tacitus die Juden auf sich gezogen haben. Die Vereine zur Verbreitung der Volksbildung haben unter den vielen segensreichen Zwecken ihrer Thätigkeit auch den, das Volk von dem Vorurtheil des Judenhasses zu befteien. Denn Bildung ist nur möglich ohne Vorurtheil. Dresden. Emil Lehmann." Wozu das Alles? Nicht um dem edlen Streben der Gesellschaft für Volksbildung die Sympathien zu entziehen. Weit entfernt. Wir wollen, wir müssen als Juden ganz besonders sein Streben fördern. Wir dürfen getrost sagen, daß dies sein Streben ein echt jüdisches ist. Denn nichts liegt dem Judenthum ferner als Feindseligkeit gegen die Bildung, als Ausschließlichkeit der Bildung. Das Judenthum verlangt Wissen und Forschen, nicht Glauben — darum ist Bildung sein erstes Gebot. Das Judenthum verlangt und fordert volksthümliche Bildung, keine besondere hierarchische Bildung. Dem Judenthum sind Erscheinungen fremd, wie die des Mittelalters, da die christliche Bildung einzig und allein in Klöstern zu finden war, alle Nichtgeistlichen aber des Schreibens und Lesens mehr oder weniger unkundig waren. Die Sprüche der Väter, dieser tiefe Quell der Weisheit und Wissenschaft des Judenthums bekunden, wie in allen Volkskreisen das Interesse für Bildung und Wissen bei unseren Vorfahren rege war. Darum ist der Zweck der Gesellschaft für Volksbildung ein echt jüdischer. Darum verdient sie allseitige Förderung. Aber die Redaction ihres Organes beweist auch, wie sehr noch in den Kreisen der Gebildeten, oer Bildungsspendenden, das christliche Vorurtheil spukt. Und darum ist nicht minder dafür zu sorgen, daß wir Juden uns aufraffen und, sei es in den von mir angeregten Moses-Mendelssohn-Vereinen, sei es sonst, Vereine gründen zur Abwehr und endlichen Erstickung des Vorurtheils gegen die Juden. Emil Lehmann. Äcüawa, Verein zur Unterstützung kükssbeliürstiger israelitischer Lekirer, Aekirer-Wittwen unä -Waisen in Deutschsunä. Der neunte Rechenschaftsbericht, für das Verwaltungsjahr 1873, ist soeben erschienen und versandt worden. Wir entnehmen demselben einige bemerkenswerthe Notizen.

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