Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 10 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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76 senken. Vorurtheil ist das feindseligste Gegenstück vom Urtheil. Es ist nicht, wie man nach dem Wortlaut annehmen sollte, sein Vorläufer, nicht ein Provisorium, das nur so lange gilt, bis eine gründliche Erwägung eintritt. Wo das Vorurtheil sich geltend macht, hört die Möglichkeit eines selbstständigen Urtheils auf. Das zeigt sich so recht bei den auf ganze Stämme und Religionsparteien gerichteten Vorurtheilen, und davon hat die in Nr. 26 v. I. des ״Bildungsvereins" abgedruckte Vorlesung: ״Das Christenthum und der Socialismus" an einer Stelle einen Beleg gegeben. Denn es ist darin als Bestreben des christlichen Geistes bezeichnet: ״das Uebermaß des Erwerbstriebes zu zügeln, welcher dem jüdischen Volke allezeit innegewohnt hat." Man wird zwar aus der Vorlesung nicht recht klug, wie weit der Verfasser den Begriff des ״jüdischen Volkes" und das Perfectum ״innegewohnt hat" ausdehnt, ob es nur die Zeit, in der es geschichtlich ein jüdisches Volk gab — also bis^ zur Zerstörung Jerusalems — oder auch noch alle Folgezeit umspannen will.*) Für jene Auffassung spricht der logische Zusammenhang, wenn es als Streben der ״neuen Lehre" bezeichnet wird: ״die Güter des Geistes, des Herzens und der Innerlichkeit überhaupt gegen die materiellen zu bevorzugen." Für jene Auffassung spricht auch das ״jüdische Volk", denn eine in alle Welt verstreute Glaubensgenossenschast ohne eigenes Land, ohne eigene lebende Sprache ist kein Volk. Aber der Beisatz ״allezeit" zu dem ״innegewohnt hat" läßt die Absicht durchblicken, nicht blos den Vätern, sondern auch den Kindern des ״jüdischen Volkes" das Judenzeichen übermäßigen Erwerbstriebes anzuheften. **) Da wären wir denn glücklich wieder dem alten Vorurtheil begegnet: die Juden sind reich, ihr Streben geht nur aus Erwerb, auf übermäßigen Erwerb. Wie Lessing's Tempelherr halten Viele reich und weise für gleichbedeutend im Sinne der Juden. Das Vorurtheil ist da *) Der Verfasser hat aber gleich im ersten Satz erklärt, daß er nur von dem Christenthum der Evangelien rede, kann also nur dies Urchristenthum in seinem Gegensatz zu dem altjüdischen Volksthum gemeint haben, und man thut ihm Unrecht, wenn man diese von ihm festgestellte Selbstbeschränkung aufhebt und ihn für irgend welche späteren Entwickelungserscheinungen des Christenthums oder Judenchums verantwortlich machen will. Anm. d. Red. d. ״Bildungsvereins". **) Die Gerechtigkeit gebietet uns hier, den Verfasser des angegriffenen Aufsatzes in Schutz zu nehmen und zu erklären, was auch jedem Unparteiischen sein Gefühl und seine Logik bestätigen wird, daß allein die erste Auffassung die richtige ist. ״Dem jüdischen Volke allezeit innegewohnt hat", kann nichts Anderes heißen, als innegewohnt hat, so lange es als Volk bestanden hat. Die daran geknüpften Verdächtigungen für die Folgezeit fallen lediglich einer argwönischen Auslegung anheim. Anm. d. Red, d. ״Bildungsvereins". und wird tagtäglich genährt und bestärkt durch das unangenehm herausfordernde Auftreten einzelner Börsenmatadore. Aber bilden denn diese Einzelnen die Gesammtheit, werden sie denn von dieser als ihr typisch anerkannt, beeifem sich mit diesen Einzelnen um die Wette nicht zahllose Nichtjuden in der Hetzjagd nach Genuß und Gewinn? (Schluß folgt.) Corresponäenz. Aas Kaäea. .ביום ההוא יהיה ד׳ אחד Bewunderung und Verehrung jenen gottbegeisterten Sehern, die schon vor Jahrtausenden die ideale Zeit der Menschenliebe und Verbrüderung mit inniger Ueberzeugung prophezeiten. Ja, unsere Enkel werden noch Vieles erkennen, was Ahnen und Urahnen kaum zu begreifen vermochten. Wer hätte es vor 400 Jahren, in der Zeit (1414—1418), wo man in Constanz (Costnitz) den Feuertod über den Ketzer Joh. Huß aussprach und vollzog, nur auszusprechen gewagt, daß man einmal hier Menschen zusammenbettet, die sich nicht alle zur ״alleinseligmachenden Kirche" bekennen?? — Einen früheren Collegen, Hauptlehrer Berwanger in Wangen, einem lieben Freunde, der wegen Kränklichkeit seinem Berufe Valet sagen mußte und sich eine Malzfabrik gründete, sollte ich, einem gegebenen Versprechen gemäß, die letzte Ehre erweisen und zu seinem Andenken einige , Worte am Grabe sprechen. — Ein ansehnlicher Leichenzug bewegte sich nach dem 1j4 Stunde entfernten Friedhofe der Stadt Constanz, die erst seit wenigen Jahren Juden in ihrer Mitte zählt. Wie staunte ich, als ich ״auf der Höhe" angekommen, wie sich hier die Confessionen so friedlich vertragen. Wie kein Bannfluch durch die Luft zuckte, kein ״Cherem" dem engen Herzen sich entwandt, sondern nur Gleichheit im Tode — warum nicht auch im Leben? — zu erkennen war. — Im Geiste sah ich, wie auf dem Bilde Kaulbach's (Peter Arbues) die dämonischen Physiognomien jener von Gift und Galle geschwollenen Väter des Constanzer Concils und hätte so gerne jene Geister zur Bekehrung heraufbeschworen. Einem befteundeten Amerikaner, St. in A., machte ich hierüber Mittheilung, weil er ein warmer Anhänger des fortschrittlichen Judenthums ist, und nahm mir gleichzeitig vor, auch der ״Jüd. Volkszeitung" dies nicht vorenthalten zu müssen. K. Bodenheim er in Emmendingen. Kunä^cüau. 18. Gaya, 17. Februar. Der Rabbiner in Hollitsch, Ungarn (orthodox), traute vor einem Monate ein Ehepaar, dessen beide Theile nach Mähren und zwar nach Bisenz ge-