Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 10 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Der abfällige Beurtheiler des Chanukabuches hatte die Freundlichkeit, in einer Privatzuschrift mir die Novellenperle: ״Das Judenmädchen von Tanger" aus den jüdischen Familienbriefen von W. Herzberg zum Abdruck zu empfehlen. Ich antwortete ihm sofort, daß mir das Buch unbekannt sei und daß ich grundsätzlich ohne Genehmigung des Autors, oder Herausgebers, oder Verlegers nichts aufnehme, daß ich ihm aber für Vermittelung der Einsendung dankbar sein würde. Darauf blieb ich ohne Erwiderung. Ueberhaupt weiß ich nichts von allzugroßer Betheiligung des beitragenden Publikums Zu rühmen. Mit anerkennenswerther Ausnahme der Herren Dr. Rothschild, Leopold Dann, Dr. Löw, Dr. Rahmer, Dr. Fabian Feilchenfeld, Leopold Mandl, Klingenstein (der mir die Achawa), Dr. Zirndorf (der mir seine Gedichte und Stein's Freitagabend zur Verfügung stellte) und einiger Wenigen, deren Beiträge ich dankend ablehnen mußte, theils weil sie mit dem Judenthum nichts gemein hatten, theils weil sie zu localer Art, theils weil sie zu umfänglich waren — bin ich zwar sehr in Correspondenz erhalten, aber wenig unterstützt worden. An guten Rathschlägen hat mirs nicht gefehlt. Dem Einen mißfiel der Ausschluß kleiner Kinder, dem Anderen die Ueberweisung des Reinertrags an den Gemeindebund. Der wollte ein Redactionscomito, Jener vorwiegende Berücksichtigung der Poesie, Andere mahnten vor allzufrühem Erscheinen ab. Ich aber dachte: frisch I gewagt ist halb gewonnen und ließ mich durch das Alles nicht beirren. Das Publikum mag entscheiden, ob das Chanukabuch in dieser Form lebensfähig sei. Wo nicht — dann mögen und werden Andere das besser machen, was ich nach Kräften versucht habe. Denn das ist erreicht: die Idee einer Chanukaliteratur ist verwirklicht und wird hoffentlich fort und fort Ausdruck finden. Ob durch mich — der nur nothgedrungen, weil Andere, Berufenere, schwiegen und meinen Aufruf ignorirten — oder durch Andere — was liegt daran? Daß ich ein halbes Jahr wartete, ehe ich meinem Aufruf die Erklärung folgen ließ, daß ich solch ein Buch herausgeben wolle — das beweist zur Genüge, wie ich nur nothgedrungen vorging und wie gern ich Anderen das Feld räume, die mehr Beruf, mehr Zeit, mehr amtliche Verpflichtung und, wie Herr D- K. meint, mehr Geschmack und Geschicklichkeit haben, als ich. Aber mir kam es vor Allem darauf an, daß solch ein Buch erscheine, daß es bald erscheine. Der Beurtheiler sagt den poetischen Beiträgen viel Gutes nach, nur die ״Aufklärerei" in den prosaischen Aufsätzen stört ihn. Aber ein Bild von dem, im Ganzen auf den index librorum pro hibitorum für jedes fromme jüdische Haus von ihm gesetzten Buche empfängt kein Leser von der Beurtheilung. Dieselbe tadelt die ״gewundene", ״Manchem schon in der Ankündigung unangenehm aufgefallene" Inhaltsangabe. Ihr frommer Verfasser hätte erinnert sein sollen, daß ich gerade hierin einem in der althebräischen Literatur häufigen Gebrauche, den Inhalt in Denkreime zu bringen, gefolgt bin. Natürlich konnte ich nur gruppiren, was ich hatte. Grundsätzlich hatte ich nur Beiträge ausgenommen, jeden Abdruck ohne Genehmigung des Autors, Herausgebers oder Verlegers abgelehnt. Ein unbefangener Sinn wird weder an der Eintheilung, noch an der Einordnung Wesentliches zu tadeln finden. Und sind denn nicht in der That Wissenschaft, Familie, Feste, Gemeinde, Geschichte, die Träger und Stützen des Judenthums? Der Abschnitt ״Im Gemeindeverbande" gibt meines Bedünkrns ein ziemlich vollständiges Bild des Gemeindelebens in allen Beziehungen: Synagoge, Einweihung, Trauung, Religionsschule, Verhältniß zum Rabbiner, Krankenpflegeverein, Frauenverein, Beerdigungsbrüderschaft, Stiftungen. Die poetischen Beiträge von Löwenstein in Oberndorf, denen der Beurtheiler den Preis zuerkannt, rühren, wie ich leider zu spät erfuhr, von Gerok her, und sind unter seiner falschen Firma bereits im ״Freitagabend" abgedruckt, dem ich sie entnahm. Ich möchte der ״Bürgschaft" von Dessau und der ״Rose von Jericho" von Zirndorf den Preis zuerkmnen. Der scharfe Beurtheiler meines Buches will an dem Beispiele der Gebrüder Grimm lehren, wie ein Chanukabuch geschrieben sein müsse. Diese hätten ihren Märchen keine gelehrten Hinweise beigefügt. Er verlangt ״warme, volle Ueberzeugung, keine Verneinung". Aber haben wir es denn mit Märchen zu thun, die den Kindern Wahrheit, den Großen Dichtung sind? Er tadelt, daß ich die Hagadah geschmacklos nenne. Aber meint er, daß ein dreizehnjähriger Gymnasiast, der Hebräisch versteht und Geist hat, das nicht schon von selbst gefunden habe? Er vergißt aber hinzuzufügen, was ich von der Bedeutsamkeit unserer Feste gesagt habe, wie ich deren Ernst- und Würde gegenüber den christlichen Feiertagen hervorhebe. Der Leser kennt nur die Kritik, nicht das Buch — und Buch und Verfasser sind verketzert. Und da verwahrt sich der Beurtheiler vor ״Ketzerriecherei"? Er hätte nur Euch sagen sollen: ״wie kommt Saul, der Verfasser von ״Höre Israel", unter die Propheten!" Ich aber meine, und die angenehme Ueberzeugung habe ich in der nächsten Umgebung bestätigt gefunden, daß das Chanukabuch so Manchem eine Chanukafreude bereitet hat, daß es so manchen ״Gebildeten unter den Verächtern" unserer Religion zu anderen Anschauungen geführt hat. Und hierin finde ich meine Beftiedigung. Dresden. Emil Lehmann.