Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 10 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579010--566-9579015- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
77 hören. Dieser kühne Schritt würde den Rabbiner Hrn. Pollach mit den Behörden in Conflict bringen, und die Ehe müßte als ungültig erklärt werden, wenn diese illegale Handlung angezeigt werden würde. Aber noch mehr, der betreffende Bräutigam war ein Kohen, seine Braut Wittwe von zwei Gatten; nach dem Tode des einen hatte sie Chaliza gehabt, nach dem Tode des zweiten, der sowie der erste keine Kinder hatte wurde die Chaliza unterlassen. Der gelehrte und brave Rabbiner Dr. Mühsam zu Bisenz berieth sich mit mir, ob er unter einer Bedingung dieses Brautpaar trauen könne und wir entschieden uns für das entschiedene ״Nein", weil ein Kohen keine Chaliza, die sie nach dem Tode des ersten Mannes wurde und Niemand, auch der gewöhnliche Israelit, keine Wittwe heirathen darf, welche die Chaliza unterließ*), was bei dieser Frau nach dem Tode des zweiten Gatten der Fall war. Hr. Pollach hatte den Muth, dieses nach Mähren gehörige Brautpaar zu trauen. So siehts mit der Orthodoxie in Ungarn aus! ן Herr Cardinal Rauscher hat seine Fastenepistel vom j Stapel gelassen, in welcher der Liberalismus der Sündenbock j alles Unglücks ist. In derselben heißt es: Voran gingen mit! gewohnter Regsamkeit die Juden, welchen der alte Bund nicht! mehr als der neue gilt, denn diese waren von allen Seiten! nach Oesterreich als einem neu eröffneten gelobten Lande ן herbeigeströmt." Nun fragen wir, ob der Herr Cardinal gegen diese Einwanderer Klage geführt hätte, wenn sie sammt und sonders sich getauft hätten? Aber thut nichts, der Jude wird verbrannt. Dr. D u s ch a k. 19. Unter den Neuwahlen für das englische Parlament bemerken wir die Herren: Simon für Dewsburp, F. Goldsmid für Reading, I. Goldsmid für Rochester und Jsaac in Nottingham, wovon Letzterer allein der Partei der Tories angehört. 20. Im holländischen Abgeordnetenhause sah sich Hoffmans, einer der beiden Gegner der Israeliten, von denen wir kürzlich sprachen, durch die starke Mißbilligung seiner Collegen zum Austritte gezwungen. 21. Wieder einmal ein Liebeszeichen unserer christlichen Mitbrüder aüs Rumänien: der Senat brachte in das neue Militärgesetz die Bestimmung, daß jedes Avancement in -der Armee nur den Soldaten christlicher Confession gestattet sein solle. Noc^ einmaE ״Au Cümmka". (Schluß.) Ist es nicht bedauerlich, daß die Redaetionen jüdischer Zeitschriften so wenig Kenntniß von deren Inhalte nehmen? *) Aber die Chaliza ist durch die Synode, auf die sich wohl jeder freisinnige Rabbiner stützen kann, hinfällig geworden. Red. Ist es nicht bedauerlich, daß unsere jüdische Journalistik weit mehr in gegenseitiger Polemik, als in gegenseitiger Unterstützung hinsichtlich der Allen gemeinsamen Angelegenheiten ihre Aufgabe findet? Mein Aufruf fand nur eine Zustimmung, die des Hrn. Dr. Rothschild. Und demnach, sollte ich meinen, ging es mit meinem Aufruf 8i parva licet componere magnis wie mit dem Ei des Columbus. Es ist weit weniger verdienstlich von mir, daß ich ihn erließ, als auffällig, daß so viel andere, durch Amt, Stellung und Frömmigkeit Berufenere nicht schon seit Jahren ein Chanukabuch Herausgaben, nicht schon seit Jahren, statt der ungehört und unbefolgt verhallenden Predigten, durch die literarische That dem Chanukafest eine Stätte, den Weihnachtsschriften ein ebenbürtiges Seitenstück schufen. Wie kommt es doch, daß so viele Jahrzehnte hindurch keiner von den Frommen, keiner von den Anhängern am Althergebrachten an ein Chanukabuch dachte, wie kommt es doch, daß erst ein Freund der verschrieenen Reform darauf Hinweisen mußte? Diese Frage werfe ich nicht aus Unbescheidenheit auf, aber ich meine, sie hätte den Beurtheiler milder - nicht gegen mich, denn das verlange ich nicht, und er hat es überdies auch an persönlicher Anerkennung nicht fehlen lassen — aber gegen meine Parteigenossenschaft stimmen sollen. Der Mangel einer Erzählung ist mehrseitig empfunden worden. Allein dafür bin ich nicht verantwortlich, sondern die jüdischen Schriftsteller, denen meine Aufforderung im Januar mit galt und denen ich im Juli Circulare ins Haus sandte. Ich habe die Freude gehabt, von Leopold Kompert für den nächsten Jahrgang eine Zusage zu erhalten und hatte das lebhafte Bedauern, die einzige und zwar treffliche novellistische Einsendung des Vorjahres zurücklegen zu müssen, weil sie fast den ganzen Raum des Buches in Anspruch genommen hätte. Sie wird demnächst in dem vom jüdischen Literaturverein herausgegebenen Cyclus erscheinen. Bei dieser Gelegenheit kann ich mir indeß die Bemerkung nicht versagen, daß an eine jüdische Novelle, die der Aufnahme in ein Chanukabuch werth wäre, weit strengere Anforderungen zu stellen sind, als an die gewöhnliche Feuilleton-Erzählung. Novellen, die den glücklicherweise aus dem Leben verbannten Jargon, die widerwärtige Mauschelei reproduciren, erscheinen mir ebenso verwerflich, als solche, die nur durch jüdische Namen und Feste an das Judenthum erinnern. Eine jüdische Erzählung, die für Juden lesens werth sein soll, muß jüdische Culturgeschichte enthalten. Und hierin stehen Kompert, Rebenstein und Berthold Auerbach (Dichter und Kaufmann) als leuchtende Vorbilder da. Der Verfasser der demnächst erscheinenden obgedachten Erzählung aus dem jüdischen Leben in Breslau reiht sich ihnen würdig an.