Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 9 (3.3.1874)
- Date
- 1874-03-03
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579001--558-9579007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
70 seiner Religionsgenoffenschaft sich mit solch einer Erklärung, die so gar nicht am Platze und dazu eine Unwahrheit ist, brüsten zu wollen? .... Wäre es da nicht besser, der Herr Abg. Lasker würde künftig bei ähnlichen Gelegenheiten lieber ganz von Juden und Judenthum schweigen und wenn er dafür nichts thun will oder kann, doch wenigstens durch dergleichen Redensarten nicht nachtheilig wirken — und als gelehrter Rechtskenner erwägen, daß er so lange nicht im Namen der sämmtlichen jüdischen Preußen sprechen und erklären kann, bis er auf irgend eine Weise von denselben ordentlich dazu ermächtigt ist. Einer von den 300,000 jüdischen Preußen. NoH einmal ״Iu Cüanuka". In Nr. 1 des diesjährigen jüdischen Literaturblattes findet das von mir herausgegebene jüdische Haus- und Volksbuch ״Zu Chanuka" eine so abfällige Beurtheilung, daß ich mich veranlaßt sehe, ein Wort zur Entgegnung zu sagen. Zweierlei vermißt der Recensent an dem Buche. Es soll für die Jugend bestimmt sein, aber ״wo bleiben die Kinder?" Und dann fehlt eine größere poetische Erzählung. Der Verurtheiler geht mit dem Vorurtheil an das Buch heran, daß es für Kinder bestimmt sein solle. Wo aber ist das gesagt? Das Buch soll — und ich habe dies auch ausdrücklich in einem an die bekanntesten jüdischen Schriftsteller im Sommer vorigen Jahres versandten Circulare erklärt — für einen Leserkreis vom dreizehnten Lebensjahre an aufwärts bestimmt sein. Für Kinder beabsichtige ich nichts zu schreiben, nichts herauszugeben. Jugendschriftsteller, Lehrer, Erzieher bin ich nicht. Denen ins Handwerk zu pfuschen, bin ich nicht gemeint. Mit keinem Worte habe ich gesagt, daß mein Unternehmen für Kinder bestimmt sei. Hiermit werden fast alle Einwendungen des Recensenten hinfällig. Wenn ich auf die Nothwendigkeit hinwies, unseren Kindern auch Geistiges zu Chanuka zu bescheeren, so habe ich damit doch nicht mich verpflichtet, ein jüdischer Kinderfchriftsteller zu sein. Und ich meine, außer den Kindern, an die der Recensent ausschließlich denkt, gibt es noch eine Heranwachsende Jugend, die vom dreizehnten Jahre an, der eine eindringliche Ermahnung und Belehrung vom jüdischen Standpunkt aus um so nöthiger ist, je mehr sie sich durch ihren Bildungsgang der Religionsschule entfremdet. An diese der letzteren entwachsenden und entwachjenen Gymnasiasten, Realschüler, Handelsschüler, Lehrlinge, an das heranreifende weibliche Geschlecht u. s. w. dachte ich zunächst, an das jüdische Publikum insgemein sodann, als ich an die Herausgabe ging. Und ich meine, ich habe diesen meinen Stand- und Ausgangspunkt in den beiden, vom Herrn Recensenten mit dem kritischen Besen als ״Aufkläricht" beseitigten Aufsätzen ״An meinen Sohn, zur Barmizwah" und ״Der Reichthum in Israel" scharf genug gekennzeichnet. Habe ich dann das Unrechte getroffen, meint der Herr Recensent, nur für die Kinder von zehn Jahren und darunter sei ein Chanuka-Buch nöthig und wünschenswerth — nun so will ich nicht streiten. Ich meinerseits rufe mit Moses: Wollte Gott alles Volk wäre prophetisch, wollte Gott die Chanuka-Literatur flösse reichlich, und es würde jeder Altersclasse, also auch den Kindern, eine Literaturspende geboten. In diesem Sinne habe ich einem würdigen Gelehrten, der mir als Beitrag für das Kindesalter bestimmte Midraschim anbot, geantwortet und ihm anempfohlen, diese selbständig herauszugeben. Mein Buch und dessen Fortsetzungen, wenn mir ein Einfluß auf dieselben vergönnt bleibt, sollen für das heranwachsende Geschlecht bestimmt bleiben, sollen ihnen das einsaugen, was ich gerade in diesem Heranwachsenden Geschlechte entsetzlich schwinden sehe: Liebe für jüdisches Wesen und Wissen. Ich Kescheids mich, daß der Anfang eben nur ein Anfang ist. Blieb doch die Hauptlast mir. Im Januar 1873 erschien meine Aufforderung zur Begründung mindestens eines Chanuka-Buchs in dem jüdischen Volksblatt. Keine andere jüdische Zeitung nahm davon Notiz, obschon unter den Redactionen Tauschexemplare cireuliren. Freunde erklärten mir nach langer Zeit, daß, hätten sie von dem Auftuf Kenntniß erlangt, sie sofort an die Arbeit gegangen wären, um einen Beitrag zu liefern. (Schluß folgt.) Feuikketon. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Fortsetzung.) Das Haupt auf den Tisch gestützt, vor sich einen großen Folianten geöffnet, aber unbeachtet, die Augen ziellos ins Weite schauend, sitzt Jankiew Leibowicz*) in einem kleinen, aber fast prunkvoll ausgestatteten Zimmer. Ein Jahr bereits ist seit, jenem Tage vergangen, an dem wir ihn zum ersten Male an der Hand seiner Mutter in jenem armseligen, podolischen Dörfchen fanden, ein Jahr der ausschweifendsten Aufregung, die ihre tiefen Spuren im Gesichte des jungen, damals so blühenden Mannes zurückgelaffen. Es ist noch immer der überaus kräftige, fast herkulisch gebildete Oberkörper, mit *) Nicht Leibel Jankiewicz, wie es in der vorigen Nummer durch Verwechslung der beiden Vorsilben irrthümlich heißt.