Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 10 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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SeuWUton. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) ״Dein seliger Vater, mein theurer Sohn", begann die Mutter wieder, ״der Dich so liebte, würde sich im Grabe umdrehen vor Schmerz, wenn er die Worte vernehmen könnte, die Du eben gesprochen. Du warst wohl, seit Du erwachsen bist, in stetem Kampfe gegen den Talmud, den er Dich lehren wollte, Du hast nie seine Vorschriften und Gesetze beachtet und galtest in unseren: Heimathsdorfe für einen Gottesleugner. Aber Du warst ein treuer, guter Sohn! Und jetzt willst Du Alles aufgeben, was einem rechtlichen Menschen heilig ist, um allein Deinem Gelüste zu stöhnen; Sitte und Zucht hast Du verlassen; Du willst ein Betrüger werden, um in Pracht und Wollust Deine Tage verbringen zu können. — — — Du tödtest mich!" ״Halt ein, meine Mutter, Du zerreißest mein Herz!" sprach Jankiew; ״und doch weißt Du, daß ich nicht anders kann. Weißt Du, wie die unserem Vater im Amte nachfolgenden Rabbinen unseres Heimathsdorfes mich in den Bann thaten und verfolgten, weil ich ihre Gebote nicht beachten wollte? Wie sie meinem seligen Vater, dem frommen, treuen Manne, im Grabe fluchten — wegen der Sünden seines Sohnes? Wie sie sich selbst an Dich, der Heiligen und Reinen, heranwagten, wie die haßschnaubenden Verfolger sich an Dir versündigten und Dich aus dem Orte trieben, in welchem Du so lange in Frieden lebtest, Allen eine treue Wohlthäterin, bis ihr vergiftender Hauch Dich blind machte, des Augenlichts beraubte, ob der vielen Thränen, die Du vergossen hast — um meinetrckllen; ja, ich weiß es, Alles, Alles um Deines Sohnes willen! So will denn dieser Sohn den'Krieg tragen in ihre Häuser und Gemeinden; er will umstoßen ihre ohnehin wankenden Altäre, vernichten ihre Macht, die sie auf falsche Satzungen aufbauen; er will der Retter, der Messias werden für die im Geiste Geknechteten seines Volkes; für Dich aber und sich selbst will er das Höchste erringen ..." ״Nein, nein, mein Sohn! Nicht für mich! Du kannst Dich täuschen und die blinde, gaffende, wundersüchtige Menge, nicht mich und alle Redlichen! Wenn Du um der Menschen willen die Treue brichst Deinem Gotte, so stütze Dich nicht auf Deine Mutter, nicht auf Deinen Vater! Mutter und Vater! Du lösest die Bande, die Dich mit ihnen verknüpfen, wenn Du abschneidest, was auch sie verbindet mit ihren Eltern und Voreltern und uns Juden allesammt, alle Geschlechter und Zeiten mit dem Gotte Israels. Zürne mir nicht, mein Sohn, höre mein Wort und meine Mahnung! Der Weg, den Du betreten hast, führt zum Unheil! Ich kenne Dich und Dein Herz! Ja wohl, ich will es glauben, daß andere Zeiten und Geschlechter die Formen vemichten können, welche unsere Rabbinen geschaffen für ihre Zeit; das hat schon Dein Vater gelehrt! Mein Geist war nicht klar genug, um ihn seiner Zeit zu begreifen. Auch er hat angekämpft gegen die Fesseln und er war in diesem Kampfe im Bunde mit Deinen Verwandten, Chaja, mit den großen Rabbinen der Familie Schor. Aber die Mutterliebe hat meine Augen geöffnet; ich täusche mich nicht mehr, weder über seine noch über Deine Bestrebungen. Du bist genußsüchtig — und der Mann, der eine neue Zeit heraufbeschwören will, muß entbehren können. Du bist ehrgeizig und herrschsüchtig, willst groß werden und mächtig — und der Retter und Befreier eines Volkes muß demüthig sein, bis zur Entsagung. Du warst viele Jahre so stark in Deiner Selbstüberwindung; jetzt aber bist Du sittenlos geworden — der geistige Befreier eines Volkes aber muß ein Mann sein von strenger Tugend, wie Dein Vater Einer war! Er muß die Wahrheit über Alles lieben — Du beschmutzest Dein Gewissen durch Lug und Trug . . ." ״Mutter! Du gehst strenge ins Gericht mit Deinem Sohne, der Dich so unaussprechlich liebt! — In diesem Buche ist die Wahrheit! Im Sohar — ist Alles vorausverkündigt. . ." ״Im Sohar! Das ist Dein Studium geworden; jetzt erinnere ich mich der Stunden, wo auch Dein Vater sich diesem wüsten Buche hingab, bis er selbst es als Lügenwerk erkannte . . ." ״Lästere nicht", sprach Chaja gereizt, ״ich ehre in Dir die Mutter meines Bräutigams; aber meine Langmuth ist zu Ende, wenn Du den heiligen Sohar, das Buch unserer Lehrer lästerst und verhöhnst, worin ich Deinen Sohn unterrichtet habe." ״Wehe dem Weibe, das die Grenzen überschreitet, die ihm die Sitte gezogen!" erwiderte die alte Mutter. Das Weib soll nicht solche Bücher lesen, wie der Sohar Eines ist; und es soll nicht öffentlich schamlos vergessen der heiligen Sitte und Zucht und seinen unverhüllten Körper den Augen der Männer preisgeben, wie Du es thust im Hofe; Du, die verlobte Braut meines armen Sohnes . . ." ״Genug! Hinaus mit Dir aus diesem Hause, armselige Schwätzerin! Und wenn Dein feiger Sohn, der seine Verlobte von einem zänkischen alten Weibe beleidigen läßt, mit Dir gehen will, so mag er es...", schrie die wüthende Matronita. ״Dies alte Weib", sagte Jankiew, ״war meine Mutter, ehe Du meine Braut geworden; sie hat mich unter ihrem Herzen, auf ihren Armen getragen. Ich gehe hin, wo sie ist. Ich verlasse dies Haus — Dein Haus und Dich, jetzt gleich! Sie hatte Unrecht mit dem Sohar, aber Recht mit Dir.. Wüthend verließ Chaja das Zimmer, als jetzt im Hofe unten ein außergewöhnliches Schreien und Stampfen laut wurde, das man auch in dem Zimmer vemahm, das Jankiew bewohnte. (Fortsetzung folgt.)