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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-10 · 10 (10.3.1874) · p. Seite 75

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
10 (10.3.1874)
Date
1874-03-10
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 Das Christenthum steht also auf einem völlig anderen Boden als der Socialismus und kann deshalb auf wissenschaftlichem Gebiete in einen Kampf um die Hauptpunkte mit denselben gar nicht eintreten. Wenn jenes sagt: Die Güter der Erde sind mir gleichgültig, mein Ziel liegt im Jenseits, so sagt dieser: Für mich gibts nur eine Welt, die ich mit Augen schaue, von ihr kommen meine Leiden und Freuden, mir kommt Alles darauf an, wie die Güter dieser Welt vertheilt werden. Diese Auffassungen stehen einander nicht nothwendig feindlich gegenüber und schließen sich auf praktischem Gebiete nicht aus. Der Christ erleidet an seinem Glauben keine Einbüße, wenn er dem Socialisten die Freuden und Genüsse der Erde gönnt, und ebenso wenig der Socialist, wenn er jenem den Weltverzicht und die Hoffnung auf ein besseres Jenseits ruhig überläßt. Ein Kampf zwischen ihnen ist nur auf theoretischem Boden möglich, sobald einer dem andern zu sich hinüber zu ziehen versucht. Sie werden sich also nur so berühren können, daß das Christenthum strebt, den Socialismus gläubig zu machen, oder daß dieser, sich auf den Boden der Erfahrung stellend, alles, was nicht rein sittlicher Natur an dem christlichen Glauben ist, für Mythos, d. h. für Erdichtung erklärt. Vom Standpunkt der orientalisch-christlichen Bedürfnißlosigkeit läßt sich also der Socialismus nicht bekämpfen. Um überhaupt mit ihm wissenschaftlich streiten zu können, muß man anerkennen, daß der zunehmende Wohlstand des Einzelnen und des Volkes etwas Erstrebenswerthes und Gutes sei. Und trotz dieser scheinbaren Zusammenhangslosigkeit ist dennoch das Christenthum, freilich ohne es zu ahnen, die Wurzel des Socialismus geworden. Das Alterthum kannte die Noth ganzer Stände, Kasten und Classen wie wir, aber es kannte die sociale Frage nicht als solche. Diese konnte erst entstehen, nachdem durch das Christenthum der idealistische Gedanke von der Gleichheit aller Menschen eingeführt worden war, welcher schließlich von der französischen Revolution zunächst auf politischem Gebiete folgerichtig verwirklicht wurde. Von hier war nur ein Schritt bis zum socialen Gebiete. Es, muß sich nun zeigen, ob der Staat, wie er die Gleichheit vor dem Gesetz und die politische Gleichberechtigung auf verfassungsmäßigem Wege bestimmen kann, ebenso im Stande ist, eine gleiche und zwar eine nicht blos verhältnißmäßig, sondern, wie gefordert wird, schlechterdings gleiche Vertheilung der Güter auf dem Wege der Gesetzgebung herzustellen und auf diese Weise dem Einzelnen die Sorge um das Dasein nicht blos abzunehmen, sondern ihm auch noch ein menschenwürdiges Dasein zuzusichern. Gibt es nun zwischen diesen beiden Weltanschauungen gar keine Berührungspunkte, so ergibt sich mit Nothwendigfeit, daß auch der gläubige Christ, sobald er socialistische Anschauungen bekämpfen und nicht bloße Luftstreiche führen will, alle übernatürlichen Fragen aus dem Spiele zu lassen, sich auf den Boden der Wirklichkeit und der ökonomischen Wissenschaft zu stellen und den Gegner mit gleichen Waffen zu bekämpfen hat. Fühlt sich daher z. B. der Geistliche getrieben, wie es seine Pflicht als Bürger erheischt, auch zu seinem Theil Heutigert Tags an der wirthschaftlichen Auftlärung unseres Volkes mitzuarbeiten, so wird seine erste Aufgabe sein müssen, sich in gründliche volkswirthschaftliche Studien zu vertiefen. Hat er dies gethan, und namentlich auch die Gegner in ihren eigenen Schriften studirt, so mag er seine Ueber- Zeugungen aussprechen, die um so eindringlicher wirken werden, je mehr er alle theologischen Beimischungen fern zu halten versteht. Selbst der Gegner wird dann anerkennen müssen, daß er außer seinem Fache sich auch noch um andere Dinge bekümmert hat, die er nicht nach vorgefaßten theologischen Lehrsätzen, sondern nach ihren eigenen wissenschaftlichen Gesetzen zu behandeln wisse. Eine andere Behandlung solcher Fragen von Seiten des wohlmeinenden, aber mangelhaft unterrichteten geistlichen Eifers kommt stets dem kampfgeübten und in der Führung seiner Sache wohlerfahrenen Gegner zu Gute." Von einem lieben Freunde auf diesen Artikel aufmerksam gemacht, der uns Beide um so tiefer schmerzte, je inniger wir Beide den Bestrebungen der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung zugethan sind — habe ich hierauf eine Erwiderung abgehen lassen, die zwar in Nr. 4 des diesjährigen ״Bildungsvereins" Abdruck gefunden hat, aber mit so ungehörigen Redactionsbemerkungen, daß auch sie mir wieder das alte Wort Lessing's bestätigten: ״Nicht alle die sind ftei, die ihrer Fesseln spotten." Doch der Leser urtheile selbst. Meine Erwiderung mit den Anmerkungen der Redaction des ״Bildungsvereins" lautet wie folgt: , ״Wahre Bildung macht ftei, frei auch von allen (?) Vor- .urtheilen. Vorurtheile sind Wolken, welche die Aussicht und den Fernblick trüben. Vorurtheile sind Wandschirme, mit denen die Bequemlichkeit den ungeordneten Zustand im Cabinet des Wissens verbergen will, sie sind Behelfe gegen alle Gründlichkeit des Forschens. Wie leicht ist es, mit einzelnen Personen fertig zu werden, wenn man statt menschenfteundlicher Bemühung, statt Anlegung der psychologischen Sonde, sich mit dem allen: ״Deine Nase gefällt mir nicht", begnügt, oder wenn man das Fraubasengeschwätz über jene Personen für. das Alleinmaßgebende erachtet. Urtheilen heißt Nachdenken, heißt selbstständig thätig sein, heißt sich mit Gründlichkeit und Kenntniß in eine Sache ver-

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