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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-03 · 9 (3.3.1874) · p. Seite 71

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
9 (3.3.1874)
Date
1874-03-03
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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71 den dunkeln feuersprühenden Augen, mit den sinnlichen Zügen. Aber in diesen Zügen zeigt sich jetzt auch Härte und Starrsinn neben Schwärmerei; in den Augen zuweilen jeneMattigfeit, die im Gefolge der schwärmerischen Sinnlichkeit ist. Was er jetzt sinnen mag? Denkt er an die Ideale der Vergangenheit oder an das verderbliche Ziel, das er sich für sein Leben gesteckt, feit er sich in den Zauberkreis der Matronita begeben? Oder sinnt er schon, wie er diese zauberische Macht brechen, von sich abschütteln will, die bisher den Reiz seines Daseins bildete; von der er sich alle Ideale seines ftüheren Lebens rauben ließ? Leise öffnet sich die Thüre; er merkt es nicht. Zwei weiche Arme umfangen ihn jetzt und entreißen ihn seinen Träumereien. ״Bist Du es, Chaja?" ״Ja, mein Süßer! Wer sollte es sonst sein, der Dich in Deiner Klause aufspürt? Ich komme von Deiner Mutter! Komm, entschlage Dich Deinem Sinnen; laß uns fröhlich sein!" ״Fröhlich? Weißt Du nicht, welche Gefahren uns drohen?" ״Gefahren, närrischer Mensch? Wer könnte uns Etwas thun, Dir, dem Messias, dem heiligen Herm, der bald durch seine Verehelichung mit der M atro nita die höchste Weihe empfangen wird? Unsere Leute werden uns schützen gegen das Drängen der neugierigen Rabbinen, die ihre Nase in unser herrliches Geheimniß stecken wollen. Und wenn Du Messias und König bist, der herrliche und heilige Herr, der andere Gott und ich Dein Weib; der von unseren Anhängern ersehnte Augenblick gekommen sein wird, wo die Schechina mit dem Elohe Jsroel sich vermählt, wie unsere Ueberlieferungen sagen — dann, mein Freund . . ." ״Närrin! Ist das Dein ganzer Ehrgeiz? Ich weiß das Glück, das Du mir bietest, zu schätzen. — Aber unsere An- Hänger sind nur wenige und die Rabbinen sind mächtig; Du mißkennest ihre Gewalt, weil sie Dich bis jetzt nicht die Schärfe ihres Richterspruchs fühlen ließen. Du bist ein Weib und Dein Vater ist ein schwächlicher Greis, den sie im Grunde verachten und der sich zudem nur immer als Verkündigerdes Messias geberdete, nie den höchsten Rang einnahm, nie der Wiedererschienene selbst sein wollte. Unsere Anhänger sind zu wenige . . ." ״So laß Dirs genügen mit dem, was Du errungen; genieße Dein Leben in meinen Armen; ... wir haben genug, um unseres Lebens froh zu werden . . ." ״Nein, nein! Dafür wagte ich nicht Alles! Ich will weiter, hoch hinauf", rief er mit so stolzem aber rauhen Tone, daß Chaja erschrak. — ״Ja, königliche Pracht soll mich umgeben, weithin soll mein Ruf dringen! Ueberall soll mein Name, wenn nicht mit Liebe, so doch mit Scheu, mit Furcht genannt werden! Ich will viel, viel erringen. Alles—um Alles! . . . Sabbatai's Loos reicht nicht für meinen Ehrgeiz!" Während dieses Gespräches hatte sich leise die Thüre geöffnet. Tiefgebeugt ttat die Mutter Jankiew's an der Hand einer Dienerin ein — sie war sehr alt geworden in diesem Jahre! Ihr Haar war vollends gebleicht; das längst erloschene Licht ihrer Augen war nicht wieder gekommen durch den Segen des ״Alten, des Heiligen und seiner Tochter, der Matronita". Es schien fast, als wäre alles Leben gewichen aus diesem abgehärmten Gesichte. Jetzt blickte ein tiefer, unsäglicher Kummer aus ihren Zügen; sie hatte die letzten Worte ihres Sohnes vernommen und-schauderte; das Mutter- Herz empörte sich. — ״Mein Sohn", sprach sie. Jankiew drehte sich um; ein Strahl der alten Kindesliebe, die einst so mächtig alle anderen Gefühle in diesem heißen Herzen beherrschte, stahl sich aus seinen Augen, ein Strahl, der von Chaja erhascht, diese mit einer unsäglichen Bitterkett erfüllte. Er sprang auf, geleitete seine Mutter zu einem Stuhle und sprach: ״Du kommst zu mir, meine theure Mutter? Fehlt Dir etwas in Deinem Zimmer? Ist die Magd nachlässig gewesen, die ich zu Deiner Bedienung bestellt habe? Sie soll es büßen! Oder wünschest Du etwas von mir?" ״Mir fehlt nichts und ich habe keinen Wunsch, als — Deine Stimme zu hören und die alten treuen Töne zu vernehmen, die das Zeugniß Deiner Liebe zu mir sind und die mich so sehr beglückten-; aber . . ." ״Aber, meine geliebte Mutter?" ״Deine letzten Worte, die ich soeben wieder vernommen, haben mich tief betrübt. Die ähnlichen Reden sind ja die Quelle geworden aller meiner Leiden, schlimmer als das verlorene Augenlicht, denn sie bezeugen mir, daß Du das Licht Deiner Seele verloren hast; Du bist untreu geworden Deinem Gotte und der Wahrheit! Hirngespinnste umgaukeln Deine Sinne; verzehrender Ehrgeiz, unbegränzte Genußsucht umdüstern Deinen einst so Hellen Blick und werden Dich zum Betrüger, zum Scheusal der Menschen machen!" ״Mutter!" ״Ja, Sohn, schon längst wollte ich den Gram aussprechen, der meine Seele bedrückt. Darf ich Dir — und Dir, Chaja, die Du meine Tochter werden sollst, — einmal Alles, Alles sagen?" (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. In unserem Artikel in Nr. 7, Ingelheim, S. 52, Sp. 2, Z. 3 vu., ist ein sinnentstellender Druckfehler stehen geblieben. Es heißt dort: ״Heute ehren sich die orthodoxen Blätter, indem sie über den Tod Loewi's beredt — schreiben", und sollte heißen: ״Heute ehren sich die orthodoxen Blätter, indem sie über den Tod Loewi's beredt — schweigen.

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