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Jüdische Volkszeitung · 1874-03-03 · 9 (3.3.1874) · p. Seite 68

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
9 (3.3.1874)
Date
1874-03-03
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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68 eine schöne Zukunft finden. — Die Prüfungen in Raschi, das Dietando-Schreiben an der Schultafel, das Aufhören des im ganzen Orient üblichen Singens beim Lesen der Schüler — das alles, den dortigen Rabbinen neu, hat dieselben sehr angenehm überrascht. — Mehr als 100 israelitische Junglinge find als Handwerkslehrlinge bei verschiedenen Meistern untergeLracht, um Goldarbeiter, Uhrmacher, Schneider, Weber, Färber, Schuhmacher zu werden. — Viele junge israelitische Mädchen ernähren sich und ihre Familien durch Seidenstickerei, welche die indische übertrifft. Man beabsichtigt die Gründung einer Töchterschule und bittet den Ausschuß um seine Mit- Wirkung. 4) Um einen Anfang zur Reorganisation des israelitischen Schulwesens in Constantinopel zu machen, werden der Schule zu Ortakeui 1500 Franken jährlichen Beitrags bewilligt. 5) Das Bezirks-Comits zu Constantinopel hat zu Gunsten der bedrückten Glaubensgenossen in Diarbekir einige Schreiben des Veziers und einen Hirtenbrief des Patriarchen erwirkt und Hr. Veneziani, der Vieepräsident, hofft, daß dies genügen werde, die Aufregung zu stillen und die unsichere Lage der dortigen Israeliten mindestens eine Zeitlang zu verbessern. — Dagegen ist es Hrn. Venenziani nicht gelungen, die Ausführung des gegen Ali Elkerkeni, des Mörders von Saul Raeca, ergangenen Urtheils zu erwirken. Der Mörder bekleidet eine so hohe geistliche Würde, daß er wohl keine andere Strafe erleiden wird, als die, sich nicht aus Constantinopel entfernen zu dürfen. — Die Anstifter der im März 1872(!) gegen die Juden zu Smyrna geübten Gewaltthätigkeiten, vier Griechen, find zu 10, 7, 5 und 3 Jahren Galeerenstrafe verurtheilt worden. — Zugleich treffen Briefe aus Smyrna ein mit der Nachricht, das sich dort eine geheime muselmännische Gesellschuft gebildet hat, die wöchentliche Beiträge sammelt und deren Zweck Mißhandlung oder Tödtung von Israeliten ist. Man kann mit der Gesellschaft unterhandeln und Sicherheit des Lebens von ihr erkaufen — aber sie hält ihre, Versprechen und Verbindlichkeiten nicht. (Schön, wo Ordnung ist!!) 6) Die prekäre Lage der Israeliten in Maroeeo, eine Folge der politischen Verhältnisse (Thronwechsel und damit verbundener obligater Bürgerkrieg), dauert fort; eine große Anzahl Israeliten wurden von den Beduinen ausgeplündert und, auf einem Markte, zwei ermordet, ein Herr und sein Diener. Die Israeliten fanden den Leichnam des Letzteren mit abgeschlagenem Kops; dem Ersteren waren die Eingeweide aus dem Leibe gerissen und ein großer Stein dafür hineingelegt. 7) In Bezug auf die russischen Israeliten wird dem Ausschuß als Ort der beasichtigten Conferenz von der einen Seite Königsberg, von der anderen Berlin vorgeschlagen; er will die Entscheidung hierüber seinen in Deutschland wohnenden Mitgliedern anheimgeben und eines seiner Pariser Mitglieder dazu abordnen. Corresponäenz. Nus Nürnberg, 20. Febr., enthält der ״Fränk. Courier" folgende Mittheilung: (Ein Mortarafall in Bayern.) Es gelangt heute ein Vorfall zu unserer Kenntniß, der laut gegen die schwachvolle und gewissenlose Proselytenmacherei, wie sie von einem Theile unserer protestantischen Geistlichkeit mit mehr Fanatismus noch, als von den Ultramontanen betrieben wird, laut gen Himmel schreit. Vor einigen Tagen bekam der hiesige Rabbiner, Hr. Di־. Levin, von seinem Amtseollegen in Odessa, Hrn. Dr. Schwabacher, die Mittheilung, daß sich in einer Anstalt des bekannten Muckernestes Neuendettelsau zwei israelitische Mädchen gegen den Willen ihrer Mutter befänden und von dieser zurückverlangt würden. Diese Mittheilung entsprach vollkommen der Wahrheit. Maria und Dutha Perez, die erstere 16, die letztere 10 Jahre alt, sind Töchter eines Rabbi aus Wilna und waren nach dem Tode ihres Vaters mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Odessa gezogen. Hier lernte der Letztere den auf Missionsreisen befindlichen Pfarrer Weber, nunmehr Pfarrer in Neuendettelsau, kennen, ließ sich taufen und kam dann, wir wissen nicht in welcher Eigenschaft, nach Neuendettelsau. Vor ca. 5/4 Jahren entführte dieses gewissenlose Subjeet seine beiden Schwestern der Mutter und brachte sie ebenfalls in das Muckernest, wo sie in einer der dortigen Anstalten untergebracht und in die entsprechende Behandlung genommen wurden. Man kennt ja die zahllosen, verwerflichen Mittel, durch welche die protestantischen, wie die katholischen Seelenverderber auf die jugendlichen Gemüther einzuwirken verstehen, um in ihnen nach und nach jede menschliche Empfindung, jede menschliche Regung abzutödten, sie loszureißen von allem, was einem Menschen- Herzen heilig und theuer sein mag, auszureißen aus den jungen Herzen das heiligste Gefühl der Kindesliebe und sie so herzurichten zu verknöcherten Herz- und willenlosen Werkzeugen eines unheilvollen Fanatismus. — Mit den beiden ftemden und verschüchterten Kindern wurde so gut experimentirt — die Herren verstehen ja ihr Handwerk ganz vorzüglich — daß Maria, die Aeltere, schon nach kurzer Zeit getauft werden konnte. Natürlich war großer Jubel in Neuendettelsau über diese gerettete Judenseele, und an die arme Mutter, die sich im fernen Rußland um die gestohlenen Kinder härmte, dachte Niemand. War's doch nur eine Jüdin! Auch Dutha's Seele war so weit zubereitet, daß ihre Taufe täglich bevorstand, da

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