Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 9 (3.3.1874)
- Date
- 1874-03-03
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 69 besonders Rector Meyer, den vielleicht eine dunkle Ahnung treiben mochte, auf Beschleunigung drang. Inzwischen hatte die Mutter der Kinder den Aufenthaltsort der letzteren doch erfahren und in ihrem Auftrag wandte sich Dr. Schwabacher in Odessa, wie bereits mitgetheilt, an Hrn. Dr. Levin dahier, der sich sofort in Begleitung eines hiesigen israelitischen Kaufmanns nach Neuendettelsau verfügte, um die nöthigen Schritte zu thun. Die dortigen Anstalts-Vorstände sahen nach Einsicht der ihnen vorgelegten Papiere sofort ein, daß an ein weiteres Zurückhalten der Kinder nicht zu denken sei; desto mehr suchten sie auf die Kinder selbst einzuwirken und sie zur Standhaftigkeit zu ermahnen. Als Dr. Levin Maria Perez zum ersten Male sah, sagte er zu ihr: ״Maria! willst Du Deine Mutter sehen?" Da riß das Mädchen in einer momentanen Regung von Scham und Reue mit zitternder Hand das Kreuz, das es am Halse trug, hinweg und warf es von sich. Allein sofort befahl eine Schwester, das Kreuz wieder umzuhängen und das Kind gehorchte. — ״Die Liebe zu Gott geht vor der Liebe zu den Menschen; wer selig werden will, muß Vater und Mutter verlassen und dem Kreuz Nachfolgen." — Das war die Antwort, die man dem von Verhetzungen der Kinder abmahnenden israelitischen Geistlichen ertheilte, das waren auch die Mahnungen, welche man den scheidenden Kindern mit auf den Weg gab. ״Du gehst jetzt von uns, einer schweren Prüfung entgegen, aber du wirst wiederkehren. Glaube nnd bete", so sprach Pfarrer Weber zu Maria beim Abschied und ״Bleib nicht bei den Juden!" riefen die an der Thüre versammelten Insassen der Anstalt ihr nach. — Herr Dr. Levin ist gestern von seinem schweren Gang zurückgekehrt und hat die Opfer der schmählichen Seelenretterei bei sich. In welchem Zustande sich die jungen Mädchen befinden, läßt sich leicht denken. Während in Dutha die Liebe zur Mutter langsam wieder erwacht und die Neuendettelsauer Eindrücke bald verdrängen wird, lebt und webt Maria vollkommen in jenen mystischen Anschauungen, die man ihr beigebracht und mit denen man sie bis zur Willenlosigkeit beherrscht hat. Sie betet, liest im neuen Testament und seufzt nach ihrem ״Seelenbräutigam" Jesus Christus. — Ob die Mutter sich damit beruhigen wird, ihr Kind wieder zu bekommen, oder ob die Sache weitere, gerichtliche Folgen haben wird, das wissen wir bis jetzt noch nicht. Eine empfindliche Züchtigung hat aber dieses schmachvolle Treiben wohl verdient. Tkokey, 13. Febr. ״Wer viel spricht, kann Fehler nicht vermeiden" sagt Salomo. Die Wahrheit dieses alten Spruches hat am Schlüsse der 75. Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am 6. Februar c. — vergl. Beibl. der Berl. Volksztg. Nr. 33 — gelegentlich der Verhandlung über die Verbesserung der äußeren Lage der Geistlichen der anerkannten christlichen Bekenntnisse wieder einmal der Herr Abg. Lasker bewiesen. Der Jude Lasker weiß, daß in der Gegenwart ein Nothstand unter den christlichen Geistlichen und Lehrern herrscht und ist daher als liberaler Mann — sofort für die Bewilligung der Aufbesserungssummen von 250,000 Thlr. — Soweit ist Alles in bester Ordnung. Wie aber kann der Jude Lasker bei dieser Gelegenheit sich herausnehmen im Namen von ca. 300,000 jüdischen Preußen*) ohne Weiteres zu behaupten: ״die Juden verschmäheten in cultueller Beziehung jede Staatshülfe und sorgten deshalb selbst in ausreichender Weise für ihre Seelsorger.?" Welcher israelitische Preuße hat ihn zu einer solchen Aeußerung vor dem ganzen Lande autorisirt? Wer bezeugt ihm die Wahrheit der Behauptung: wir Juden in Preußen verschmäh eten die Staatshülfe? Womit kann er dieses stolze Wort beweisen? Und wie stimmte dieses Wort zu seiner darauffolgenden Abstimmung, d. h. wo bleibt hier die Logik? wo die Consequenz? Haben wir jüdische Preußen denn noch je die Gelegenheit gehabt, für unseren Cultus eine Beihülfe des Staates zu verschmähen, abzuweisen? Waltet nicht vielmehr das Gegentheil ob? Wie oft schon liefen Gesuche und Denkschriften bei den verschiedenen königlichen Regierungen und im Abgeordnetenhause ein, die gerade das Gegentheil beweisen?**) Der große Abgeordnete scheint eine gewaltige Ehre darin Zu finden, daß die Juden in Preußen für die christlichen Culte und deren Aufbesserung durch ihre Staatssteuer beitragen dürfen, resp. müssen, ohne auch nur einen Pfennig für ihren eigenen Cult aus Staatsmitteln erlangen zu können! Ueber das eigentliche Unrecht, was den Juden in Preußen geschieht — die voch bekanntlich ebenso patriotische Staatsbürger sind, wie die Christen — daß sie trotz der gerühmten Parität bisher für andere Culte mit beitragen müssen — ohne selbst (das annectirte Hannover ausgenommen) die geringste Beihülfe zu empfangen — obschon in einer großen Zahl unbemittelter Gemeinden, gerade weil sie keinerlei Unterstützung vom Staate haben können, die religiösen Verhältnisse ganz und gar darniederliegen — wollen wir hier kein weiteres Wort verlieren und es der Zeit und dem Gerechtigkeitssinn den gesetzgeberischen und leitenden Factoren überlassen, die diese Ungleichheit nach und nach aufheben werden. Aber wie kann ein Jude, wenn es auch Lasker ist, oder gerade weil es Lasker, dieser begabte und einflußreiche Abgeordnete ist, es wagen, zum Schaden *) Die in anderem die jüdischen Gemeindeverhältnisse betreffenden Fragen auch nicht mit ihm übereinstimmen. **) Eben wieder von dem Oberrabbiner I. Cahn und der jüdischen Gemeinde in Trier. Red.