Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 10 (10.3.1874)
- Date
- 1874-03-10
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Sehet die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater nähret sie doch. (Matth. 6, 25—26.) Ja, andere Stellen verbieten ausdrücklich die Sorge um das leibliche Wohl. Z. B. Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. (Matth. 6, 19.) Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. (Matth. 24.) Wahrlich, ich sage euch, ein Reicher wird schwerlich ins Himmelreich kommen. (Matth. 19, 23.) Das Wort Christi: ״Gebet dem Kaiser was des Kaisers", ist in der Form eine geistteiche Spitzfindigkeit, in der Sache das Bekenntniß, daß die Staatsgewalt für die innerliche Entwickelung des Christen etwas Gleichgültiges ist, so lange der Staat nicht selbst in diese innerliche Entwickelung mit Gewalt störend eingreist. Daher nimmt unter allen Büchern des neuen Testamentes nur die Offenbarung St. Johannis Stellung gegen den Staat. Kaiser Nero wird in diesem Buche, dessen Abfassung der Zeit nach genau zu bestimmen ist (vergl. Bild.-V. Nr. 10) als Antichrist dargeftellt, weil das römische Reich unter ihm sich zuerst durch blutige und grausame Verfolgungen feindlich erwiesen hatte. Unter den vorhergehenden Kaisern hatte man die Christen als gutmüthige, religiöse und im Uebrigen staatstreue Schwärmer betrachtet, welche man als völlig unschädlich gewähren lassen dürfe. Ihnen selbst war es in dieser Zeit nie eingefallen, irgend welche Forderungen an die Staatsgewalt zu richten, am wenigsten in materieller Hinsicht. Wie wäre dies auch möglich gewesen bei der völligen Verachtung der Welt und ihrer Güter, durch welche das Christenthum gerade in jener Zeit eines überfeinerten Luxus und vorherrschenden Materialismus einen entscheidenden Rückschlag gegen die herrschende Weltanschauung übte! Wenn der Reichthum eine Schwierigkeit, ja eine Gefahr für die Gewinnung der ewigen Seligkeit war, so durfte man billig den Reichen eher bemitleiden als beneiden. Das Christenthum betrachtet daher das Capital als etwas Gleichgültiges, ja sogar als etwas für den Besitzer Schädliches, daher müsse man nicht nach Besitz streben. Der Standpunkt des Soeialismus ist ein ganz anderer. Ihm ist im Gegentheil das Capital das Mittel zum menschenwürdigen Dasein. Darum verachtet er es nicht, und bekämpft es nur insofern, als er es in wenigen Händen findet, und will es diesen wenigen durch Hülfe des Staates entteißen, um es an Alle, wie er glaubt, gleichmäßig vertheilen zu kön- NM. Bei der diesjährigen BörsMkrisis versuchte der Neue Socialdemokrat der Bourgeoisie nachzurechnen, wie viel Capital sie zerstört habe, und sagte ihr: Seht, ihr seid die wahren Zerstörer des Capitals, nicht wir. Wir wollen das Capital nicht vernichten, wir rufen im Gegentheil: ״Her mit dem Capital!" Dem Socialismus ist der zeitliche materielle Genuß das Höchste, während das ChristMthum im Hinblick auf ein Jenseits, für welches dies Leben nur ein elender Durchgang, ״ein Jammerthal" sei, den Genuß in Erwartung himmlischer Freuden folgerichtig verschmähen muß. Welche Stellung muß hiernach das Christenthum zum Socialismus einnehmen? Es muß nothwendig die Bestrebungen des letzteren als solche ansehen, die dm Menschen von seiner eigentlichen Aufgäbe abführen und die Augen desselben auf die vergänglichen Güter des Diesseits anstatt auf die ewigen des Jenseits lenken. Es muß die, welche den Haß gegen das Capital und gegen den modernen Staat predigen, verurtheilen, nicht deshalb, weil sie Capital und Staat angreifen, sondern weil sie überhaupt den Haß predigen und den Sinn aus gleichgülttge und vergängliche Dinge richten, welche in den Augen des Christen einer wesentlich anderen Werthschätzung unterliegen; es muß aber auch die Capitalisten verurtheilen, welche über- Haupt nach der Ansammlung von Gütern streben, ohne dieselben unmittelbar wiederum für das Wohl ihrer Mitmenschen zu verwenden; es muß endlich sowohl den Arbeitgebern als auch den Arbeitnehmern das Gewissen schärfen über den eingegangenen Vertrag hinaus ihren Pflichten gegen einander gerecht zu werden. Von einer geschäftlichen und rechtlichen Auffassung des Lohnverhältnisses oder Arbeitsertrages findet sich keine Spur im neuen Testamente; vielmehr zeigt das Gleichniß von den Arbeitern im Weinberg einen bewußten Widerspruch gegen die rechtlich wohlbegründeten Ansprüche auf Entschädigung für geleistete Arbeit. An die Stelle der rechtlichen Verpflichtung des Arbeitgebers tritt hier, fteilich nicht zum Schaden der Betheiligten, die willkürliche Gnadenerweisung, welche de? Socialismus ebenso bekämpfen wird, wie das eherne Lohngesetz. Diese gänzliche Mißachtung der Güteranhäufung und Capitalansammlung fließt offenbar aus einer doppelten Quelle. Nämlich erstens aus dem Bestreben des christlichen Geistes, das Uebermaß des Erwerbstriebes zu zügeln, welcher dem jüdischen Volke allezeit innegewohnt hat; die neue Lehre wollte die Güter des Geistes, des Herzens und der Innerlichkeit überhaupt gegen die materiellen bevorzugen, um sie aus ihrer Vernachlässigung zu erheben, und das gesammte Leben auf ihnen zu begründen; zweitens aus der morgenländischen Bedürfnißlosigkeit, aus der Möglichkeit, welche nur ein milderer Himmel gewährt, mit Wenigem auskommen zu können. Die nackten Weisen, Diogenes, die indischen Bettelmönche rc. sind Erscheinungen, welche ebenfalls hierher gehören. Der furchtbare Kampf ums Dasein, welcher im Norden gegen die Natur zu führen ist, würde hier nie eine solche Lehre haben aufkommen lassen.